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26.5.2008 | Von:
Olaf Ihlau

Indien auf dem Sprung zur Weltmacht - Essay

Die Inder "kommen", ob der Rest der Menschheit das will oder nicht. Sie sind die eigentlichen Herausforderer des Westens, denn sie stützen sich auf eine stabile Demokratie.

Einleitung

Im Schatten der sich weltweit verschärfenden Finanzkrise veröffentlichte das amerikanische Wirtschaftsmagazin "Forbes" vergangenen März seine alljährliche Hitparade der Superreichen und feierte ein bemerkenswertes Comeback.[1] Warren Buffet, Investitionsgenie und Philanthrop, hatte nach dreizehn Jahren den Microsoft - Gründer Bill Gates wieder von Rang eins der Milliardäre verdrängt. Sein Vermögen wurde auf gut 40 Milliarden Euro taxiert. Doch für die eigentliche Überraschung in diesem Schaulaufen der Bestbetuchten sorgten die Vertreter einer anderen Nation und aufsteigenden ökonomischen Macht: Erstmals hatten vier Inder den Sprung unter die zehn wohlhabendsten Menschen auf diesem Planeten geschafft. Auf Rang vier schob sich der Stahlbaron Lakshmi Mittal, gleich dahinter folgten die Gebrüder Mukesh und Anil Ambani mit ihrem Petro-Chemiekonzern Reliance, und Platz acht besetzte der erfolgreichste Immobilienhändler der Welt, Kushal Pal Singh.






Vier Inder im Club der Superreichen, das hat es noch nie gegeben. Es sagt zudem einiges darüber aus, wie rasant sich derzeit die ökonomischen und damit auch politischen Gewichte im globalen Mächtespiel verschieben. Internationale Wirtschaftsweise sehen den erwachten Riesen des Subkontinents mit einem Hyperwachstum schon auf dem Sprung nach ganz oben, bis zur Jahrhundertmitte neben die Vereinigten Staaten und China an die Weltspitze in einer ökonomischen Zeitenwende. Verglichen wird diese Entwicklung historisch mit dem industriellen Aufstieg des Deutschen Reichs Ende des 19.Jahrhunderts, das seinerzeit Großbritannien als Europas führende Wirtschaftsmacht überflügelte und den Weltmarkt in Elektrotechnik, Metallverarbeitung und dem Chemiegewerbe kontrollierte. Teilweise irritiert muss die Welt zur Kenntnis nehmen, dass neben China in Asien ein weiterer Koloss herangewachsen ist, der als neuer Global Player künftig das Weltgeschehen mitbestimmen wird - ökonomisch wie politisch, und als Atom- und Raketenmacht notfalls auch militärisch. Ein Player, der in der Welt von morgen Konkurrent sein wird beim Kampf um Jobs, Märkte und Energieressourcen. "Indien hat das Potenzial zur Weltmacht", verkünden nunmehr nicht nur reißerische Schlagzeilen, sondern auch fundierte wissenschaftliche Analysen.[2] Die Inder "kommen", ob der Rest der Menschheit das will oder nicht. Sie sind langfristig wohl die eigentlichen Herausforderer des Westens, denn sie können sich auf eine stabile demokratische Gesellschaft stützen, während Asiens anderer Gigant, das kommunistische China, bei einer Öffnung womöglich in gefährliche Turbulenzen gerät.

Fußnoten

1.
Vgl. Luisa Kroll, The World's Billionaires, in: Forbes vom 5. 3. 2008.
2.
Vgl. stellvertretend für viele: Teresita C. Schaffer, Deutsche Bank Research, 8. 2. 2006.