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19.8.2008 | Von:
Michael Bommes

Migration und die Veränderung der Gesellschaft

Migrations- und Niederlassungsprozesse verändern die Gesellschaft in Europa selbst. Ihre Folgen lassen sich nicht auf die Frage der gelingenden oder misslingenden Integration beschränken.

Einleitung

Migration und Integration bedürfen als Thema heute keiner Promotoren mehr. Wirtschaft und Politik, Öffentlichkeit und die Massenmedien sind sich einig, dass es sich um ein bedeutsames Thema handelt und Migrationsforscher, die sich lange Zeit darüber beklagten, dass das Thema keine hinreichende politische und öffentliche Beachtung finde, sehen sich mittlerweile von einem fast schwindelerregenden Aktivismus in Bezug auf Migration und Integration umgeben. Seit Gerhard Schröders Green Card-Initiative und der 2001 eingesetzten Zuwanderungskommission hat eine Art Dauermobilisierung der politischen Verwaltungen auf allen föderalen Ebenen eingesetzt. Migration und Integration sind in Deutschland zu einem politischen Thema avanciert, das die Aufmerksamkeit der zentralen politischen Entscheidungsinstanzen gefunden hat. Ähnliches gilt in anderen Mitgliedstaaten der Europäischen Union (EU); und zwar nicht nur so weit diese selbst Zuwanderungsländer sind, sondern ebenso auch in den Ländern, die eher zu den Auswanderungsländern zählen wie etwa Polen oder Rumänien, sich jedoch als neue Mitglieder der EU absehbar ihrerseits zu Zuwanderungsländern entwickeln werden bzw. gegenwärtig schon zugleich Aus- und Einwanderungsländer sind.






Der EU selbst sind seit dem Vertrag von Amsterdam (1997) immer mehr Zuständigkeiten in Fragen der Migration zugefallen. Dabei ist die Politik der europäischen Staaten und der EU geprägt durch eine Spannung zwischen der Mobilisierung und Anwerbung von qualifizierten und hochqualifizierten Menschen, die man nicht zuletzt aufgrund der in den meisten Staaten schrumpfenden Bevölkerungen absehbar zu brauchen glaubt, und einer Politik der Abwehr von Menschen insbesondere aus Afrika, die nicht erwünscht sind. Letztere wird verfolgt durch eine schärfere Gangart gegenüber illegalen Migrantinnen und Migranten, durch Grenzsicherung und -ausbau sowie durch die Vorverlagerung der Grenze im Rahmen einer zunehmend auch an Migrationskontrolle ausgerichteten Mittelmeer- und Außenpolitik. Zudem setzt man in der EU wie in den einzelnen Staaten neue Hoffnungen in einen mehr beschworenen als nachgewiesenen Zusammenhang von Migration und Entwicklung.[1]

Die unterschiedliche Art und Weise der Thematisierung von Migration und Integration, gleichgültig ob es die Vergangenheit, die Gegenwart oder die Zukunft betrifft, sind durch einen auffälligen Normativismus gekennzeichnet. Es geht stets um die Erfüllung jeweils unterstellter Erwartungen: je nach Blickwinkel also zum Beispiel darum, ob sich Migranten integriert und Wirtschaft und Staat von Migration profitiert haben oder ob Migranten Integrationschancen eröffnet bzw. verwehrt worden sind. Demgegenüber wird selten in eher deskriptiver und bestandsaufnehmender Absicht die Frage gestellt, wie sich Gesellschaft insbesondere in den Zuwanderungsregionen durch Migrationen verändert. Migrationen und Migranten sind auf verblüffende Weise Phänomene geblieben, welche die Gesellschaft wie von außen zu betreffen scheinen. Der Geschichte der Migranten wird bis in die dritten Generationen nachgespürt, und es wird gefragt, was aus ihnen unter dem Gesichtspunkt der Integration geworden ist, um daraus Schlüsse zu ziehen für eine Politik der "nachholenden Integration" oder für eine zukünftige Migrationspolitik, um auf diese Weise nicht zu wiederholen, was aus heutiger Sicht als Fehler erscheint.

