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Demokratie und die Macht der Gefühle


16.10.2008
Die politische Geschichte, die Wahl-, Extremismus- und Demokratieforschung sowie die politische Bildung könnten von den Erkenntnissen der Hirn- und Emotionsforschung profitieren.

Einleitung



Gefühle spielen bei demokratischen Entscheidungen eine viel wichtigere Rolle, als wir bisher geglaubt haben. In der politischen Theorie wird Gefühlen indes kein hoher Stellenwert zugewiesen. Die Demokratie vertraut auf die Verstandeskraft der politischen Akteure. Homo rationalis, das ideale Subjekt der neuzeitlichen Sozialwissenschaften, symbolisiert einen Menschen, der seine Gefühle und Neigungen weitgehend im Griff hat und sich von "zweckrationalen" Erwägungen leiten lässt. Dieses Bild eines rein rational denkenden und handelnden Menschen ist durch die neuen Erkenntnisse der Hirnforschung widerlegt worden. Die alte Forderung der Politik, Gefühle zu unterdrücken und den Verstand walten zu lassen, ist nach Auffassung von Neurobiologen rein physiologisch nicht möglich.






Denn in Wirklichkeit sind Verstand und Gefühl immer untrennbar miteinander verwoben. Das Gefühl ist in das Denken eingebunden. Daher ist die Frage, ob ein Verhalten rational oder emotional zu begründen sei, falsch gestellt: Es besteht kein Verdrängungs- oder Wettbewerbsverhältnis zwischen Verstand und Gefühl, sondern ein Ergänzungsverhältnis. Es geht nicht um die Dualität von Verstand und Gefühl, von ratio und emotio, sondern vielmehr darum, welches Gefühl die Bedingung der Möglichkeit der jeweiligen rationalen Entscheidung ist und diese fördert. Die Mechanismen der Rationalität vermögen ohne Gefühle nicht zu funktionieren. Emotionale Regungen leiten uns jede Sekunde, auch wenn wir politisch rational entscheiden und handeln.

Im Bereich der Emotionsforschung kam der Durchbruch etwa Mitte der 1990er Jahre mit der Entwicklung der bildgebenden Methoden der neurobiologischen Forschung. Seither können Wissenschaftler die dynamischen Prozesse im Gehirn eines gesunden, lebenden Menschen bildlich erfassen und ihm sozusagen beim Denken zusehen. Der Emotionsboom in der Neurobiologie beeinflusst auch andere Bereiche der Wissenschaft.

Im alltäglichen Sprachgebrauch sind Emotionen und Gefühle identische Begriffe. Unter dem Mikroskop der kognitiven Neurowissenschaft sind Emotionen Akte oder Bewegungen, die sich größtenteils öffentlich und sichtbar abspielen und von kurzer Dauer sind, während Gefühle als andauerndes Phänomen immer verborgen und an erster Stelle für ihren Besitzer erkennbar sind. Emotionen treten auf der Bühne des Körpers auf, Gefühle auf der Bühne des Geistes.[1]

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Fußnoten

1.
Vgl. Eva Maria Engelen, Gefühle, Stuttgart 2007, S. 8 ff.; Antonio R. Damasio, Der Spinoza-Effekt. Wie Gefühle unser Leben bestimmen, Berlin 2006, S. 38.