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26.6.2008 | Von:
Michael Klein

Alkoholsucht und Familie - Kinder in suchtbelasteten Familien

Bereiche der Suchtprävention

Als Bereiche der Suchtprävention für Kinder aus suchtbelasteten Familien kommen in erster Linie diejenigen in Frage, die den natürlichen Lebensraum des Kindes darstellen. Dies sind Elternhaus/Familie, Kindergarten, Schule, Peer-Gruppen und spezielle Interaktionsfelder (wie z.B. Arztpraxen, Krankenhäuser, Felder der offenen Jugendarbeit).

Elternhaus und Familie: Präventive Bemühungen im Bereich des Elternhauses sind zum einen solche, die sich auf die Schwangerschaft, zum anderen solche, die sich auf die Alkoholerziehung für die Kinder und Jugendlichen beziehen. Da es bisher nicht gelungen ist, die Rate der alkoholembryopathisch geschädigten Neugeborenen erkennbar zu senken, sind hierfür stärkere Anstrengungen notwendig. Dabei sind zum einen (generalpräventiv) jene Ansätze nützlich, die den Pro-Kopf-Alkoholverbrauch der Bevölkerung zu senken versuchen. Dies ist am ehesten durch eine Kombination von nachfragereduzierenden und aufklärenden Maßnahmen zu erreichen. Zum anderen sind spezifische Primärpräventionsbemühungen mit dem Ziel einer Sensibilisierung der Schwangeren und ihres direkten Umfeldes notwendig.

In den Bereich der Alkoholerziehung gehören Ansätze der Information, der Korrektur irrealer oder dysfunktionaler Wirkungserwartungen, der Stärkung der Ablehnungskompetenz in Verführungssituationen, der Steigerung der alkoholfreien Selbstwirksamkeits- und Sozialkompetenz und der elterlichen Erziehungskompetenz. Die Entwicklung umfassender Präventionsansätze, vor allem im Sinne des Lebenskompetenzmodells, ist prinzipiell hilfreich. Allerdings besteht auch die Gefahr, dass diese Ansätze sehr global bleiben und wenig problemverhaltensbezogen sind, dass die Suchtmittel als solche also "außen vor" bleiben und dadurch eine neuerliche Tabuisierung erfahren, nachdem dies bereits im Klima in der suchtbelasteten Familie geschehen sein mag.

Kindergarten und Vorschule: Obwohl fast alle Autoren die Bedeutung möglichst früh ansetzender Prävention betonen, sind kaum valide Ansätze für Präventionsprogramme für Kinder von Suchtkranken im Vorschulalter entwickelt worden. Die Kinder dieser Altersstufen verfügen noch über keine ausreichenden Verbalisierungs- und Strukturierungsfähigkeiten, um für Interventionen aufgeschlossen sein zu können. Sie drücken ihre Situation vielmehr in multiplen Symptomen aus, die - weil nur analog - vieldeutig und schwer interpretierbar sind.

Zur Diagnostik entsprechender frühkindlicher Probleme schlagen Robinson und Rhoden[16] folgende Methoden vor: (1) Beobachtung täglicher Verhaltensroutinen, (2) Spielbeobachtungen, (3) Analyse der emotionalen Anpassung und (4) Aufbau einer intensiven Elternbeziehung. Auch sollten in verstärktem Maße Routineelemente, wie beispielsweise Elternabende oder - noch besser - Elterngespräche, für genauere Beobachtungs- und Verhaltensanalysen genutzt werden. Darüber hinaus wird angeraten, Initiativen im Rahmen von Selbsthilfe und Selbstorganisation, etwa unter dem Motto "Eltern helfen Eltern", zu stärken und zu fördern, damit auch hier brach liegende Ressourcen entwickelt werden, um die psychische Gesundheit von gefährdeten Kindern zu fördern. Es kann und soll nämlich nicht darum gehen, im Sinne einer Statusdiagnostik alkoholkranke und erziehungsunfähige Eltern auszumachen und ihre Kinder dauerhaft der Aufsicht des Jugendamtes zu übergeben, sondern die Chancen familienorientierter und kindgerechter Prävention und Frühintervention zu nutzen, damit maligne Entwicklungen gar nicht erst entstehen. Dass in Einzelfällen eine Fremdplatzierung des Kindes (etwa eine Pflegefamilie oder ein Heim) als letzte Lösung übrig bleibt, soll dabei jedoch nicht bestritten werden.

