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18.9.2008 | Von:
Olaf Behrend

Aktivieren als Form sozialer Kontrolle

Zur Vermittlungskonstellation

Arbeitslose müssen, wenn sie Solidarleistungen (sei es als so genannte Versicherungsleistung im Fall des ALG I, sei es als steuerfinanzierte Transferleistung im Fall des ALG II) erhalten wollen, diese in den Arbeitsverwaltungen beantragen. Danach erscheinen die Arbeitslosen bei "ihren" Arbeitsvermittlern zum Erstgespräch. Alle befragten Arbeitsvermittler konstatieren, dass die große Mehrheit der von ihnen betreuten "Kunden" (so die neue Sprachregelung der Bundesagentur für Arbeit, die auch nachfolgend durchaus wegen ihrer Unangemessenheit verwendet wird) bereit und willig sei, zu arbeiten. Soziologisch kann man dies so ausdrücken, dass die große Mehrheit der Arbeitslosen das (wohl letzte kollektiv geteilte) Deutungsmuster "vollwertige gesellschaftliche Teilhabe qua Erwerbsarbeit" wie selbstverständlich teilt. Nur ein recht kleiner Anteil der Arbeitslosen (genannt werden meist zehn bis 20 Prozent) sei unwillig bzw. hinsichtlich einzelner Aktivierungsansinnen nicht kooperativ. Die dritte, ebenfalls kleine und stets genannte Gruppe ist diejenige der "Willigen", aber "Unfähigen" bzw. "zu Alten". Die befragten Arbeitsvermittler teilen das in der Medienöffentlichkeit immer wieder von interessierter Seite mobilisierte Klischee der "faulen Arbeitslosen" weitgehend nicht, weil die Realität dem Ressentiment grundsätzlich nicht entspricht.[3]

Von der Triage der "Willigen", "Unwilligen" und "Unfähigen" bzw. "zu alten" stehen nun naheliegenderweise nicht die gut qualifizierten und mobilen "Kunden" im Fokus der Bemühungen der Arbeitsvermittler, weil diese sich, vor allem in Regionen mit geringer Arbeitslosenquote, "quasi selbst vermitteln", wie es immer wieder in Interviews geschildert wird, sondern Fälle der zweiten Kategorie. Das sind jene, die in ihrer alten Tätigkeit nicht relativ schnell wieder eine Stelle finden und drohende Einkommens-, statusmäßige oder räumliche (Abwärts-)Mobilität nicht hinnehmen wollen, oder aber jene, die grundsätzlich nicht arbeiten wollen und damit gegen das zentrale Deutungsmuster verstoßen. Damit sind zugleich die zentralen Interventionsfelder der Arbeitsvermittler benannt: grundsätzlich Unwillige zu sanktionieren und Zögerliche bzw. Immobile zu aktivieren. Sozialpsychologisch betrachtet dürfte ein Hauptantrieb dafür seitens der Arbeitsvermittler auch das Deutungsmuster "vollwertige gesellschaftliche Teilhabe qua Erwerbsarbeit" sein, das alle befragten Arbeitsvermittler teilen.

Fußnoten

3.
Am Rande sei angemerkt: Nach weiteren Gesprächen mit Dienstleistern besteht wirklicher Interventionsbedarf in Gebieten mit sehr guter Arbeitsmarktlage bei solchen Leistungsempfängern, die sich politisch nicht als Teil des Volkssouveräns verstehen und dementsprechend das ALG von sich aus nicht als Solidarleistungen interpretieren, was auf ein politisches und nicht ein arbeitmarktliches Integrationsproblem verweist.