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26.6.2008 | Von:
Hasso Spode

Alkoholismus

Rückkehr zur Kontrollpolitik

Die Alkoholforschung, eng verbunden mit politischen und zivilgesellschaftlichen Akteuren, spiegelt diese jeweiligen Standards und beeinflusst sie zugleich. In der Nachkriegszeit war eine interdisziplinäre, theoretisch anspruchsvolle Forschung entstanden, die auch nach den funktionalen Aspekten des Alkoholkonsums fragte. Inzwischen ist sie auf eine medizinisch-epidemiologische "Alkoholfolgeschädenforschung" reduziert.[29] Sie versorgt die bürgerliche "Selbstkontrollapparatur" (Norbert Elias) mit "empirischen" Argumenten. "Das organisierte Alkoholwissen", spottete ein ehemaliger Mitarbeiter Jellineks, gleicht "einer Kenntnis über Autos und deren Gebrauch, die auf Unfälle und Zusammenstöße beschränkt ist".[30] Eine solche "moralische" Forschung fragt nicht danach, "wie es sich mit den Dingen verhält", sondern definiert "wie sich Personen verhalten sollen".[31] Dabei vollzieht sie von Zeit zu Zeit abrupte Schwenks, deren Ursachen sie öffentlich nicht näher erläutert. Als politische Handlungswissenschaft kann sie Selbstzweifel nicht zulassen und benötigt einen hohen Wertekonsens der Beteiligten.

Dieser entstammt den protestantischen "Temperenzkulturen" (Harry G. Levine),[32] die mehrfach die globale Thematisierung des Alkohols angestoßen hatten - so auch heute wieder. In den USA rückte man in den 1970er Jahren von der Risikogruppenstrategie ab, die dem "disease concept" entsprach, und stellte erneut die Gesamtbevölkerung in den Focus. Über die WHO wurde dieser primärpräventive Ansatz dann zur herrschenden Lehrmeinung.[33] "Die empirischen Ergebnisse zeigen," heißt es, dass "es absurd erscheint, die Bevölkerung den Gesundheitsgefahren durch das extrem hohe Angebot an alkoholhaltigen Getränken auszusetzen, wie es heute in Deutschland Praxis ist."[34] Die vielfältigen "Belastungen" seien lange unterschätzt worden, da sich die Forschung irrtümlich auf die "starken Konsumenten" konzentriert habe. Heute aber wisse man, "daß die meisten alkoholbedingten Probleme im Zusammenhang mit mäßigem Trinken auftreten", da die Mäßigen ja die Masse des Alkohols verbrauchen. Entsprechend müsse das Hauptziel sein, den Pro-Kopf-Verbrauch zu senken. Mittel der Wahl seien Steuererhöhungen, Werbeverbote und Verkaufsbeschränkungen, mithin eine Kontrollpolitik, die dem skandinavisch-amerikanischen Vorbild folgt.[35]

Die Alkoholwirtschaft reagierte mit intensivierter Forschungs-, Lobby- und Öffentlichkeitsarbeit. Dabei kam ihr der Zufall zu Hilfe: 1991 machte in den USA eine TV-Sendung über das geringe Infarktrisiko der weinliebenden Franzosen Furore. Das war eigentlich keine neue Erkenntnis, doch seither tobt ein epidemiologischer Datenkrieg, der an die Kontroversen im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts erinnert. Weithin unstrittig ist nun zwar, dass moderater Konsum die physische und wohl auch die psychische Gesundheit verbessert - aber beide Seiten definieren "moderat" höchst unterschiedlich; nicht zu reden von der grundsätzlichen Frage, wie weit "Gesundheit" hier als moralischer Kampfbegriff fungiert.

Wer sich auf dieses Forschungsfeld begibt, wird umgehend einem "Lager" zugeordnet. Nicht nur das Freund-Feind-Denken beim Streit um Grenzwerte oder die Zahl der "Alkoholtoten"[36] erinnert an vergangene Zeiten, sondern auch die simple Tatsache, dass nun wieder die Substanz Ethanol im Zentrum der Prävention steht. Damit ist der alte Alkoholismusbegriff - ohne, dass er explizit verwendet würde - wieder in sein Recht gesetzt: der "Inbegriff" der gesundheitlichen und sozialen Folgeschäden.

