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26.5.2008 | Von:
Harald Müller
Carsten Rauch

Indiens Weg zur Wirtschaftsmacht

Wie kam es zu Indiens Aufstieg? Der Text diskutiert die Hintergründe und Inhalte sowie die Erfolge und Misserfolge der Anfang der 1990er Jahre begonnenen Wirtschaftsreformen.

Einleitung

Wenn seit einiger Zeit immer mehr westliche Beobachter Indien als Groß- oder gar Weltmacht bezeichnen, so liegt die Erklärung scheinbar auf der Hand: Mit den Atomtests von 1998 habe Indien mit den USA, Russland, China, Großbritannien und Frankreich - den Ständigen Mitgliedern des UNO-Sicherheitsrats - gleichgezogen und sei in die Reihe der Weltmächte aufgestiegen. Diese direkte Verbindung zwischen Kernwaffen und weltweiter Anerkennung kann indes Indiens Aufstieg nicht hinreichend erklären. Zum einen ist Indien de facto seit 1974 Atommacht. Zwar wurde der damalige Atomtest von Neu Delhi verschämt als "friedliche Kernexplosion" bezeichnet. Doch damit hatte sich das Tor zur Indienststellung von Atomwaffen geöffnet. So sah es auch die internationale Gemeinschaft, die den indischen Schritt nicht mit einem Prestigegewinn belohnte, sondern mit scharfen Sanktionen reagierte, die Indien bis heute vom globalen zivilen Nuklearhandel fernhalten.[1] Von einer Weltmacht Indien sprach damals niemand. Auch ein Blick auf andere Atommächte außerhalb des Atomwaffensperrvertrags zeigt, dass die Aneignung solcher Waffen keineswegs die quasi-automatische Zuschreibung des Status einer Groß- oder Weltmacht zur Folge hat. Weder Israel noch Nordkorea werden mit einem solchen Status in Verbindung gebracht. Auch Indiens Nachbar und Dauerrivale wurde trotz seiner Atomtests von 1998 nie als "Weltmacht Pakistan" ins Gespräch gebracht.










Es muss also andere Gründe dafür geben, warum Indien, das vom Westen 50 Jahre lang weitgehend ignoriert wurde, plötzlich als wichtiger Global Player angesehen wird. Der wichtigste Grund ist das seit Jahren anhaltende Wirtschaftswachstum, das seit 1995 durchschnittliche Wachstumsraten von 6,4 Prozent erreicht (seit 2004 sogar 8,5 Prozent). Berechnet nach Kaufkraftparität stellt Indien damit heute bereits die viertgrößte Volkswirtschaft der Erde dar.[2] Wie hat Indien diese Stellung erreicht, wie robust ist der indische Aufstieg einzuschätzen und was ist von der Zukunft zu erwarten?

Fußnoten

1.
Aktuell gibt es allerdings Planungen von Washington und Neu Delhi, Indien wieder in den weltweiten Nuklearmarkt zu integrieren. Siehe dazu: Harald Müller/Carsten Rauch, Der Atomdeal - Die indisch-amerikanische Nuklearkooperation und ihre Auswirkung auf das globale Nichtverbreitungsregime, HSFK-Report 6/2007, Frankfurt/M.
2.
Hinter den USA, Japan und China. Dieses Bild relativiert sich etwas, wenn auf die Kaufkraftbereinigung verzichtet wird. Dann steht Indien auf Rang 10. Betrachtet man das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf, fällt Indien sogar auf Rang 118. Aber auch hier ist eine Entwicklung unverkennbar: "If India's economy were still growing at the pre-1980 level, then its per capita income would reach present U.S. levels only by 2250; but if it continues to grow at the post-1980 average, it will reach that level by 2066 - a gain of 184 years." Gurcharan Das, The India Model, in: Foreign Affairs, 85 (2006) 4, S. 2 - 16, S. 6.