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26.6.2008 | Von:
Hasso Spode

Alkoholismus

Alkoholismus als Inbegriff der Folgeschäden

Eine breite soziale Bewegung - die Temperenz- bzw. Antialkoholbewegung - hatte eine globale Thematisierung der "Alkoholfrage" in Gang gesetzt.[2] Unter heftigem Streit spaltete sie sich in einen "mäßigen" und einen "abstinenten" Flügel, dessen Vertreter für die Abschaffung des "Alkoholgifts" kämpften: "Der gefährlichste Feind des Menschen ist der Alkohol!"[3]

In Kontinentaleuropa blieben die "Abstinenten" isoliert, doch in Skandinavien und den USA - in denen bereits etliche Bundesstaaten "trocken" waren - gaben sie den Ton an; ebenso in der entstehenden Alkoholforschung. In der Zwischenkriegszeit führten dann einige Staaten eine landesweite Prohibition (USA, Finnland etc.), andere prohibitionsartige Kontrollpolitiken (Schweden, Norwegen etc.) ein. Alkoholische Getränke waren damit zwar nicht abgeschafft, aber stark verteuert worden; der Pro-Kopf-Verbrauch sank. Dazu trug ebenso der verwissenschaftlichte Diskurs über den Alkoholismus bei, der den Konsum moralisch delegitimierte. Auch in Ländern mit einem liberalen Alkoholregime fiel er auf historische Tiefststände.[4]

Das gravierendste Argument war die "Rassenverderbnis" bzw. der "racial suicide", den dieses "Keimgift" bewirke. Allerdings galt Alkoholkonsum nicht nur als Ursache von "Erbminderwertigkeit", sondern auch als ihre Erscheinungsform. Für diese Fälle war Prohibition wenig sinnvoll; es wurden Erbgesundheitsgesetze erlassen, die sich (unter anderem) gegen "Alkoholiker" richteten: zunächst in den USA, gefolgt von der Schweiz, Dänemark, dem "Dritten Reich", den nordischen und baltischen Ländern. Die "Ausmerze" des "minderwertigen Erbguts" sollte durch Heiratsverbot, Zwangseinweisung und Zwangssterilisierung erfolgen.[5]

Nach dem Zweiten Weltkrieg war der Kampf gegen den Alkoholismus sowohl durch die Rassenhygiene als auch durch das Fiasko der Prohibition in den USA 1933 gründlich diskreditiert. Auch in Deutschland standen die wenigen verbliebenen Aktivisten[6] allein auf weiter Flur. Einzig in Skandinavien überlebte das Programm einer strikten Konsumkontrolle. Im Brockhaus von 1953 fehlt das Stichwort "Alkoholismus" - und wird durch "Alkoholgenuß" ersetzt, der "tief im Volksleben verwurzelt" sei.[7]

Fußnoten

2.
Vgl. David Fahey, Temperance Internationalism, in: SHAD 20(2006), S. 247 - 275; Hasso Spode, Alkoholische Getränke, in: Thomas Hengartner/Christoph M. Merki (Hrsg.), Genussmittel. Eine Kulturgeschichte, Frankfurt/M.-Leipzig 2000; Jack S. Blocker u.a. (Hrsg.), Alcohol and Temperance in Modern History, Santa Barbara 2003.
3.
H. Spode (Anm. 1), S. 203.
4.
... in Deutschland mit rund vier Litern Reinalkohol auf dasselbe Niveau wie in den USA (wo er in den urbanen Mittelschichten bald wieder die alte Höhe erreichte). Vgl. Heinrich Tappe, Alkoholkonsum in Deutschland im 19. und 20. Jahrhundert, in: Hans-Jürgen Teuteberg (Hrsg.), Die Revolution am Esstisch, Stuttgart 2004, S. 282 - 294.
5.
Nur im Nationalsozialismus beschritt man zudem den mörderischen Weg der "Euthanasie". Hier forderte auch die Zwangssterilisierung die meisten Opfer (ca. 300 000, davon ein Zehntel AlkoholikerInnen), am längsten praktiziert wurde sie in Schweden und Finnland (bis in den 1970er Jahre).
6.
Die Koordinierungsstelle in der BRD wurde wieder die 1921 gegründete, mehrfach umbenannte Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS, so seit 2002); in der DDR fehlte eine solche Institution.
7.
16. Aufl., Bd. 1, S. 179f.