Somit können die in der Tat vernachlässigten Negativeffekte "alltäglichen" Konsums gezielter in Angriff genommen werden. Ohnehin sinkt der Verbrauch seit fast zwei Dekaden und dürfte künftig weiter sinken. Dies kann nur gut sein für die Krankenkassen. Allerdings zeigt sich hier ein Dilemma. Das Ziel einer Senkung des Pro-Kopf-Verbrauchs ist prinzipiell grenzenlos - damit ignoriert es die "lessons of history", wie der Nachfolger Jellineks, Mark Keller, mit Blick auf die Prohibition urteilte.[37] Im Prinzip ist Kontrollpolitik unabdingbar. Wird jedoch der Bogen überspannt, kommt es zu einer Zerstörung sozial integrierter Trinkmuster. Jedes Lockern der Zügel kann dann die "alkoholbezogenen Schäden" hochschnellen lassen, wie in den den nordischen Ländern zu beobachten ist. Wenig spricht dafür, deren Modell auf ganz Europa auszudehnen. Doch genau dies empfiehlt uns die etablierte Alkoholforschung. Indem sie ihren Gegenstand lediglich als "legale Droge" und "Zellgift" wahrnimmt und sich in einen Kleinkrieg mit der "Alkoholindustrie" verzettelt, anstatt eine kluge Güterabwägung zu betreiben, hat sie zu ihren Anfängen um 1900 zurückgefunden. Damit ist sie erneut ein Teil jenes Problems geworden, zu dessen Lösung sie eigentlich berufen ist.

Fußnoten

29.
Vgl. Hasso Spode, Übersichtsvortrag, in: Gerhard Bühringer (Hrsg.), Strategien und Projekte zur Reduktion alkoholbezogener Störungen, Lengerich u.a. 2002, S. 32 - 60; ders., Der Europäische Aktionsplan Alkohol und eine Vorläufer. Wissenschaft als moralischer Interessenverband, in: H.-J. Teuteberg 2004 (Anm. 4), S. 263 - 281; Johanna Rolshoven, Der Rausch. Kulturwissenschaftliche Blicke auf die Normalität, in: Zeitschrift für Volkskunde, 96 (2000), S. 29 - 49; Pekka Sulkunen u.a. (Hrsg.), Broken Spirits. Power and Ideas in Nordic Alcohol Control, Helsinki 2000.
30.
Selden D. Bacon: Alcohol Issues and Social Science, in: Journal of Drug Issues 14 (1984), S. 22. Für die Breite der älteren Forschung vgl. Klaus Antons/Wolfgang Schulz, Normales Trinken und Suchtentwicklung, Göttingen 1976; für die Enge der heutigen Griffith Edwards (Hrsg.), Alkoholkonsum und Gemeinwohl, Stuttgart 1997.
31.
Jürgen Habermas, Richtigkeit versus Wahrheit, in: Wolfgang Edelstein/Gertrud Nunner-Winkler (Hrsg.), Moral im sozialen Kontext, Frankfurt/M. 2000, S. 36.
32.
Vgl. Rüdiger Fikentscher (Hrsg.), Trinkkulturen in Europa, Magdeburg 2008 (i. E.).
33.
Vgl. die Angaben in Anm. 29; s. a. J. S. Blocker (Anm. 2), S. 689ff.; Robin Room, Alcohol and the WHO, in: Nordic Studies on Alcohl and Drugs 22 (2005), S. 146 - 162.
34.
Ulrich John u.a., Übersichtsvortrag, in: G. Bühringer (Anm. 29), S. 72.
35.
So die WHO 1993 im ersten Europäischen Aktionsplan Alkohol; vgl. H. Spode (Anm. 29).
36.
Das "Hamburger Abendblatt" meldete am 26.7. 2002: "Jährlich 42 000 Alkoholtote", am 28.3. 2007: "16 000", am 2.6. 2007: "74 000" (www.abendblatt.de s.v. Alkoholtote); andere Studien wiederum ermitteln ein Nullsummenspiel, da Alkoholkonsum ungefähr so viele Todesfälle bedinge wie verhindere (aufgrund der Senkung des Infarktrisikos); zu solchen "Zahlenspielen" vgl. u.a. U. Keller (Anm. 18).
37.
Zit. n. Hasso Spode, Die Zyklik des Sozialen Problems Alkohol, in: Fachverband Drogen und Rauschmittel (Hrsg.), Dokumentation des 18. Bundesdrogenkongresses, Geesthacht 1997, S. 143.