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30.7.2008 | Von:
Berthold Vogel

Prekarität und Prekariat - Signalwörter neuer sozialer Ungleichheiten

Sozialwissenschaftliche Perspektiven der Prekaritätsdebatte

Die Vorstellung der Prekarität als neues Proletarität erhielt mit der Veröffentlichung der Sinus-Milieustudie im Herbst 2006 öffentliche Aufmerksamkeit.[5] Die Prekarier sind in diesem Forschungskontext die Repräsentanten einer neuen Unterschicht der Abgehängten und Aussichtslosen. Sie können mit den Beschleunigungen kapitalistischer Modernität nicht Schritt halten und sind wohlfahrts- und sozialpolitisch behandlungsbedürftige Modernisierungsverlierer. Der Zugang zu stabiler Beschäftigung ist ihnen verwehrt, sie verfügen über keine verwertbaren Bildungsabschlüsse, ihre Sozialbeziehungen sind nicht gefestigt oder entsprechen nicht den Vorstellungen der sie beobachtenden, versorgenden und regulierenden Mittelklasse. Die Orientierung dieser Prekarier an Leistung, Fortkommen und Disziplin lässt aus der normativen Perspektive der Mehrheitsgesellschaft zu wünschen übrig. Spezifische Erwerbsbiographien und Mentalitäten der Abkoppelung vom gesellschaftlichen Ganzen sind die Folge. Der entscheidende Unterschied zwischen Prekariat und Proletariat ist freilich, dass den Prekariern politisch nichts zugetraut wird. Bei ihnen handelt es sich um eine anonymisierte, zersplitterte Masse, ein Exemplum der "negativen Individualisierung", die "in Begriffen des Mangels - Mangel an Ansehen, Sicherheit, gesicherten Gütern und stabilen Beziehungen - durchdekliniert werden kann."[6] Während das Proletariat als soziale Klasse mit allerlei Heilserwartungen oder politischen Verbesserungsphantasien befrachtet wurde, eignet sich das Prekariat heute eher als neue Projektionsfläche politischer Ressentiments und sozialer Resignation. Das Prekariat scheint in dieser Perspektive ein Ort sozialer Aussichtslosigkeit zu sein.

Einflussreiche und stilprägende Beiträge zur Prekaritätsdebatte[7] weisen in eine andere soziale Richtung. Prekarität ist hier Chiffre der Zersplitterung und der Fragmentierung der sozialen Mitte. Soziale, rechtliche, materielle und berufliche Unsicherheiten breiten sich immer weiter aus. Die Vorläufigkeit und Widerrufbarkeit von Beschäftigungsverhältnissen tritt in den Vordergrund. In der Arbeitswelt setzt sich eine Kultur des Zufalls als betriebliche Organisations- und Herrschaftsform durch. Leben und Arbeit werden in dieser soziologischen Lesart mehr und mehr zur Bürde erzwungener Mobilität und Individualität. Das Diktat des Relativen und das Lob der Beweglichkeit entwickeln sich zu Leitbildern sozialer und wirtschaftlicher Organisation. Statusgefährdungen konzentrieren sich keineswegs mehr allein auf soziale Randzonen, sondern dringen tief in die Kernbereiche der Arbeits- und Sozialwelt ein. Eine Fragmentierung der Arbeitnehmergesellschaft ist die Folge. Das Prekariat wird in dieser Interpretation der Veränderungen des Sozialen zu einem Ort sozialer Ängste und Verunsicherungen. Die Prekarier repräsentieren die Abstiegsbedrohten und die durch Deklasssierung Gefährdeten; mithin alle diejenigen, die unter einer veränderten Marktordnung und der Neujustierung des Politischen zu leiden haben. Status und Wohlstand der Mittelklasse stehen unter Druck. Das Prekariat scheint aus dieser Perspektive ein Ort des sozialen Missvergnügens und der Skepsis zu sein.

Die Debatte um Prekarier als Repräsentanten einer neuen Unterschicht oder als Akteure einer gefährdeten arbeitnehmerischen Mitte verbleibt in weitgehend bekannten Vorstellungswelten des Sozialen. Im Unterschied dazu weist eine eher empirisch orientierte Lesart des Prekariats auf die Herausbildung einer neuen, durch die aktuellen Veränderungen der Arbeitswelt geprägten Soziallage hin. Im Prekariat spiegelt sich die strukturelle, erwerbsbiographische, rechtliche und betriebliche Verstetigung unsicherer Lebens- und Beschäftigungsformen. Hier kommt eine neue gesellschaftliche Zwischenschicht in den Blick, in der die Angst vor dem Abstieg ebenso präsent ist wie die Hoffnung auf Stabilität und Aufstieg. Das Prekariat ist weder Statthalter des Proletariats, noch steht es für den Anfang vom Ende der Mittelschichten. Die Dinge liegen in diesem Fall viel unspektakulärer, aber sind dennoch für die Entwicklung des sozialen Ganzen wirkungsvoll. Aktuelle empirische Befunde einer Studie zu Entwicklung und Verlauf "prekarisierter Erwerbsbiographien"[8] zeigen die allmähliche Herausbildung eines neuen Arbeitsmarktakteurs, der Grenzgänger am Arbeitsmarkt. Wir können die Prekarier mithin als Grenzgänger einer veränderten Arbeitswelt beschreiben. Sie bewegen sich durch das unwegsame Gelände von Minijobs, Praktika, Leiharbeit, befristeten Tätigkeiten und staatlichen Unterstützungsleistungen. Sie stehen nicht mehr nur sporadisch oder periodisch, sondern dauerhaft zwischen Arbeitslosigkeit und Erwerbstätigkeit. Sie pendeln zwischen geförderter und nicht geförderter Beschäftigung, sie sind zwischen auskömmlicher Tätigkeit und Armut trotz Erwerbstätigkeit hin- und her geworfen, sie kämpfen um die Aussicht auf stabile Beschäftigung und gegen berufliche bzw. arbeitsweltliche Ausschlussdynamiken. Die strukturelle Ausprägung dieser Grenzzonen der Arbeitswelt wirft Folgefragen auf. Welche Erfahrungen machen die Prekarier respektive Grenzgänger? Von welcher Beschaffenheit müssen die (wohlfahrtsstaatlichen) Institutionen sein, um adäquat auf neue Soziallagen und Mentalitäten reagieren zu können? Sind wir schließlich durch das Prekariat aufgefordert, die Zukunft des Sozialen stärker vom Rande her zu denken - nicht von der Normalität und Stabilität der Mitte, sondern von der irritierenden und anspruchsvollen Ungewissheit der Ränder? Kurzum, vieles spricht dafür, dass wir unter der Formel der Prekarität neue Arrangements des Sozialen antreffen. Diese Arrangements sind inkonsistent und widersprüchlich. Sie bedürfen empirischer Aufklärung.

Fußnoten

5.
Vgl. Friedrich-Ebert-Stiftung, Gesellschaft im Reformprozess. Eine Studie von TNS-Infratest, Berlin 2006.
6.
Robert Castel, Die Metamorphosen der sozialen Frage. Eine Chronik der Lohnarbeit, Konstanz 2000, S. 404.
7.
Vgl. Pierre Bourdieu, Gegenfeuer, Konstanz 2004; Serge Paugam/Duncan Gallie, Soziale Prekarität und Integration. Bericht für die Europäische Kommission. Generaldirektion Beschäftigung, Brüssel 2002.
8.
N. Grimm/B. Vogel (Anm.4).