Dabei bedürfte die Frage, ob und wie sich Gesellschaften durch Migrationen und Niederlassungsprozesse von Zugewanderten selbst verändern, auch deshalb einer ausgearbeiteten Antwort, weil sich nur so einschätzen lässt, wie bedeutsam solche Prozesse für die Entwicklung von Gesellschaften jenseits der Konjunkturen öffentlicher Aufmerksamkeit und Befürchtungen überhaupt sind. Zudem findet alle zukünftige Migration und Integration vor dem Hintergrund einer bereits abgelaufenen mehr als fünfzigjährigen Geschichte der Migration und Integration statt, durch die sich die Gesellschaft bereits verändert hat. In dem vorliegenden Text soll ein solcher Blickwinkel an einigen Beispielen der Veränderung der Gesellschaft in Europa durch Migration verdeutlicht werden. Man kann internationale Migration als Ursache, Teil und Folge der Weltgesellschaft verstehen. Dabei ist weder die Weltgesellschaft, noch ihre regionale Ausprägung in Europa in sich homogen verfasst. Nur zu deutlich unterscheiden sich die ökonomischen, politisch rechtlichen, sozialen und kulturellen Verhältnisse und entsprechend auch die Migrations- und Integrationsverhältnisse in Europa und seinen einzelnen Mitgliedsländern.

Die Frage nach der Veränderung der Gesellschaft durch Migration lässt sich nicht auf die Integrationsfrage verengen. Letztlich stehen die sozialstrukturelle Platzierung von Migranten, erfasst als Abweichung von den Durchschnittsverteilungen, ihre sozialen Beziehungen und ihre sozialen und kulturellen Loyalitäten im Zentrum. Daraus ergeben sich Antworten auf die Frage, wie sich durch Migrations- und Integrationsprozesse soziale Ungleichheitsbeziehungen und die sozialen Schichtstrukturen verändern und daraus gegebenenfalls veränderte, nicht zuletzt ethnische Konfliktkonstellationen resultieren.[2] Es ist aber eigentlich nicht viel darüber zu erfahren, ob und in welcher Weise Migrationen und die anschließenden Niederlassungsprozesse die Gesellschaft in ihren verschiedenen Bereichen der Ökonomie, der Politik, des Rechts, der Erziehung, der Gesundheit, des Sports, den Massenmedien, der Religion oder der Familie verändern, welche strukturellen Folgen daraus für sie resultieren und in welchem Ausmaß Gesellschaft daher durch Migration geprägt ist.

Einerseits sind die verschiedenen gesellschaftlichen Bereiche in Europa nach wie vor nationalstaatlich. Andererseits unterliegen sie einem Homogenisierungsdruck, der aus Prozessen der europäischen Integration und der Globalisierung resultiert. Die Migrations- und Integrationsverhältnisse sind in allen Staaten Europas durch Dynamiken geprägt, die insbesondere in der Nachfragestruktur ihrer Arbeitsmärkte sowie der Geschichte der einzelnen Nationalstaaten als Aus- und Einwanderungsländer, ihrer Staatsbildungsgeschichte, ihrer kolonialen Vergangenheit und ihren Politiken der Initiierung oder Abwehr von Migration sowie einer mehr oder weniger weit reichenden Integration begründet liegen. Auf dieser Grundlage und im Prozess seiner politischen Integration hat sich Europa insgesamt zu einem bedeutenden Einwanderungskontinent entwickelt. Entsprechend stellen sich seine Migrations- und Integrationsverhältnisse auf der einen Seite regional- und nationalspezifisch differenziert dar: Während sich ein Land wie Spanien neben Italien und Griechenland seit den 1990er Jahren zunehmend für Migranten geöffnet und sich so zu einem der Hauptzuwanderungsländer Europas entwickelt hat, haben die nordwesteuropäischen Staaten insbesondere rechtliche und administrative Strukturen der Abwehr und Kontrolle von Migration aufgebaut und diese auf EU-Ebene gehoben. Auf der anderen Seite sind die Zuwanderer jedes einzelnen Staates im Rahmen der europäischen Freizügigkeit und mit der Aufhebung der Binnengrenzen potentiell die Zuwanderer ganz Europas geworden.

Aber hat sich die Gesellschaft in Europa durch Migrations- und Integrationsprozesse verändert bzw. worin besteht strukturell gesehen ihre Bedeutung? Es liegt auf der Hand, dass sich Europa in der Zusammensetzung seiner Bevölkerung ethnisch erheblich verändert hat und damit kulturelle Pluralisierungsprozesse einhergegangen sind. Nachfolgend wird auf drei Zusammenhänge - Wirtschaft, Erziehung, Religion - eingegangen, an denen verdeutlicht werden soll, dass strukturelle Veränderungen, wie sie von Migrationen ausgehen, der Vergewisserung bedürfen, denn sie bezeichnen auch Bedingungen jeder künftigen Migrations- und Integrationspolitik in Europa und seinen Nationalstaaten.

Fußnoten

1.
Vgl. dazu Hein de Haas, Migration and Development. A Theoretical Perspective, International Migration Institute, Oxford 2008.
2.
Das steht im Zentrum der zahlreichen Arbeiten von Hartmut Esser seit seinem Buch "Aspekte der Migrationssoziologie", Neuwied 1980.