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10.10.2008 | Von:
Michael Hennes

Das pazifische Jahrhundert

In Asien hat mit dem Ende des Kalten Krieges ein neues Konzert der Mächte begonnen. Die USA orientieren sich zunehmend von Europa weg und nach Asien hin.

Einleitung

Seit dem Ende des Kalten Krieges hat sich das Gravitationszentrum der Weltpolitik von Europa nach Asien verlagert. Das 21. Jahrhundert wird zunehmend bestimmt sein von der wirtschaftlichen Dynamik, den zwischenstaatlichen Konflikten und den kulturellen Einflüssen des asiatischen Kontinents. Die Vereinigten Staaten als Hegemon der Weltpolitik haben sich seit 1990 immer stärker nach Asien hin orientiert. In dieser grundlegenden Verschiebung des Mittelpunktes der Weltpolitik stimmen der Altmeister der amerikanischen Diplomatie, Henry A. Kissinger,[1] der amtierende Direktor des US-Auslandsgeheimdienstes CIA, General Michael V. Hayden,[2] und zum Beispiel auch der republikanische Präsidentschaftskandidat John McCain überein.[3] Die deutsche Außen- und Sicherheitspolitik wird sich an dem fundamentalen Wandel der weltpolitischen Rahmenbedingungen auszurichten haben.






Der Ausgangspunkt der Veränderungen war das Ende des Kalten Krieges. Zwischen den Jahren 1989 (Zerfall des Kommunismus in Osteuropa) und 1991 (Auflösung der Sowjetunion) wurden die zentralen Sicherheitsprobleme des Westens in Europa gelöst. Die Vereinigten Staaten verblieben dabei als einzige Weltmacht. Wirtschaftlich rückte Asien unmittelbar in das Zentrum der amerikanischen Interessen. Der pazifische Raum hatte schon 1990 eine größere wirtschaftliche Bedeutung für die USA als die alte transatlantische Gemeinschaft: Mit einem beiderseitigen Handelsvolumen von rund 300 Milliarden Dollar überstieg der US-Handel mit Asien den transatlantischen Handel um fast ein Drittel.[4] Zum wichtigsten Verbündeten der USA war Japan geworden. Die Vereinigten Staaten und Japan erwirtschafteten zusammen fast 40 Prozent des weltweiten Bruttoinlandsproduktes.[5] Der Trend hat sich seither verstärkt und spiegelt sich auch in der Demografie wider: Heute leben über 60 Prozent der Weltbevölkerung in Asien, alleine in China 1,3 Milliarden und in Indien 1,1 Milliarden Menschen. Nach Schätzung der Vereinten Nationen werden im Jahr 2050 in Asien immer noch fast 60 Prozent der Weltbevölkerung leben, in Europa statt elf (2008) nur noch sieben Prozent der Menschheit.[6] In den Vereinigten Staaten wird die sinkende Bedeutung Europas wahrgenommen. Schon das zögerliche Eingreifen des US-Präsidenten George Bush sen. angesichts der serbischen Aggression auf dem Balkan war 1991/92 auf die Neugewichtung der geopolitischen Interessen der USA zurückzuführen.[7]

West- und Mitteleuropa sind eine Insel des Friedens. Daran ändern auch Konflikte am Rande zu Asien nichts, wie aktuell der russisch-georgische Konflikt um die Provinzen Südossetien und Abchasien. Mit der Ausweitung von NATO und Europäischer Union (EU) nach Osten und der glücklich verlaufenen Demokratisierung in Osteuropa sind die zentralen Sicherheitsprobleme in Mitteleuropa auf längere Sicht gelöst. Als im Februar 2008 der Kosovo seine Unabhängigkeit erklärte, führte dies auf dem Balkan zu keinen Erschütterungen wie noch die Unabhängigkeitserklärungen von Kroatien und Slowenien im Jahre 1991. Deutschland ist damit vom vital bedrohten Frontstaat des Kalten Krieges in die Mitte dieser europäischen Insel des Friedens und Wohlstandes gerückt. Wir sind von Freunden "umzingelt".

Fußnoten

1.
Vgl. Henry A. Kissinger, The Three Revolutions, in: Washington Post, vom 7. 4. 2008, S. A17.
2.
Vgl. Michael V. Hayden, Remarks at the Landon Lecture Series, Kansas State University, 30. 4. 2008, in: www.cia.gov/news-information/speeches-testimony/landon-lecture-series.html (11. 8. 2008).
3.
Vgl. John McCain, U.S. Foreign Policy: Where We Go From Here. Address to the World Affairs Council, Los Angeles, 26. 3. 2008, S. 3, in: www.lawac.org/speech2007 - 08McCain,%20John%202008.pdf (17. 8. 2008).
4.
Vgl. James A. Baker, America in Asia: Emerging Architecture for a Pacific Community, in: Foreign Affairs, 70 (1991) 5, S. 4.
5.
Vgl. ebd., S. 11.
6.
Vgl. United Nations Database, World Population Prospects, 2006, in: http://esa.un.org/unpp (21. 8. 2008).
7.
Vgl. James A. Baker, Drei Jahre, die die Welt veränderten. Erinnerungen, Berlin 1996, S. 637.