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26.6.2008 | Von:
Hasso Spode

Alkoholismus

Kritik der Kritik

Erkenntnistheoretisch ist der konstruktivistische Ansatz nicht bestreitbar. Der naheliegende Einwand, Sucht lasse sich somatisch, z.B. neurophysiologisch, abbilden, geht an der Unabdingbarkeit einer historisch variablen Deutung solcher Befunde[22] vorbei und vermag daher einen "objektiven" Alkoholismusbegriff nicht zu begründen. Hingegen lassen sich Folgeschäden chronischen Vieltrinkens mehr oder weniger kulturfrei erfassen, vom Organversagen bis zu schweren Psychosen.

Dies legt eine Rückkehr zum Alkoholismusbegriff eines Magnus Huss nahe. Vielen Betroffenen verhieße sie ein Ende der "Entmündigung" und Stigmatisierung, ist doch das Krankheitsetikett das ultimative Mittel der Herabwürdigung und Ausgrenzung in einer "rationalen" Leistungsgesellschaft. Anderen wäre damit freilich nicht gedient, und zwar jenen, die einen hohen "Leidensdruck" bekunden. Die "Krankenrolle" ist nun einmal ambivalent: Sie entlastet auch von Schuldzuweisungen[23] und nur sie kann einen finanziellen Anspruch auf Therapie begründen.

Dies legt ein Festhalten am Sucht-Paradigma nahe. Die Rede von der "Erfindung" hat oft den Unterton einer Verschwörung, doch die Sucht ist tief in unserem Menschenbild verankert. Zudem wird damit kein Geheimnis verraten: Niemand anders als Jellinek betonte, eine Krankheit sei, was die Medizin als solche anerkenne. Neutraler ließe sich mit Michel Foucault und Paul K. Feyerabend von einem professionellen "Blick" sprechen, der "natürliche Interpretationen" exzessiven Trinkens aufgenommen, systematisiert, popularisiert und schließlich auf andere Bereiche übertragen hatte. Die Rede von der "Erfindung" wird auch der "Doppelnatur" der Sucht nicht gerecht: wie jedes andere Verhalten hat sie ihr Korrelat im Somatischen; die Physiologie zu ignorieren, gleicht der Behauptung, das Licht sei "in Wirklichkeit" eine Welle.[24] Schwerstabhängigkeit als einen "way of life" zu betrachten[25] ist ungewollt zynisch. Am Krankheitswert des Alkoholismus ist festzuhalten.

Fußnoten

22.
Was als "regelwidrig" klassifiziert wird, erschließt sich nur im Rahmen "natürlicher Interpretationen"; vgl. allg. Paul Feyerabend, Wider den Methodenzwang, Frankfurt/M. 1976.
23.
... sofern der Patient an seiner Heilung mitwirkt; vgl. Talcott Parsons, Social Structure and Personality, London 1964. S. 257 - 291.
24.
So wie umgekehrt die biologistische Sicht der Behauptung gleicht, das Licht bestehe "in Wirklichkeit" aus Photonen.
25.
Vgl. H. Fingarette (Anm. 21), S. 99ff.