APUZ Dossier Bild

26.6.2008 | Von:
Hasso Spode

Alkoholismus

Nachsatz

Angesichts des "Komasaufens" fürchtet die Bundesdrogenbeauftragte, dass bei deutschen Jugendlichen eine "britische Trinkkultur" Einzug hält, und Experten wie Laien fordern, den "Zugang zum Alkohol" zu erschweren.[38] Die steigende Behandlungsziffer akuter Alkoholvergiftungen ist beunruhigend. Noch beunruhigender sollte sein, dass sie mit einem tendenziellen Konsumrückgang einhergeht. Möglicherweise zeigen sich hier bereits jene nicht-intendierten Folgen der De-Normalierung des Konsums, wie sie für Temperenzkulturen typisch sind.

Paradoxerweise hat Drogenkontrollpolitik selbst ein "hohes Abhängigkeitspotential": Bleibt der Erfolg aus, wird "mehr desselben" eingefordert,[39] anstatt einmal die Strategie zu überdenken. Doch der Ruf nach mehr Staat ist en vogue, wenn es um die wachsende gesellschaftliche Desintegration geht. Leider lässt sich unerwünschtes Verhalten in den wenigsten Fällen hinwegbefehlen. Bezüglich des Alkohols blockieren Verbot und Ächtung den Erwerb von "Risikokompetenz" und erhöhen stattdessen die Varianz des Konsums: In einigen Milieus wird weniger, in anderen umso exzessiver getrunken.[40] Die in vielen US-Bundesstaaten durchgesetzte Kriminalisierung des Alkoholkonsums für Untereinundzwanzigjährige hat das "Binge Drinking", das zügige Trinken von mehr als fünf Getränken bei einem Trinkanlass, nicht abschaffen können - im Gegenteil: Jährlich kommen dabei Tausende zu Tode.

In den USA, wie in allen Temperenzkulturen, liegt der Pro-Kopf-Verbrauch deutlich niedriger als in der Bundesrepublik, die mit rund zehn Liter Reinalkohol immer noch zur Weltspitze zählt. Folgt man einer Klassifizierung der WHO, bildet Deutschland zusammen mit anderen "kerneuropäischen" Ländern aber zugleich jene Weltgegend, welche die relativ unschädlichsten Konsummuster aufweist.[41] Auch in dieser Ländergruppe sind gezielte legislative und edukative Maßnahmen nötig. Es ist allerdings schwer nachvollziehbar, dass dabei just jene Länder die Richtung vorgeben sollen, die ein besonders problematisches Verhältnis zum Alkohol entwickelt haben.

Fußnoten

38.
Tagesspiegel Nr. 19900 (2008), S. 18.
39.
Vgl. Paul Watzlawick, Anleitung zum Unglücklichsein, München-Zürich 1983, S. 27ff. So wurden 2004 präventive Maßnahmen gegen Alkopops getroffen. Nun trinken die Kids den Wodka pur - was weitere Maßnahmen erfordert.
40.
Vgl. Robin Room, The Impossible Dream, in: Journal of Substance Abuse, 4 (1992), S. 91 - 106; Gundula Barsch, Was ist dran am Binge Drinking?, in: B. Dollinger/W. Schneider (Anm. 12), S. 239 - 265.
41.
In Europa haben besonders Großbritannien, Skandinavien und Osteuropa problematische Trinkkulturen: Global Alcohol Data Base n. Dag Rekve, Alcohol in a global perspective, in: www.dhs.de/makeit/cms/cmsupload/dhs/
rekve-dag.pdf (Vortrag auf DHS-Symposium 2007). Vgl. Dimitra Gefou-Madianou: Alcohol, diet, and European Culture, Kopenhagen 1995.