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30.7.2008 | Von:
Berthold Vogel

Prekarität und Prekariat - Signalwörter neuer sozialer Ungleichheiten

Veränderungen der Arbeitswelt haben neue soziale Ungleichheiten zur Folge: Prekarität und Prekariat. Damit im Zusammenhang stehen Fragen des gesellschaftlichen Zusammenhalts und der politischen Gestaltung des Sozialen.

Einleitung

Gibt es noch ein Proletariat? wurde Ende der 1960er Jahre in einer Sendereihe des Bayerischen Rundfunks gefragt. Die Beiträge zu dieser Sendung sind in einem kleinen und heute immer noch sehr lesenswerten Aufsatzband dokumentiert.[1] Antworten auf diese Frage lieferten bekannte Autoren wie der Göttinger Soziologe Hans Paul Bahrdt oder der linkskatholische Publizist Walter Dirks. Im Ergebnis vertraten sie mehr oder weniger einhellig die Auffassung, dass zwar die Verelendung - die Proletarisierung - breiter Bevölkerungsgruppen der Vergangenheit angehöre, aber viele abhängig Beschäftigte immer noch ein Leben am Rande des Existenzminimums und in ökonomischer Unsicherheit führten.




Daran habe auch der umfangreiche Ausbau sozialer Sicherungssysteme in den Nachkriegsjahrzehnten nichts geändert. Vielmehr seien im Zuge der Expansion des Wohlfahrtsstaates für die arbeitenden Klassen sogar neue Formen der Abhängigkeit von Institutionen und Apparaten entstanden. Die politische Hausaufgabe des 19. Jahrhunderts - die Aufhebung der Proletarität der Arbeiterschaft, die aus unterschiedlichen Motiven und in grundverschiedener Sprache, aber in ähnlicher Intensität von Papst Leo XIII. oder Karl Marx gestellt wurde - konnte nach Überzeugung der Autoren des zitierten Bandes bis in die zweite Hälfte des 20.Jahrhunderts hinein noch nicht befriedigend gelöst und bewältigt werden.

Und heute? Sicher würde aktuell kaum jemand die Frage nach der Existenz des Proletariats stellen. In unseren Breitengraden rechtlich gesicherter und staatlich organisierter Wohlstandsgesellschaften ist die Frage nach der Existenz und Wirkkraft der sozialen Klasse der Proletarier von der gesellschaftspolitischen Agenda verschwunden. Doch das gilt nicht nur mit Blick auf das ganz und gar unzeitgemäße Reizwort des Proletariats, das vom Geist klassenkämpferischer Tage umweht wird. Bemerkenswerterweise ist die Arbeiterschaft selbst als soziale Klasse und politischer Akteur aus dem Aufmerksamkeitshorizont der gesellschaftlichen Öffentlichkeiten gerückt. Die Arbeiter, ob in Großindustrie oder im mittelständischen Betrieb, haben ein Repräsentations- und Sichtbarkeitsproblem. Die großen Industriegewerkschaften bekommen das zu spüren, aber auch der tendenzielle Bedeutungsverlust der Industriesoziologie in den Sozialwissenschaften gehört in diesen Zusammenhang. Die beiden französischen Soziologen Stephan Beaud und Michel Pialoux haben diesen Prozess des allmählichen Verschwindens der Arbeiterklasse in ihrer Studie "Die verlorene Zukunft der Arbeiter" eindrucksvoll beschrieben und analysiert.[2] Tritt das Prekariat nun an die Stelle der Arbeiterschaft? Zumindest finden die prekär Beschäftigten aller Branchen und Berufe verstärkt publizistische und fachwissenschaftliche Aufmerksamkeit. Prekär beschäftigt sind nach einer bewährten Definition der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) diejenigen, die aufgrund ihres Erwerbsstatus nur geringe Arbeitsplatzsicherheit genießen, die wenig Einfluss auf die konkrete Ausgestaltung ihrer Arbeitssituation haben, die nur partiell im arbeitsrechtlichen Schutzkreis stehen und deren Chancen auf materielle Existenzsicherung durch Arbeit in der Regel schlecht sind.[3] Klingen nicht in diesen Begriffsbestimmungen des "Prekariats" ähnliche gesellschaftspolitische Sorgen an, wie wir sie aus den vergangenen Debatten um die Existenz und das Potential der Arbeiterklasse kennen - die Sorge um die Verfestigung materieller und kultureller Benachteiligung sowie jene um die Ausweglosigkeit sozialen Handelns und das damit verknüpfte politische Risiko einer tendenziell wachsenden gesellschaftlichen Abkoppelung und Spaltung? Zugleich schwingt neben den besorgten Tönen in der Debatte um das Prekariat immer auch ein Stück Hoffnung mit - die nervöse Erwartung der Politisierbarkeit eines neuen gesellschaftlichen Kollektivs.

