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1.12.2008 | Von:
Wolfgang Elz

Versailles und Weimar

Stresemanns Außenpolitik

Stresemann, nach dem Ende der Kanzlerschaft Ende November 1923 bis zu seinem Tod Außenminister in allen nachfolgenden Reichsregierungen, hatte die Lektion aus dem Krisenjahr 1923 gelernt: Die Konfrontation mit Frankreich hatte keine Erfolgsaussicht. Der ehemalige Annexionist des Weltkriegs, der sich nur zögernd mit der Realität der Republik abgefunden hatte, entwickelte ein Programm, das von seiner beruflichen Herkunft aus der Wirtschaft geprägt war. Deutschlands Wiederaufstieg in den Kreis der Großmächte und daraus folgend zu Revisionsschritten war an sein wirtschaftliches Potential gebunden und an das Interesse der Amerikaner und in zweiter Linie der Briten an einem ökonomisch gesunden und weltwirtschaftlich integrierten Deutschland. Voraussetzung für Gesundung und Prosperität waren politisch ruhige Verhältnisse in Europa. Die Bedingung war ein Ausgleich zwischen Deutschland und Frankreich. Dieser konnte nur gelingen, wenn man sich in die Lage Frankreichs versetzte und das Pariser Bedürfnis nach Sicherheit als Realität akzeptierte. Eine offene Konfrontation dagegen verhinderte nicht nur die wirtschaftliche Gesundung, sondern auch jeden Erfolg in der Revisionsfrage.

Frankreichs Erfolg im Ruhrkampf erwies sich schnell als Pyrrhussieg. Der Franc war stark geschwächt, und Großbritannien und die USA hatten großes Interesse daran, Paris die Reparationsfrage als politischen Hebel zu entwinden und sie zu einer finanztechnischen Angelegenheit zu machen. Frankreich musste sich dem beugen, und eine internationale Sachverständigenkommission legte im Frühjahr 1924 den Dawes-Plan vor, der Deutschland zunächst Vorteile brachte. Was schließlich auf der Londoner Konferenz im August 1924 verabschiedet wurde, reduzierte zum einen vorläufig die jährlich zu zahlenden Raten, und zum anderen war Deutschland künftig nur in dem Umfang leistungspflichtig, wie es ohne Gefährdung seiner Währung zahlen könne. Damit war französischem Selbstbedienungsverhalten ein Riegel vorgeschoben. Aber auch auf anderer Ebene war die Londoner Konferenz ein Novum: Deutschland war erstmals seit dem Krieg zu Verhandlungen zugelassen. Stresemann und Reichskanzler Hans Luther hatten die Gelegenheit, am Rande der Konferenz mit den Franzosen über die Räumung des Ruhrgebiets zu verhandeln, die schließlich für 1925 zugesagt wurde.

Spätestens hier muss Stresemann die Tragfähigkeit seines Konzepts - Revisionismus durch Verhandlungen - über die Reparationsfrage hinaus klar geworden sein. Als sich Anfang 1925 wieder dunkle Wolken zeigten, als Frankreich, Großbritannien und Belgien über einen dreiseitigen (und in der Wirkung antideutschen) Garantievertrag verhandelten, als schließlich durchsickerte, dass die Kölner Zone nicht zum 20. Januar 1925 geräumt werden würde, weil die Siegermächte die Entwaffnungsbestimmungen als nicht erfüllt ansahen, ging das Auswärtige Amt, vom britischen Botschafter Viscount D'Abernon wiederholt diskret auf diese Möglichkeit hingewiesen, in die diplomatische Offensive: Es schlug Frankreich und Großbritannien einen Vertrag vor, der die deutsche Westgrenze gegen gewaltsame Veränderungen sicherte, zudem die neutrale Zone links und rechts des Rheins für dauerhaft erklärte und Großbritannien (und später auch Italien) als Garanten gegen jede gewaltsame Änderung vorsah.

Nach monatelangen Verhandlungen wurden die entsprechenden Verträge im Oktober 1925 in Locarno paraphiert. Anfängliche französische Einwände waren ausgeräumt worden: Warum die deutsche Ostgrenze zu Polen und zur Tschechoslowakei nicht in gleicher Weise garantiert würde? Ob Deutschland denn bereit sei, als Vorbedingung für einen solchen Vertrag in den Völkerbund (der ihm 1919 verschlossen geblieben war) einzutreten? Stresemann machte deutlich, dass eine vergleichbare Anerkennung der Ostgrenze für einen deutschen Politiker nicht machbar sei; der Völkerbundsbeitritt wurde von Stresemann zugestanden, als London und Paris versicherten, bei einer antisowjetischen Aktion des Völkerbunds Deutschland nicht zur Teilnahme zu zwingen, somit keine Gefahr bestünde, dass die Berliner Beziehungen zu Moskau durch den Beitritt unmittelbar leiden würden.

