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1.12.2008 | Von:
Wolfgang Elz

Versailles und Weimar

Revisionisten

Der französische Ministerpräsident Clemenceau hatte bei der Übergabe der Vertragsbedingungen als Präsident der Friedenskonferenz betont,[2] "daß dieser zweite Versailler Friede (...) von den hier vertretenen Völkern zu teuer erkauft worden ist, als daß wir nicht einmütig entschlossen sein sollten, sämtliche uns zu Gebote stehenden Mittel anzuwenden, um jede uns geschuldete berechtigte Genugtuung zu erlangen". Tatsächlich war Frankreich mit dem Vertrag aber keinesfalls zufrieden: In den Verhandlungen der Sieger hatten sich ganz unterschiedliche Vorstellungen gezeigt, und insbesondere zwischen den "großen Drei", neben Clemenceau der britische Premier David Lloyd George und der amerikanische Präsident Woodrow Wilson, war bis an den Rand des Abbruchs verhandelt worden. Frankreich hatte Maximalforderungen durchsetzen wollen, mit der Rheingrenze geliebäugelt, vielleicht gar mit der Auflösung des Reichs und der Rückführung auf den Stand von 1866. Den angelsächsischen Vertretern ging dies entschieden zu weit: Lloyd George wollte die halbhegemoniale Vorkriegsstellung Deutschlands nicht durch eine Kontinentalvormacht Frankreich ersetzt sehen; für Wilson waren die französischen Pläne unvereinbar mit seinen Vorstellungen von der friedlichen und für den amerikanischen Handel vorteilhaften Nachkriegsordnung in Europa, wie sie in seinem Vierzehn-Punkte-Programm vom Januar 1918 festgelegt war.

Die französischen Motive waren aber nicht rein imperialistisch oder expansiv: Man fürchtete den deutschen Nachbarn, der in fünf Jahrzehnten zweimal Krieg in Frankreich geführt und unermessliche Schäden hinterlassen hatte, den man in demographischer wie in wirtschaftlicher Hinsicht als strukturell überlegen ansah und dessen Angriffspotential daher nachhaltig geschwächt werden musste. Das Ergebnis hinterließ in Frankreich den schalen Beigeschmack, das eigentliche Kriegsziel, nämlich Sicherheit vor Deutschland, nicht erreicht zu haben. Frankreich blieb vorerst eine revisionistische Macht, die in den Folgejahren versuchte, die Möglichkeiten des Friedensvertrags zu nutzen, um die durch den Wortlaut nicht erreichte Sicherheit nachträglich doch noch zu erlangen.

Philipp Scheidemanns Worte am 12. Mai 1919 in der Nationalversammlung waren exemplarisch für die deutsche Reaktion auf die Vertragsbedingungen: "Welche Hand müßte nicht verdorren, die sich und uns in diese Fesseln legt?"[3] Nach seiner Warnung: "Dreimal wehe über die, die heute einen wahrhaften Frieden auch nur um einen Tag verzögern", erhielt er nach Aufzeichnung des Stenographen "minutenlangen brausenden Beifall im Hause und auf den Tribünen"; die darin zum Ausdruck gebrachte Haltung wurde von der ganz überwiegenden Mehrheit in Deutschland geteilt. Und mit Scheidemann hatte ja nicht etwa ein Ewiggestriger von der monarchistischen Rechten dieses harsche Urteil über den Vertrag abgegeben; er hatte sich im letzten Kriegsjahr Schmähungen im Reichstag anhören müssen wegen des "Scheidemann-Friedens", für den er vehement eingetreten war, einen Frieden "ohne Kontributionen und Annexionen".

In Deutschland war für die Mehrheit der Parteien (im Grunde gilt dies für alle Regierungen der Weimarer Republik) von Anfang an klar, dass dieser Vertrag keinen Bestand haben dürfe. Die deutsche Außenpolitik zielte auf Revision der zentralen Vertragsteile. Folglich standen sich mit Frankreich und Deutschland zwei Hauptakteure der europäischen Politik als Revisionisten gegenüber. Revisionismus von Staaten nach einem großen Krieg ist in der Geschichte der Neuzeit keine Ausnahme: Frankreich nach 1815 und vor allem unter Napoleon III. sowie nach 1871, Russland nach dem verlorenen Krimkrieg und erneut - als Sowjetrussland bzw. ab 1922 als Sowjetunion - nach den Territorialverlusten an den Rändern des Russischen Reiches infolge von Weltkrieg und Revolution sind Beispiele dafür, wie Nachkriegsordnungen revidiert werden sollten. Letztlich gilt dies - wenn auch nicht mehr als Großmacht und unter völlig veränderten Bedingungen - selbst für die Bemühungen der Bonner Außenpolitik nach dem Zweiten Weltkrieg, die "Deutsche Frage" offenzuhalten und sich nicht mit der Teilung abzufinden. Die Beispiele weisen indes darauf hin, dass der Begriff Revisionismus nicht präzise genug für eine Beurteilung ist: Es kommt auf Methoden, Instrumentarien und Ziele an.

Fußnoten

2.
Quellen zum Friedensschluß von Versailles. Hrsg. v. Klaus Schwabe, Darmstadt 1997 (Ausgewählte Quellen zur deutschen Geschichte der Neuzeit, Bd. 30), S. 242.
3.
Verhandlungen der verfassunggebenden Deutschen Nationalversammlung. Stenographische Berichte, Bd. 327: 1919, Berlin 1920, S. 1082ff.