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26.6.2008 | Von:
Hasso Spode

Alkoholismus

Inflation

Freilich ist die wissens- und interessensoziologische Analyse damit nicht hinfällig. Die Suchtforschung hat viel Unheil angerichtet. Dazu zählt nicht allein Historisches, wie Ausmerze und Prohibition, sondern auch Gegenwärtiges. Etikettierungprozesse können gemäß dem Thomas-Theorem als eine sich selbst erfüllende Prophezeiung wirken. Ein vage gehaltener Abhängigkeitsbegriff ist eine Lizenz zur Produktion von Therapiebedürftigkeit. Wovon wäre ein Mensch nicht abhängig? Aus diesen Gründen sollte definitorische Zurückhaltung walten, sollte das Krankheitsbild trennscharf als "Sucht" bestimmt sein und nicht ausufernd als "Abhängigkeitssyndrom".

Doch die Tendenz geht in die umgekehrte Richtung.[26] Entgegen dem Verbrauchstrend stieg die Prävalenz des Alkoholismus seit den 1970er Jahren von unter einem auf mindestens drei Prozent. Parallel dazu ist ein Steigen der Gefährdetenquote und eine Expansion der Süchte auszumachen: Fernsehen, Internet, Zigaretten und selbst Karotten fungieren als "Suchtmittel". Theoriegeschichtlich kommt hier die vergessene "Süchtigkeit" wieder zu Ehren. Interessenpolitisch zeigt sich hier ein Kampf um Klientel.[27] Indes bedarf es dazu auch der Nachfrage: Die Sucht erscheint uns evident - und wir brauchen sie. Moderne Gesellschaften tendieren phasenweise zu einer Verschärfung der Standards von Fremd- und Selbstkontrolle und damit zu einer Ausweitung des Pathologischen, das die Unordnung erklärt und bannt. Dies trifft besonders auf die heutige "Konkurrenzgesellschaft" zu. Niemand will zur "Fürsorgeklasse" gehören, kein TV-Bericht über Super-Nannies läuft ohne Zoom auf den Aschenbecher. Wachsende Statusängste lassen in den Mittelschichten wieder eine asketisch-frugale Moral zum zentralen Distinktionsmittel werden.[28]

Fußnoten

26.
Vgl. H. Spode (Anm. 12), S. 111 ff; s. a. ders. (Anm. 14); D. T. Courtwright (Anm. 15); Michael Schetsche, Sucht in wissenschaftssoziologischer Perspektive, in: Bernd Dollinger/Henning Schmidt-Semisch (Hrsg.), Sozialwissenschaftliche Suchtforschung, Wiesbaden 2007, S.113-130.
27.
... der in den 1980er Jahren offen ausbrach, als die Experten für die "neuen", stoffungebundenen Süchte gegen jene für die "alten" Süchte aufbegehrten. Stoffungebundene Süchte wurden gar für den Holocaust verantwortlich gemacht: Vgl. Rolf Harten, Sucht, Begierde, Leidenschaft, München 1991, S. 295.
28.
Vgl. Joseph R. Gusfield, Alcohol in America: The Entangled Frames of Health and Moralty, in: Allan M. Brandt/Paul Rozin (eds.), Moralty and Health, New York-London 1997, S. 201 - 230.