Voraussetzung für das Zustandekommen der Locarno-Verträge, die im Dezember nach innerdeutschen Komplikationen - Austritt der rechtsgerichteten DNVP aus der Mitte-Rechts-Regierung - in London unterzeichnet wurden, war eine besondere personelle Konstellation gewesen: Stresemann hatte mit dem französischen Außenminister Aristide Briand einen kongenialen Verhandlungspartner gefunden, nachdem Poincaré vorübergehend in den Hintergrund gedrängt war. Austen Chamberlain als britischer Außenminister erkannte die Vorteile eines deutsch-französischen Ausgleichs auch für London, sodass der Preis einer Garantie ihm nicht zu hoch erschien.

Stresemanns Kalkül ging weiter: Er hoffte zeitweilig darauf, Belgien das Gebiet Eupen-Malmédy wieder abzukaufen; in vagen Träumen hing er wohl auch der Idee an, die wirtschaftliche Schwäche Polens zu nutzen und ihm zumindest einen Teil der abgetretenen Gebiete abhandeln zu können. Beides sollte nie Realität werden, aber näherliegend war ohnehin die Rückgewinnung der Souveränität im eigenen Land, und das hieß in erster Linie: die Beendigung der Rheinlandbesatzung. Mit diesen "Rückwirkungen" hatte er gegenüber einer skeptischen Öffentlichkeit für die Verträge von Locarno geworben. Ein deutsches Zugeständnis wie der freiwillige Verzicht auf Elsass-Lothringen würde Frankreich zu Gegenleistungen ermutigen. Mühsam rang er um solche Gegenleistungen, aber abgesehen von der Räumung der 1. Zone Ende 1925 sollte es bis 1929 dauern, bis die Räumung des gesamten Rheinlands für den Sommer 1930 von Frankreich zugestanden wurde.

Dabei hatte im Herbst 1926, als Deutschland in den Völkerbund aufgenommen worden war, bei einem geheimen Treffen zwischen Briand und Stresemann im Dorf Thoiry am Genfer See ein Plan zur Gesamtbereinigung aller zwischen Deutschland und Frankreich strittigen Punkte auf dem Tisch gelegen: Deutschland würde Frankreich bei seinen Finanzschwierigkeiten helfen; dafür würde Frankreich das Rheinland räumen, das Saargebiet frühzeitig zurückgeben und nichts gegen eine deutsche Einigung mit Belgien über Eupen-Malmédy unternehmen. Es zeigt die begrenzten Möglichkeiten der beiden Hauptpersonen und somit die Grenzen deutsch-französischer Zusammenarbeit auf, dass diese bilaterale Verständigung bereits nach wenigen Wochen wieder vom Tisch war: In Paris, vor allem aber in London und Washington hatte man ablehnend auf diese aus angelsächsischer Sicht allzu enge deutsch-französische Kooperation reagiert und das Projekt mit finanziellen Fesseln zu Fall gebracht.

Dennoch waren die folgenden Jahre bis zu Stresemanns Tod die friedlichsten Zwischenkriegsjahre in Mitteleuropa. Hauptgrund war die vertrauensvolle Zusammenarbeit der drei Außenminister Stresemann, Briand und Chamberlain, die fast an das Europäische Konzert des 19. Jahrhunderts erinnerte. Zudem war mit der Entpolitisierung der Reparationsfrage der Weg frei geworden für das Einfließen ausländischen, vor allem amerikanischen Kapitals nach Deutschlands und damit für einen gewissen Aufschwung. Auch dies war ein Teil von Stresemanns Kalkül, denn er zielte mit seiner auf Verhandlungen setzenden Außenpolitik auch auf die Innenpolitik: Sein Ideal war es, über die Wiedergewinnung einer deutschen Großmachtstellung mit friedlichen Methoden und den sich daraus ergebenden wirtschaftlichen Aufschwung auch die "Volksgemeinschaft" - ein später von den Nationalsozialisten pervertierter Begriff, der in der Weimarer Republik selbst von gemäßigten Sozialdemokraten verwandt wurde - zu fördern, eine auch politisch-gesellschaftliche Versöhnung der dafür erreichbaren Gruppen auf der linken und rechten Seite des politischen Spektrums. Hier - und wohl nur mit dieser Konzeption - hätte die Chance gelegen, eine Mehrheit der Bevölkerung mit dem revidierten Vertrag zu versöhnen und der Republik ein stabileres Fundament zu geben. Schnelle Erfolge hätten diese Außenpolitik und die erhoffte, innenpolitisch heilsame Wirkung gestützt, aber sie blieben weitgehend aus. Für seinen Weg musste Stresemann gegen vielfache Gegnerschaft im eigenen Land und selbst in der eigenen Partei bis zur Erschöpfung der ohnehin fragilen Gesundheit werbend arbeiten.