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26.5.2008 | Von:
Konrad H. Jarausch
Cristina Allemann-Ghionda

Die Zeitpolitik der Kinderbetreuung und Grundschulerziehung

In Deutschland besteht ein Defizit an Betreuung und Erziehung von Vor- und Grundschulkindern. Der Vergleich mit Bildungssystemen, die mit dem Ganztagsmodell erfolgreich sind, zeigt die Notwendigkeit von Reformen.

Einleitung

Aus internationaler Sicht erscheint die deutsche Diskussion um Kinderbetreuung außerhalb der Familie und um die Länge der Schulzeit ungemein ideologisiert. Unter Berufung auf die These einer besonderen Bindung zwischen Mutter und Kind halten Traditionalisten an der Priorität der mütterlichen Betreuung und an der Begrenzung des Unterrichts auf den Vormittag fest. Mit reißerischen Titeln wie "Dein Kind will dich"[1] wird an die Schuldgefühle von Müttern appelliert, um sie dazu zu bewegen, ihre Karriere oder ihren Job aufzugeben. Dagegen plädieren progressive Pädagogen aufgrund der Resultate neuer Studien für die positiven Effekte einer guten Kinderbetreuung und die Verlängerung der Schulzeit auf den ganzen Tag, um jungen Frauen weitere Berufstätigkeit zu ermöglichen. Das Aufeinanderprallen von inkompatiblen Weltbildern und Interessen emotionalisiert die Auseinandersetzung. Es tobt ein veritabler "Glaubenskrieg ums Kind".[2]








Die Schärfe der Kontroverse rührt auch von einem dreifachen Schock her, der im vergangenen Jahrzehnt die Selbstzufriedenheit deutscher Bildungspolitiker erschüttert hat. Zunächst enttäuschten die Ergebnisse der PISA-Vergleichsstudie des Lernerfolges die Öffentlichkeit, denn sie bescheinigten hiesigen Schülern nur mittelmäßige Kenntnisse und räumten mit der Illusion von der Überlegenheit deutscher Bildung auf. Gleichzeitig enthüllte der internationale Vergleich der Schulleistungen einen erheblichen Grad von sozialer Ungleichheit der Bildungschancen vor allem bei Kindern von Minderheiten, der mit dem Selbstverständnis eines ausgleichenden Sozialstaats kaum vereinbar ist.[3] Schließlich lenkte die Diskussion um das Altern der Gesellschaft die Aufmerksamkeit auf das wachsende Geburtendefizit, das auch etwas mit der schwierigen Vereinbarkeit von Kind und Beruf zu tun hat. Aus diesen Impulsen ist eine geradezu panische Fehlerdiskussion in den Medien entstanden, die aber nur selten wirklich über den Tellerrand hinausschaut.

Ein Begriff, der die politische Dimension des Streits um Kleinkinderbetreuung, vorschulische Erziehung und Länge der Schulzeit thematisieren kann, ist der Neologismus "Zeitpolitik". Eine Fokussierung auf den Zeitaspekt des Umgangs mit kleinen Kindern weist darauf hin, dass seine Form keine naturgegebene Bedingung, sondern das Produkt von Auseinandersetzungen zwischen unterschiedlichen Ideologien und Interessen ist, die sich von Epoche zu Epoche und von Land zu Land erheblich unterscheiden.[4] Statt eine anthropologische Konstante zu sein, ist das institutionelle Arrangement eher als Resultat von kulturellen Vorstellungen und Aushandlungsprozessen zu verstehen, die unter veränderten Umständen durchaus wandelbar sind. Eine solche Perspektive ermöglicht vergleichende empirische Untersuchungen des Angebots von Krippenplätzen, des Ausbaus von Kindergärten und der Länge der Schulzeit, welche die Konsequenzen unterschiedlicher nationaler Praxen für frühkindliches Lernen, den Zugang von Frauen zum Arbeitsmarkt oder soziale Chancengleichheit offen legen. Wie sieht das deutsche Muster im Vergleich zu diversen Nachbarländern aus?

Fußnoten

1.
Vgl. Christa Müller, Dein Kind will dich. Echte Wahlfreiheit durch Erziehungsgehalt, Augsburg 2007.
2.
Andrea Brandt/Rafaela von Bredow/Merling Theile, Glaubenskrieg ums Kind, in: Der Spiegel vom 25.2. 2008, S. 40 - 54.
3.
Vgl. Andrea Grimm, Nach dem PISA-Schock. Wie gelingt eine Neuorientierung in der Bildungspolitik?, Loccum 2003.
4.
Vgl. Karen Hagemann/Konrad H. Jarausch/ Cristina Allemann-Ghionda (eds.), Time Policies: Child Care and Primary Education in Post-War Europe, New York - Oxford 2009 (i.E.).