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1.12.2008 | Von:
Wolfgang Elz

Versailles und Weimar

Krisenjahr 1923

Rapallo blieb nur ein Intermezzo. Dem Inhalt nach handelte es sich bei dem Vertrag mit der Sowjetunion von 1922 formal um einen Normalisierungsvertrag: um die Wiederaufnahme voller diplomatischer und wirtschaftlicher Beziehungen und den gegenseitigen Verzicht auf finanzielle Forderungen. Die dahinterstehende Absicht war allerdings eine andere. Die Sowjetunion, der zweite Paria der Nachkriegsordnung von 1919, war zum einen der Feind des Feindes, nämlich des zwischen beiden Staaten wiedererstandenen Polen, zum anderen hoffte man, sich durch die Zusammenarbeit auf verschiedenen Gebieten dem Block der Gegner widersetzen und revisionistische Schritte gehen zu können. Aber die wirtschaftlichen und auch politischen Hoffnungen wurden nie eingelöst. So blieb als längerfristiges Aktivum allein die bereits vor Rapallo eingeleitete und selbst mancher Reichsregierung nicht im Detail bekannte Zusammenarbeit der Reichswehr mit der Roten Armee, mit der Abrüstungsbestimmungen umgangen werden konnten. Als unmittelbares Passivum war dagegen eine Verhärtung der Siegermächte zu verbuchen, die sich in ihren Hoffnungen auf eine gemeinsame Politik gegenüber der Sowjetunion getäuscht sahen und hinter dem Vertrag mehr, nämlich eine explizit antiwestliche militärische Allianz, befürchteten.

Nun führt zwar kein direkter Weg von Rapallo zur französisch-belgischen Ruhrbesetzung vom Januar 1923 und damit in das große Krisenjahr der Republik. Aber die durch den Vertrag verhärtete Beziehung zwischen Deutschland und den Siegern erleichterte dem französischen Premierminister Raymond Poincaré die Argumentation: Für einen geringfügigen deutschen Rückstand bei den Lieferungen von Kohle und Grubenholz schickte er eine Armee von 60 000 Soldaten, schlecht getarnt als Schutztruppe für eine kleine Ingenieursgruppe, ins Ruhrgebiet und damit ins Herz der deutschen Schwerindustrie. Der von der Reichsregierung ausgerufene passive Widerstand und der daraus entspringende "Ruhrkampf" entwickelten sich schnell zum Abnutzungskampf und gewissermaßen zur nachgeholten letzten Schlacht des Weltkriegs. Frankreich griff drakonisch durch; Deutschland setzte seine Hoffnungen darauf, dass Frankreich sein Ziel nicht erreichen werde und man Großbritannien, welches das französische Ausgreifen mit Skepsis verfolgte, auf seine Seite ziehen könne, vielleicht auch die USA, die ebenfalls an einer weiteren wirtschaftlichen Schwächung Deutschlands kein Interesse haben konnten. Doch die übergeordneten Interessen der Briten verhinderten einen offenen Bruch mit Frankreich. Und die USA waren nach ihrem Rückzug aus Europa wirtschaftlich, aber kaum politisch am alten Kontinent interessiert.

Bald entstanden für Deutschland neue Probleme, und die alten verschärften sich drastisch: Die Nachschublieferungen in die besetzten Gebiete waren schwierig, weil Frankreich eine Grenze zwischen besetztem und unbesetztem Gebiet zog. Die durch den Widerstand arbeitslos Gewordenen hingen von der finanziellen Versorgung aus Berlin ebenso ab wie die in großer Zahl ausgewiesenen Beamten, die sich Anweisungen der Besatzer widersetzt hatten. So entwickelte sich aus der Inflation, die ihre Wurzeln bereits im Weltkrieg hatte, die Hyperinflation, auf deren Höhepunkt im Herbst das morgens ausgezahlte Geld am Abend nichts mehr wert war.

Die im August gebildete Große Koalition unter Reichskanzler Gustav Stresemann (Deutsche Volkspartei) musste bald einsehen, dass der Kampf gegen Frankreich nicht zu gewinnen war, und schließlich führte kein Weg mehr an der bedingungslosen Kapitulation, also der Aufhebung des passiven Widerstands, vorbei. Damit brach ein Sturm los, der die Einheit des Reichs gefährdete: Links- und rechtsradikaler Putschpläne in Sachsen, wo die KPD den "deutschen Oktober" vorbereitete, und in Bayern, die im dilettantischen Hitlerputsch kulminierten, konnte die Reichsregierung nur mit Glück Herr werden. Das nach der Kapitulation im Ruhrkampf faktisch isolierte und nicht weiter von der Notenpresse alimentierte Rheinland drohte verloren zu gehen: Der Separatismus rührte sich, und das kam der französischen Besatzungsmacht nicht ungelegen, die auf dem Umweg der Ablösung des Rheinlands vom Reich ihre Pläne von 1918/19 nachträglich realisieren wollte. Für einige Wochen hielten Separatisten das linksrheinische Gebiet unter Kontrolle, ehe ihnen aus der Mehrheit der Bevölkerung heraus - und mit geheimer Unterstützung von Reichsstellen - die Macht entrissen wurde.

Großbritannien signalisierte Paris nun deutlich, dass die Unterstützung des Separatismus und eine Abtrennung des Rheinlands den Bogen überspannen würden. Als ab November der Hyperinflation durch die vorübergehende Einführung der "Rentenmark" wirksam begegnet werden konnte, war die große Krise bewältigt. Die erfolgreiche Behauptung der Republik führte in innen- und außenpolitisch ruhigere Zeiten hinüber. Dennoch hatte das Jahr 1923 längerfristig desaströse Folgen: Vielen Kleinsparern hatte die Inflation ihr Erspartes entrissen. Damit verloren weitere Teile der Mittelschicht ihr Vertrauen in die Republik, so sie es denn zuvor überhaupt gehegt hatten. Und in der Wahrnehmung der Bevölkerung galt Frankreich nun mehr denn je zuvor, vor allem in den besetzten Gebieten, als Erzfeind.