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19.8.2008 | Von:
Peter Jurczek
Michael Vollmer

Ausbildung und Migration in Ostmitteleuropa

In Ostmitteleuropa ist eine Generation herangewachsen, auf welche die überstrapazierte Schablone vom unqualifizierten Billiglohnarbeiter nicht passt. Deutschland sollte das vorhandene Potenzial nutzen und sich öffnen.

Einleitung

"Nichts ist seltener, als einen hervorragenden Deutschen in seinem Lande zu sehen; alle gehen fort, um sich im Auslande auszuzeichnen, die Mittelmäßigen bleiben zurück, vom Schuster bis zum Philosophen." Johann Wolfgang von Goethe, 1830[1]








Goethes Beobachtungen muten seltsam aktuell an; die Wanderung qualifizierter Menschen scheint kein Phänomen der Neuzeit zu sein. Offenbar hat es sie zu allen Zeiten gegeben. Und dennoch: als jüngst die offiziellen Zahlen zur Auswanderung Deutscher aus Deutschland erschienen - 155 290 hatten ihrer Heimat 2006 den Rücken gekehrt -, war der Aufschrei von Vertreterinnen und Vertretern aus Politik und Wirtschaft groß. Wie im Vorjahr war der Saldo deutscher Migranten negativ; 2005 hatte das Land überhaupt zum ersten Mal seit 1968 einen Wanderungsverlust unter seinen Staatsbürgern zu verzeichnen.[2]

In den Jahren dazwischen hatte es stets mehr Zuzüge als Wegzüge gegeben, was unter anderem auf die Zuwanderung so genannter Aussiedler aus der Sowjetunion, ihren Nachfolgestaaten und Ländern wie Polen oder Rumänien zurückzuführen war. Betrug ihre Zahl in den Jahren 1989/90 377 055 bzw. 397 073, so kamen 2005 noch 35 522 so dass die Auswanderung Deutscher aus Deutschland durch diese Gruppe nicht mehr wie in den Vorjahren kompensiert werden konnte.[3] Und nicht selten waren diejenigen, die kamen, geringer qualifiziert, als jene, die gingen.

So mancher Politiker war über die Zahl 155 290 erschrocken und forderte in reflexartiger Empörung sogleich Gegenmaßnahmen. Dabei wurde gern ausgeblendet, dass es auch eine beträchtliche Rückwanderung deutscher Staatsbürger gab, dass sehr viele der jetzt Abwandernden eines Tages zurückkehren werden, dass Migration nicht zwangsläufig Verlust bedeuten muss, da der im Ausland erworbene Erfahrungsschatz deutscher Rückkehrer häufig gewinnbringend in die heimische Wirtschaft reinvestiert werden kann, und dass es sich bei dem zu beobachtenden Wanderungsstrom um eine im allgemeinen äußerst heterogene Grundgesamtheit verschiedener Alters-, Berufs- und Qualifikationsgruppen handelte. Von den in der Summe enthaltenen Ruhestandsmigranten oder den in ihre Heimat zurückkehrenden, vom Leben in Deutschland enttäuschten Spätaussiedlern war keine Rede. Denn interessant sind in dieser Rechnung vor allem die Hochqualifizierten und die ausgebildeten Facharbeiter.

Was einige verkürzt und vereinfacht als Gefahr für den Wirtschaftsstandort Deutschland ausgemacht haben, erweist sich für die Wissenschaft als gigantischer und doch zugleich wenig beachteter Forschungskomplex. Die "Differenzierung von Migranten hinsichtlich ihrer Qualifikation ist (...) ein vergleichsweise unbearbeitetes Feld".[4] Und so schwer es aufgrund der Erhebungsmethoden fällt, Auswanderungsgründe, Qualifikationsniveau und die dahinter stehenden exakten Zahlen zu erfassen, so schwer wird es denn auch sein, einen fest zur Auswanderung Entschlossenen von seiner Absicht abzubringen. Denn zu den neoklassischen Migrationsgründen, wie der Erhöhung des Einkommens, kann durchaus auch bloße Neugier auf fremde Länder und Kulturen oder einfach Abenteuerlust treten.[5] Letzteres darf wohl insbesondere vielen Studierenden unterstellt werden, doch selbst für diese der Forschung so nahe Bildungsklientel gibt es zum Teil große Wissenslücken. Gerade hier handelt es sich jedoch um Menschen, die auch später, als Absolventen, sehr viel mobiler sind und häufiger den Weg ins Ausland (zurück)finden als geringerqualifizierte Gleichaltrige.

