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26.6.2008 | Von:
Klaus Hurrelmann
Wolfgang Settertobulte

Alkohol im Spannungsfeld von kultureller Prägung und Problemverhalten

Der Konsum von Alkohol ist Teil unserer Alltagskultur. Es gehört daher zu den Entwicklungsaufgaben Jugendlicher, einen verantwortungsvollen Umgang mit Alkohol zu erlernen.

Einleitung

Wie kein anderes Rauschmittel erfreut sich Alkohol über Jahrtausende nachhaltiger Beliebtheit - ungeachtet der seit langem bekannten Gefahren und der gesundheitsschädigenden Folgen. Das hartnäckige Festhalten an den Trinkgewohnheiten lässt vermuten, dass durch den Konsum von Alkohol elementare Bedürfnisse und Wunschvorstellungen angesprochen werden. Anders lässt es sich wohl kaum erklären, dass der Alkoholgenuss bereits vor Tausenden von Jahren stark verbreitet war und sich - trotz des tief greifenden sozialen und kulturellen Wandels - daran bis heute nichts geändert hat.










Im Gegenteil: Alkoholkonsum ist Teil unserer Alltagskultur. In der Welt der Erwachsenen gehört der Konsum alkoholischer Getränke nahezu obligatorisch zu den meisten sozialen Gelegenheiten. Alkohol erfüllt in der erwachsenen Bevölkerung sowohl im sozialen Miteinander als auch in der individuellen Alltagsbewältigung zahlreiche Funktionen: Das gesellige Trinken erleichtert unter anderem den sozialen Kontakt, baut Hemmungen bei der Kontaktaufnahme zum anderen Geschlecht ab, steigert euphorisierend das Gruppenerlebnis, wird als belohnend empfunden, mildert Stresssymptome und wirkt unspezifisch dämpfend bei emotionalen Erregungszuständen. Dabei ist das Trinkverhalten zu entsprechenden Anlässen stark ritualisiert - beim Konsum von Wein sogar kulturell überbaut - und durch kulturell geprägte, traditionelle Konventionen reglementiert.

Die Ritualisierung des Alkoholkonsums erfüllt in allen menschlichen Kulturen normalerweise die Funktion der Verhinderung exzessiven Trinkens durch soziale Kontrolle. In vielen außereuropäischen Kulturen ist sie überwiegend religiös geprägt: Alkohol wird beispielsweise bei religiösen Riten genossen; außerhalb dieser ist der Genuss tabuisiert. Fehlt dieser Bezug zur Religionsausübung, wird der Alkoholkonsum durch allgemeine gesellschaftliche Konventionen reglementiert. Diese sind historischen Wandlungsprozessen unterworfen und verändern sich stetig. In einer Zusammenstellung verschiedener kultureller Ausprägungen des Alkoholkonsums bezeichnet Robert F. Bales die europäische Kultur als eine "Permissivkultur", in der ein maßvoller und disziplinierter Trinkstil als zulässig und nahezu selbstverständlich erscheint, während der Alkoholexzess abgelehnt wird.[1] In einer kritischen Überprüfung dieser Kultureinteilung scheint sich jedoch besonders der mitteleuropäische Raum - der Klassifikation von Bales folgend - zu einer "permissiv-funktionsgestörten Kultur" zu entwickeln. Diese zeichnet sich durch eine vermehrte Toleranz gegenüber dem exzessiven Trinken aus; Trunkenheit wird nicht als deviant empfunden, sondern ist sozial akzeptiert, solange es nicht zu sichtbarer Verelendung und/oder zur manifesten Alkoholsucht kommt.[2]

Fußnoten

1.
Vgl. Robert F. Bales, Cultural differences in rates of alcoholism, in: Quartely Journal of Studies on Alcohol, (1946) 6, S. 480 - 499.
2.
Vgl. Wilhelm Feuerlein/Heinrich Küfner/Michael Soyko, Alkoholismus - Missbrauch und Abhängigkeit: Entstehung - Folgen - Therapie, Stuttgart 1989.