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26.6.2008 | Von:
Michael Klein

Alkoholsucht und Familie - Kinder in suchtbelasteten Familien

Resilienzen

In jüngster Zeit richtet die Forschung ihr Augenmerk stärker auch auf Kinder, die trotz stressreicher und teilweise traumatisierender Lebenserfahrungen völlig oder weitgehend psychisch gesund geblieben sind. Dem gängigen Störungsmodell, wonach Kinder aus gestörten Familien in erster Linie ebenfalls als gestört und behandlungsbedürftig anzusehen sind, wird das Resilienz- und Stressresistenzmodell gegenüber gestellt, das Raum für positive Entwicklung der Kinder auch unter schwierigsten Umweltbedingungen lässt.

Die stressreiche Lebenssituation wird dabei als eine spezifische Herausforderung ("challenge") begriffen, an die sich bestimmte Kinder besonders gut und flexibel anpassen können.[10] Wolin und Wolin identifizierten aufgrund klinischer Interviews insgesamt sieben intrapsychische Resilienzen, die vor den Folgen der krankmachenden Familienumwelt schützen können. Unter Resilienz wird eine besonders hohe Stressresistenz bei starker Entwicklungsplastizität verstanden.[11] Es handelt sich also um Kinder, die auf der einen Seite eine hohe Toleranz für stressreiche, widrige Ökologien, und auf der anderen Seite eine gute Anpassungsfähigkeit an sich verändernde Lebensbedingungen aufweisen. Die sieben Resilienzfaktoren sind wie folgt zu beschreiben: 1. Einsicht, z.B. dass mit dem alkoholabhängigen Vater etwas nicht stimmt; 2. Unabhängigkeit, etwa sich von den Stimmungen in der Familie nicht mehr beeinflussen zu lassen; 3. Beziehungsfähigkeit, beispielswiese in eigener Initiative Bindungen zu psychisch gesunden und stabilen Menschen aufzubauen; 4. Initiative, zum Beispiel in Form von sportlichen und sozialen Aktivitäten; 5. Kreativität, etwa in Form von künstlerischem Ausdruck; 6. Humor, beispielsweise in Form von Sarkasmus und Ironie als Methode der Distanzierung; 7. Moral, zum Beispiel in Form eines von den Eltern unabhängigen stabilen Wertesystems.

Resiliente Kinder haben ein Gefühl für die persönliche Kontrolle ihrer Umwelt (Selbstwirksamkeitserwartung). Diese steht in scharfem Widerspruch zu den Gefühlen von Hilflosigkeit und Ohnmacht, die bei vielen anderen betroffenen Kindern vorherrschen. Es ist von entscheidender Bedeutung, dass das Kind versteht, dass Schmerz und Leiden in der Familie ungerecht sind und dass es selbst in keinem Falle daran schuld ist. Häufig bringt diese Befreiung vom familiären Denken und Fühlen eine innerfamiläre Isolation mit sich, die sich am besten durch Helfer außerhalb der Familie überwinden lässt.

Es ist jedoch anzumerken, dass nach den Ergebnissen der wenigen vorhandenen Studien meist nicht mehr als ein Drittel der in Suchtfamilien lebenden Kinder Resilienzen in einem solchen Maße entwickeln, dass sie frei von Störungen bleiben. Es ist daher eine der wichtigsten Aufgaben selektiver Präventionsprogramme, gezielte, frühzeitige Resilienzförderung für die betroffenen Kinder zu leisten.

Fußnoten

10.
Vgl. M. Klein, 2008 (Anm. 1); S. Wolin/S. Wolin, Resilience among youth growing up in substance-abusing families, in: Substance Abuse, (1995) 42, 415-429.
11.
Vgl. S. Wolin/S. Wolin, ebd.