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10.11.2008 | Von:
Rachid Ouaissa

Der Aufstieg islamistischer Parteien

Islamistische Parteien befinden sich in einem Partizipationsdilemma. Die Struktur ihrer sozialen Basis führt zur zunehmenden Mäßigung und Professionalisierung. Zugleich verlieren sie Zustimmung und Verhandlungsmacht.

Einleitung

Der Aufstieg sozial-religiöser politischer Bewegungen in islamisch geprägten Ländern und ihr Wandel zu mehrheitsfähigen, relativ breiten Volksparteien wird in der populären, aber auch in der Fachliteratur häufig mit Vorbehalten, ja mit Ängsten aufgenommen. In der Literatur werden oft nur die Gewaltbereitschaft solcher Bewegungen, ihre Rückständigkeit, ihr reaktionäres Verhalten und ihr Hass auf "den Westen" betont, vor allem aber werden diese Bewegungen als eine Art politisches Novum dargestellt. In der Debatte dominieren trotz relativ breiter Themenwahl und disziplinärer Vielfalt auch in der wissenschaftlichen Literatur modernisierungstheoretische und kulturzentrierte Ansätze.[1] Dabei ist die Politisierung von religiösen und/oder ethnischen Werten bzw. der Rückgriff auf tradierte Kulturbestände, um politische und ökonomische Ziele zu erreichen, nicht typisch für den Islam und schon gar nicht für die Länder des Nahen Ostens und Nordafrikas (MENA),[2] wie die Geschichte Europas dokumentiert.






Aus islamistischen Bewegungen entstanden inzwischen in vielen Ländern politische Parteien mit modernen Strukturen und Arbeitsstilen. Die Forschung über islamistische Parteien steckt indes noch in den Anfängen. Bisher werden islamistische Parteien in der westlichen Literatur meist nicht als politische Parteien wahrgenommen, sondern mit terroristischen bzw. extremistischen Organisationen und gewaltbereiten Gruppierungen gleichgesetzt. Dabei gehören sie seit einigen Jahren zur Realität bzw. gar zur Normalität in der politischen Landschaft der arabisch-islamischen Welt. Von Marokko bis Indonesien stellen sie große Fraktionen in den Nationalparlamenten, sitzen in wichtigen Ausschüssen und sind sogar - wie die MSP (Mouvement pour la Société de la Paix/Bewegung für eine Friedliche Gesellschaft) in Algerien - an Regierungskoalitionen beteiligt. Längst schmieden sie politische Allianzen mit anderen Oppositionsparteien in der Innenpolitik und fungieren somit als potentielle Ansprechpartner für den Westen - wäre nicht das Gespenst des 11. September 2001.

Fußnoten

1.
Vgl. z.B. Sigrid Faath/Hanspeter Mattes, Keine Demokratie für die Feinde der Demokratie? Algeriens Dilemma im Umgang mit dem islamischen Fundamentalismus, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, (1992) 3, S. 281 - 289.
2.
MENA: Middle East and North Africa.