Der Anteil der deutschen Emigranten mit einem Hochschulabschluss liegt auf der Grundlage der Zahlen der Zielländer bei ca. 28 Prozent. Damit waren die Auswanderer im Mittel höher qualifiziert als der Durchschnitt der deutschen Bevölkerung, von der heute rund 20 Prozent als hochqualifiziert gelten. Gut 42 Prozent der Auswanderer verfügten über die Hochschulreife - in Deutschland haben diese insgesamt 57 Prozent.[6] Auch waren deutsche Auswanderer im Schnitt jünger als die Gesamtbevölkerung; die Ruhestandswanderung war mit einem Anteil von rund 14 Prozent von geringerer Bedeutung, wenngleich es in den vergangenen Jahren auch hier einen kontinuierlichen Anstieg gegeben hat. Das für die Wirtschaft interessante Kontingent ist jedoch insbesondere die Gruppe der 25 bis 40 Jahre alten Menschen. Ihr Anteil an den Fortziehenden lag bei rund 40 Prozent, womit sie im Verhältnis zu ihrem viel geringeren Anteil an der Gesamtbevölkerung deutlich überrepräsentiert war.[7] Bevorzugte Ziele waren die Schweiz, die 2006 die Liste der beliebtesten Auswanderungsländer anführte, die USA, Österreich, Polen, Großbritannien, Spanien und Frankreich, wobei davon auszugehen ist, dass alle diese Länder vom Beitrag deutscher Gastarbeiter profitiert haben. Wie für die Auswanderer aus Deutschland gilt jedoch auch hier die Erkenntnis, dass "zur Einwanderung von Migranten aus hochentwickelten Industriestaaten (...) nur spärliche Forschungsergebnisse vor[liegen]".[8]

Es soll an dieser Stelle nicht weiter auf Details eingegangen werden, aber es gilt einige Grundtendenzen der Migrationsbewegung festzuhalten. Da ist die Tatsache, dass es Auswanderung auch aus einem hochindustrialisierten und wohlhabenden Land wie Deutschland gibt, dass es sie in der Vergangenheit gab und dass es sie auch in Zukunft geben wird. Die absoluten Auswanderungszahlen sind dabei heute noch nicht einmal höher als beispielsweise in den 1950er Jahren. Nun kann man diese Entwicklung und den vordergründigen Verlust von "Humankapital" für den deutschen Arbeitsmarkt, dessen Flexibilisierung womöglich der gleiche Politiker in einer anderen Sonntagsrede gefordert hat, beklagen - man könnte aber auch in Erwägung ziehen, dass sich die Migrationsströme im Zeitalter der Globalisierung quantitativ und qualitativ verändern, da sich für den Einzelnen auch Chancen und Möglichkeiten auftun. Wenn dies der Fall ist, stellt sich die Frage, ob Deutschland nicht längst von einer derartigen Zirkulation (hoch)qualifizierter Kräfte profitiert, denn die Gesetzgebung erlaubt es zum Beispiel den Ausländern der alten EU-14 schon heute, sich im Lande niederzulassen, sich Arbeit zu suchen und es wieder zu verlassen. Könnte Deutschland aus diesem Austausch dann nicht vielleicht sogar noch größeren Profit ziehen, wenn es die Grenzhürden für qualifizierte Auswanderer aus den neuen EU-Staaten Ost- und Ostmitteleuropas schneller abbaute als geplant?

Fußnoten

1.
Zit. nach: Ingeborg Fleischhauer, Die Deutschen im Zarenreich, Erftstadt 2005, S. 5.
2.
Vgl. Andreas Ette/Leonore Sauer, Auswanderung aus Deutschland, Wiesbaden 2007, S. 30.
3.
Quelle: Bundesverwaltungsamt.
4.
A. Ette/L. Sauer (Anm. 2), S. 11.
5.
Vgl. ebd., S. 11 - 15.
6.
Vgl. ebd., S. 52.
7.
Vgl. ebd., S. 37.
8.
Ebd., S. 5.