Trotz der zunehmenden Aufmerksamkeit für Fragen der Prekarität bleibt unklar, an welchen Orten der Gesellschaft wir die Prekarier finden können. Finden wir sie inmitten unserer Arbeitsgesellschaft oder eher an deren Rändern, in Industriebetrieben als Leiharbeiter und Aushilfsjobber oder in Dienstleistungsbranchen unter Scheinselbstständigen und Ich-AGs? Wohnt das Prekariat in suburbanen und kreditbelasteten Einfamilienhäusern oder in den großstädtischen Hochhaussiedlungen? Handelt es sich eher um Alleinerziehende oder um Familien in Einverdienerhaushalten? Treffen wir das Prekariat morgens in der S-Bahn oder am späten Vormittag im Billigmarkt? Auch wenn wir nicht alle diese Fragen im Detail beantworten können, so fällt bei der Suche nach Antworten doch auf, dass mit der Debatte um prekäre Arbeits- und Lebensformen soziologische und sozialpolitische Fragen verknüpft sind, über das Soziale in veränderter Weise nachzudenken. Prekarität und Prekariat sind Signalwörter neuer sozialer Ungleichheiten, deren Ausgangspunkte in den Veränderungen der Arbeitswelt liegen. Verschiedene Vorstellungen und Bilder der Neuordnung gesellschaftlicher Ungleichheitsverhältnisse lassen sich mit Blick auf die Debatte um Prekarität identifizieren: Einmal dreht sich die Debatte um die Herausbildung einer neuen Unterschicht, ein anderes Mal um die These einer verunsicherten Mittelschicht bzw. einer verstärkten Diffusion sozialer Gefährdungen. Interessant ist schließlich eine empirische Perspektive: Der Begriff der Prekarität weist auf die Entwicklung einer Zwischenzone uneindeutiger Erwerbsverläufe, unsicherer sozialer Perspektiven und rascher biographischer Veränderungen hin.[4]

Diese unterschiedlichen sozialwissenschaftlichen Perspektiven werden wir zunächst in den Blick nehmen. Im Anschluss geht es darum, anhand empirischer Befunde typische Muster und Konstellationen der Prekaritätserfahrung nachzuzeichnen. Der Sozialtypus des Grenzgängers, der sich in prekären Arbeitswelten herausbildet, wird in diesem Zusammenhang vorgestellt. Zum Abschluss werden einige gesellschaftliche Folgewirkungen angesprochen, die mit den Veränderungen hin zu einer differenzierten und vielgestaltigen Arbeitswelt verbunden sind - und wir werden die Frage stellen: Gibt es schon ein Prekariat?

Fußnoten

1.
Vgl. Marianne Feuersenger, Gibt es noch ein Proletariat?, Frankfurt/M. 1972.
2.
Vgl. Stéphane Beaud/Michel Pialoux, Die verlorene Zukunft der Arbeiter. Die Peugeot-Werke von Sochaux-Montbéliard, Konstanz 2004.
3.
Vgl. Gerry Rodgers, Precarious Work in Western Europe, in: ders./Janine Rodgers (Hrsg.), Precarious Jobs in Labour Market Regulation. The Growth of Atypical Employment in Western Europe, Genf 1989, S. 1 - 16.
4.
Natalie Grimm/Berthold Vogel, Prekarisierte Erwerbsbiographien. Verläufe, Erfahrungen, Typisierungen. Bericht an das BMAS, Hamburg 2008 (Ms.); Berthold Vogel, Sicher-prekär, in: Stephan Lessenich/Frank Nullmeier (Hrsg.), Deutschland. Eine gespaltene Gesellschaft, Frankfurt/M. und New York 2006, S. 73 - 91.