Im Rahmen einer am Lebenskompetenzmodell orientierten Suchtprävention gelten für Kinder im Allgemeinen und für Kinder aus suchtbelasteten Familien im Besonderen, folgende Präventionsziele: Seelische Sicherheit, Anerkennung und Bestätigung, Freiraum und Autonomie, realistische und glaubhafte Vorbilder, ausreichende Bewegung, richtige Ernährung, Freundeskreis, Verständnis und Liebe, Phantasie, Träume und Lebensziele.

Neben den alkoholerzieherischen sind auch spielerische Ansätze um die Themen "Alltagsdrogen" (Medikamente, Süßigkeiten), Medienkonsum und Nikotin stärker notwendig. Auch wenn viele Kinder im Vorschulalter sich sprachlich noch nicht so reflektiert ausdrücken können, dass deutlich wird, welche Begrifflichkeiten und Schemata sie bezüglich der erwähnten Alltagsdrogen schon entwickelt und welche Erfahrungen sie schon gesammelt oder was sie bei ihren Eltern diesbezüglich beobachtet haben, ist dennoch davon auszugehen, dass diese frühen Lernerfahrungen entwicklungs- und kognitionspsychologisch von hoher Relevanz sind, vielleicht sogar gerade wegen des eher affektiven als rationalen Lern- und Erfahrungsklimas.

Schule: Die im Bereich der Schule entwickelten suchtpräventiven Programme sind inzwischen immens in ihrer Zahl und reflektieren allzu oft das problematische Klima der Institution "Schule": Dieses zeichnet sich häufig durch Lerndruck und -stress einerseits und zu wenig Freiraum für pädagogisch sinnvolle Interventionen andererseits aus. Letztere kranken oft an einer Zergliederung der suchtpräventiven Angebote in einzelne Schulfächer. Dass aber diese in Wissenselemente zergliederte Suchtprävention tatsächlich Folgen auf der Verhaltens- und Selbststeuerungsebene der Schüler haben sollte, ist als eher unwahrscheinlich einzustufen, da eine effektive schulische Suchtprävention neben der Vermittlung von Fakten, Informationen und Wissen vor allem affektive und soziale Qualitäten vor dem Hintergrund psychosozialer Unterstützungssysteme, Beziehungskontinuität und Lebenskompetenz aufweisen muss.

Das Thema der Kinder in suchtbelasteten Familien spielt hier - wie bei den meisten suchtpräventiven Ansätzen in Schulen - leider überhaupt keine Rolle. Dass aber die Berücksichtigung des familiären Hintergrundes der Schüler für die schulische Suchtprävention von entscheidender Bedeutung ist, unterstreichen die Ergebnisse zahlreicher Studien. So wurden Kinder aus suchtbelasteten Familien erfolgreich in Methoden des Gefühlsmanagements als präventiver Strategie zur besseren Regulierung stark erregender emotionaler Krisen und Konflikte unterwiesen. Darüber hinaus ist es natürlich wichtig, Kinder suchtkranker Eltern in der Schule in ihrer oft verzweifelten Situation überhaupt zu erkennen, sie behutsam zu unterstützen und ihnen adäquat zu helfen, ohne sie zu stigmatisieren. Dies bringt oft ein hohes Ausmaß an Einzel- und Beratungskontakten zwischen Lehrern und betroffenen Schülern mit sich.

Fußnoten

16.
Vgl. B. E. Robinson/J. L. Rhoden, Working with children of alcoholics. The practitioner's handbook, 2nd Edition, Thousand Oaks 1998.