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19.8.2008 | Von:
Barbara Dietz

Die Ukraine im europäischen Migrationssytem

Seit ihrer Unabhängigkeit hat sich die Ukraine verstärkt zu einem Sendeland von Arbeitsmigranten entwickelt. Bevorzugte Ziele der Auswanderer sind Deutschland, die neuen osteuropäischen EU-Mitgliedsländer und Südeuropa.

Einleitung

Mit der Unabhängigkeitserklärung im August 1991 trat die im äußersten Westen der vormaligen Sowjetunion gelegene Ukraine als ein neues Migrationsland auf den Plan. Zunächst entwickelten sich die Wanderungsbewegungen in der Ukraine vor dem Hintergrund der auseinanderbrechenden UdSSR und der dramatischen wirtschaftlichen und sozialen Transformation des Landes.[1] Vor allem die Jahre unmittelbar nach der Staatsgründung waren durch sehr hohe Aus- und Einwanderungen gekennzeichnet, die in erster Linie von politischen und ethnischen Motiven getragen wurden. Damals führte die Konstituierung eines unabhängigen ukrainischen Staates zur Rückkehr von Ukrainern aus anderen Regionen der vormaligen Sowjetunion, insbesondere aus Russland, Kasachstan und Weißrussland, was aufgrund der unionsinternen Migrationspolitik vorher nicht möglich gewesen wäre.[2] Im Gegenzug verließen vor allem Russen in den ersten Jahren nach der Unabhängigkeit die Ukraine in Richtung Russland, da sie eine ökonomische und soziale Verschlechterung ihrer Situation befürchteten.






Im Verlauf der 1990er Jahre veränderten sich sowohl die Motive als auch die Richtung der Migrationen in der Ukraine: Der Anteil an Arbeitsemigranten stieg und eine wachsende Zahl von westlichen Staaten, vor allem in der Europäischen Union (EU), wurden zu Adressaten ukrainischer Zuwanderer.[3] Dieser Trend verstärkte sich mit den Osterweiterungen in den Jahren 2004 und 2007, als sich die Grenzen der EU nach Osten schoben, und somit ein neuer Migrationsraum entstand. In diesem geopolitischen Kontext nimmt die Ukraine eine besondere Lage ein: Im Osten grenzt sie an Russland und im Westen an die neuen EU-Staaten Rumänien, Slowakei, Ungarn und Polen. Die Nähe zu diesen ökonomisch erfolgreicheren Nachbarn erklärt, dass die Ukraine nicht nur (Arbeits)migranten in die EU und nach Russland sendet, sondern dass sie auch zum Schwerpunkt von Transitwanderungen geworden ist.

Im Westen hat die neue (Arbeits)migration aus der Ukraine ein starkes Medieninteresse gefunden, das sich jedoch auf die dramatischen Aspekte dieser Wanderungen, wie zum Beispiel Menschenschmuggel oder Zwangsprostitution konzentriert. Das Spektrum der neuen Migrationen aus der Ukraine in die EU ist aber sehr viel breiter: Es schließt Aussiedler und jüdische Kontingentflüchtlinge in Deutschland ebenso ein, wie saisonale Arbeitskräfte, Studierende und Personen, die im Zuge der Familienzusammenführung in EU-Staaten einreisen. Bemerkenswert ist zudem, dass die Migrationen in der Ukraine globale Trends spiegeln, wie beispielsweise eine Feminisierung der Wanderungen, einen hohen Anteil kurzfristiger Migrationen und die zeitnahe Etablierung als Emigrations- und Transitregion. Diese Entwicklungen nimmt der vorliegende Aufsatz zum Anlass, die Hintergründe, Motive und Charakteristika der Migrationsbewegungen aus der Ukraine in die EU aufzuzeigen.

Wichtige Begriffe der Migrationsforschung Internationale Migration Räumliche Bewegung (Wanderung) über nationale Grenzen Arbeitsmigration: Wanderung, um eine bezahlte Tätigkeit aufzunehmen Emigration: Auswanderung aus der Sicht des Herkunftslandes Immigration: Einwanderung aus der Sicht des Adressatenlandes Migrationssaldo: Einwanderung minus Auswanderung (Wanderungssaldo) Kurzfristige Migration: Entsprechend internationaler Konvention werden darunter Wanderungen verstanden, die weniger als ein Jahr dauern

Fußnoten

1.
Vgl. Barbara Dietz, Migration policy challenges at the new Eastern borders of the enlarged European Union: The Ukrainian case. Arbeiten aus dem Osteuropa-Institut München, Nr. 267, Juli 2007.
2.
Vgl. Olga Malynovska, Caught between East and West. Ukraine struggles with its Migration Policy, Migration Information Source 2006.
3.
Vgl. Kerstin Zimmer, Arbeitsmigration und demographische Krise, in: Ukraine-Analysen, 20 (2007), S. 2-4.