30 Jahre Mauerfall Mehr erfahren
APUZ Dossier Bild

18.9.2008 | Von:
Olaf Behrend

Aktivieren als Form sozialer Kontrolle

Postpolitische Reziprozität

Frau Noack, eine junge Arbeitsvermittlerin aus Ostdeutschland, erläutert das Prinzip der Aktivierung von allen, also auch von denjenigen, wo gar nichts geht, die können wir dann in diese gemeinnützige Tätigkeit stecken, die bekommen Leistung vom Staat und leisten zusätzlich ein bisschen was, für den Staat, ich bin der Meinung, dass jeder arbeiten kann und in seinem Restleistungsvermögen zumindest, egal wie's nun ausgestattet ist, immer noch wenigstens einen Teil Arbeit leistet für den Staat (...) also ich finde, jeder sollte was für den Staat leisten wenn er auch vom Staat Geld bekommt ..." (7_ARGE_3, Z. 974 - 987).

In ihrer Rede bringt sie zum Ausdruck, dass der Staat für sie kein politisches Gebilde mehr, nicht mehr ein Organ des Volkssouveräns ist. Er ist vielmehr eine formale Organisation, die Tauschhandlungen organisiert, in denen Leute gemäß ihres "Restarbeitsvermögens" für die Organisation "Staat" arbeiten. Frau Noack, eine idealtypische Vertreterin dieser neuen Reziprozität, kann sich mit diesem Denken die reformierte Gesetzeslage aneignen. Diese Denkweise wird von der Mehrheit der befragten Arbeitsvermittler innerlich geteilt. Es löst die politische Verbindung von Bürger, Volkssouverän und Herrschaftsinstitution, die ja nur solange als politische existiert, wie sie von den Bürgerinnen und Bürgern geteilt wird, in die einfachere und effizientere ökonomische Reziprozität des Tausches mit "Kunden", in unserem Falle Zwangskunden, auf.

Im Gegensatz dazu halten sozialstaatskonservative bzw. paternalistisch denkende Arbeitsvermittler am alten politischen Modell fest.[8] So etwa Frau Pellar aus dem Südwesten, an deren Rede deutlich wird, dass sie sich das Prinzip des Subjektivierens nicht zu Eigen gemacht hat und entsprechend an der Arbeitsmarktlage als objektiver Tatsache festhält: "Langzeitarbeitslose härteres Regiment? Greift man 'nem nackigen Mann in den Sack. Der Mensch selbst, es gibt, da ist eine Quote die sind selbst Schuld dran. Aber es sind sehr viele, das liegt ganz einfach am Markt, ja? Jetzt, was soll ich denn da für ein härteres Regiment führen, wenn die Leut' nichts finden? Was soll ich denn da machen, soll ich sie erschießen?" (8_ARGE_2, 2187 - 2195)

Vergleichbare Positionen, mit denen Arbeitsvermittler letztlich habituell an der politischen Autonomieprämisse des bürgerlichen Subjekts auch im Kontext der reformierten Sozialverwaltungen festzuhalten suchen, sind empirischen Erhebungen zufolge deutlich in der Minderzahl.

Fußnoten

8.
Zu den erwähnten Deutungsmustern siehe ausführlicher: Olaf Behrend/Wolfgang Ludwig-Mayerhofer, Sisyphos motivieren, oder: Der Umgang von Arbeitsvermittlern mit Chancenlosigkeit, in: Zeitschrift für Sozialreform, 54 (2008) 1, S. 37 - 55.