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18.9.2008 | Von:
Markus Promberger

Arbeit, Arbeitslosigkeit und soziale Integration

Erwerbsarbeit ist mehr als nur wirtschaftliche Teilhabe. Arbeitslosigkeit wirkt sich daher für die davon Betroffenen negativ aus. Es wird für einer Erweiterung des Verständnisses von aktivierender Arbeitsmarktpolitik plädiert.

Einleitung

Auch heute, inmitten guter Konjunktur, gibt es Arbeitslosigkeit. Besonders sichtbar werden in Prosperitätsphasen die Langzeitarbeitslosen, denen es nur schwer gelingt, eine Stelle zu finden, die zu ihnen passt. Von wenigen singulären Ausnahmesituationen abgesehen ist denn auch die Vollbeschäftigung eine Utopie geblieben.[1] Vermutlich müssen wir uns damit abfinden, dass ein gewisses Maß an Arbeitslosigkeit ein unvermeidliches Übel auch der sozialen Marktwirtschaft ist.[2] Eine Grundaufgabe im Selbstverständnis wohlfahrtsstaatlicher Politik ist daher, einen angemessenen Umgang mit diesem Problem zu finden, denn in Wohlfahrtsstaaten erschöpft sich soziale Integration nicht in funktionierenden Märkten und einem Staat als Rechtsgarant und Hüter der wirtschaftlichen Freiheit. Vielmehr gehört dazu die wirtschaftliche, rechtliche, politische, soziale und kulturelle Teilhabe aller seiner Bürgerinnen und Bürger.[3]




In traditionellen Konzepten des versorgenden Wohlfahrtsstaats wird meist davon ausgegangen, dass die wirtschaftliche Teilhabe - durch Erwerbsarbeit - das für die anderen Dimensionen von Teilhabe nötige Geldeinkommen sicherstellt. Ersetzt der Wohlfahrtsstaat nun im Falle der Arbeitslosigkeit oder Hilfebedürftigkeit das ausgefallene Erwerbseinkommen durch eine Transferzahlung, so soll dadurch ebenfalls ein Grundmaß an Teilhabe sichergestellt werden. Ob und wie auch andere Dimensionen von Teilhabe auf dieser Basis realisiert werden, war nur selten Gegenstand der Politik des "versorgenden" Wohlfahrtsstaates.

In den folgenden Ausführungen wird die These vertreten, dass die Inklusionskraft oder integrierende Wirkung der Erwerbsarbeit in Arbeitsgesellschaften weit über die Erzielung von Geldeinkommen hinausgeht. Denn Arbeit hat an sich, unabhängig von Geld und Konsummöglichkeiten, starke Inklusionswirkungen, von denen Menschen in Arbeitslosigkeit ausgeschlossen sind, wenn sie Transfereinkommen beziehen. Nach einer kurzen Einführung in den Arbeitsbegriff werden diese sozialen Inklusionswirkungen von Arbeit dargestellt. Die Effekte ihres Fehlens sind der Gegenstand des darauffolgenden Kapitels. Vor dem Hintergrund dieser Überlegungen erscheinen geförderte Arbeitsmärkte in einem anderen Licht. Dies hat Konsequenzen für die Politik eines "aktivierenden" Wohlfahrtsstaats.

Fußnoten

1.
Vgl. Burkart Lutz, Der kurze Traum immerwährender Prosperität, Frankfurt/M. 1984.
2.
Zur Geschichte der Arbeitslosigkeit vgl. Markus Promberger, Eine kurze Geschichte der Arbeitslosigkeit. Teil I: Vom Mittelalter bis zur Industrialisierung; Teil II: Von der Gründerzeit bis zum Ende des zweiten Weltkrieges, Teil III: Von der Ära des Wirtschaftswunders bis zum Jahr 2000, in: Arbeit und Beruf, 56 (2005) 1, 2 u. 3, S. 1 - 2, 33 - 34, 65 - 67 und http://doku.iab.de/grauepap/2005/
Promberger_2005_ GeschichteAlo.pdf (Stand 29.7. 2008); John A. Garraty, Unemployment in History. Economic Thought and Public Policy, New York 1978 und Frank Niess, Geschichte der Arbeitslosigkeit, Köln 1979.
3.
Die vier Begriffe Teilhabe, Inklusion, Exklusion und Integration werden im Folgenden mit stark überlappender, jedoch nicht identischer Bedeutung gebraucht. Teilhabe meint die Mitwirkung von Personen oder Gruppen in einem weiteren sozialen Zusammenhang und dessen Reziprozitätsnormen, Inklusion die Erzeugung von Teilhabe durch Handlungen, Strukturen oder Effekte, die nicht ausschließlich im Gestaltungsbereich der inkludierten Subjekte liegen. Exklusion meint vice versa den Ausschluss oder die Beschränkung von Teilhabe. Beide letztgenannten Begriffe beziehen sich auf längerdauernde Prozesse oder Zustände, nicht auf eine einzelne Handlung. Integration meint einen aus gesamtgesellschaftlicher Perspektive beschriebenen Zustand der stabilen Beziehungen und Handlungszusammenhänge zwischen allen sozialen Gruppen einer Gesellschaft. Dieser Sprachgebrauch unterscheidet sich z. T. von in der Literatur üblichen Verwendungen derselben Begriffe.