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26.6.2008 | Von:
Michael Klein

Alkoholsucht und Familie - Kinder in suchtbelasteten Familien

Zahlen zum Thema Kinder von Suchtkranken

In einer Vielzahl von Studien wurde schon vor Jahrzehnten nachgewiesen, dass Alkoholabhängige überzufällig häufig aus Familien stammen, in denen bereits Vater bzw. Mutter oder beide Elternteile abhängig waren. Eine umfassende Studie zur Transmission von Alkoholismus zeigte,[2] dass von knapp 4000 alkoholabhängigen Personen 30,8 Prozent einen abhängigen Elternteil aufwiesen. Männer mit einem abhängigen Vater hatten mehr als doppelt so häufig eine Alkoholabhängigkeit als Männer ohne abhängigen Vater. Als besonders belastet erwiesen sich immer wieder diejenigen jungen Erwachsenen aus einer suchtbelasteten Familie, bei denen beide Elternteile suchtkrank waren oder bei denen ein suchtkranker Elternteil seine Abhängigkeit nicht erfolgreich bewältigen konnte.[3] Diese Ergebnisse stützen die Annahme, dass es das quantitative und qualitative Ausmaß der Exposition in Bezug auf die elterliche Abhängigkeit ist, das sich pathogen auf die Entwicklung der Mitglieder der nächsten Generation auswirkt. Junge Erwachsene, deren Eltern ihre Abhängigkeit schon lange überwunden haben oder bei denen nur ein Elternteil suchtkrank war, haben eine vergleichsweise bessere Entwicklungsprognose, die sich vielfach gar nicht von der junger Erwachsener aus normalen Familien unterscheidet. Mütterliche Alkoholabhängigkeit erweist sich - wohl aufgrund der engeren Mutter-Kind-Bindungen und der längeren Interaktionszeiten zwischen Müttern und Kindern - als risikoreicher als eine rein väterliche Abhängigkeit.[4]

In jeder siebten Familie ist ein Kind zeitweise, in jeder zwölften dauerhaft von der Alkoholstörung eines oder beider Elternteile betroffen.[5] Kinder von Alkoholikern sind als die größte Risikogruppe für die Entwicklung von Alkoholmissbrauch und -abhängigkeit anzusehen. Insgesamt ist davon auszugehen, dass diese im Vergleich zu Kindern nicht suchtkranker Eltern ein bis zu sechsfach höheres Risiko haben, selber abhängig zu werden oder Alkohol zu missbrauchen. Belegt ist auch, dass für Kinder in suchtbelasteten Familien das Risiko, an anderen psychischen Störungen (insbesondere Angststörungen, Depressionen, Persönlichkeitsstörungen) zu erkranken, deutlich erhöht ist.[6] Jedoch ist ausdrücklich nicht davon auszugehen, dass alle Kinder von Alkoholikern zwangsläufig eine eigene Abhängigkeit oder andere psychische Störungen entwickeln. Die Gruppe der Kinder aus suchtbelasteten Familien als Ganze zeigt jedoch zweifelsfrei eine höhere Vulnerabilität gegenüber Verhaltens- und Erlebensstörungen als Kontrollgruppen mit normalem familiärem Hintergrund.

Fußnoten

2.
Vgl. N. S. Cotton, The familial incidence of alcoholism, in: Journal of Studies on Alcohol, (1979) 40, S. 89 - 116.
3.
Vgl. ebd.; C. Quinten/M. Klein, Langzeitentwicklung von Kindern aus suchtbelasteten Familien - Ergebnisse der Thommener Kinderkatamnese, in: Fachverband Sucht (Hrsg.), Suchtbehandlung. Entscheidungen und Notwendigkeiten. Geesthacht 1999, S. 235 - 243. (= Schriftenreihe des Fachverbandes Sucht e.V.; 22).
4.
Vgl. M. Klein, 2001 und 2008 (Anm. 1); K.J. Sher, Children of alcoholics. A critical appraisal of theory and research. University of Chicago Press, Chicago 1991.
5.
Vgl. M. Klein, 2005 (Anm. 1); C. Quinten/M. Klein, M. (Anm. 3).
6.
Vgl. G. Lachner/H. U. Wittchen, Familiär übertragende Vulnerabilitätsmerkmale für Alkoholmissbrauch und -abhängigkeit, in: H. Watzl,/B. Rockstroh, (Hrsg.), Abhängigkeit und Missbrauch von Alkohol und Drogen, Göttingen 1997, S. 43-89.