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26.5.2008 | Von:
Siegfried O. Wolf

Hindu-Nationalismus - Gefahr für die größte Demokratie?

Die hindu-nationalistische Bewegung versucht zwar auf mehreren Ebenen ihren gesellschaftlichen Einfluss zu mehren, kann aber letztendlich die demokratische Ordnung des Landes nicht gefährden.

Einleitung

Indien befindet sich seit fast drei Jahrzehnten in einer Phase tiefgreifender wirtschaftlicher, sozialer und insbesondere politischer Veränderungen. Die Entwicklung des indischen Parteiensystems von einer Einparteiendominanz zu einem Quasi-Zweiparteiensystem, der damit verbundenen Politik der Koalitionen[1] und das Erstarken regionaler und kastenbezogener Parteien sind die herausragenden Merkmale dieses Transformationsprozesses.






Eine der bemerkenswertesten Entwicklungen ist jedoch das Auftreten eines Phänomens, welches mit Hilfe unterschiedlichster Begrifflichkeiten wie Hindu-Nationalismus, Hindu-Fundamentalismus, Hindu-Chauvinismus oder Hindu-Kommunalismus zu erfassen versucht wird. Die damit assoziierten negativen Konnotationen in Politik, Wissenschaft und Gesellschaft wurden dabei stets zu den bedrohlichsten Herausforderungen für die indische Demokratie gezählt. Die sich vermeintlich abzeichnende Veränderung der politischen Kultur, geprägt durch gewalttätige Ausschreitungen gegenüber religiösen Minderheiten, zunehmende Versuche der Aushöhlung grundlegender Verfassungsprinzipien wie den Säkularismus sowie das immer stärkere Formulieren radikaler politisch-gesellschaftlicher Forderungen, schien das indische Modell der Konsensdemokratie grundlegend in Frage zu stellen und düstere Prognosen zu bestätigen.

Dabei wurde der wesentlichen Frage nur bedingt nachgegangen: Inwieweit kann sich ein solches Phänomen dauerhaft zu einer geschlossenen politischen Kraft formieren, mit Aussicht nicht nur auf eine kurzfristige Machtübernahme, sondern auch auf längerfristigen Machterhalt? Zwar erlebten die Hindu-Nationalisten bei den Bundeswahlen 2004 und weiterer Landeswahlen einen gewissen Niedergang. Doch kann daraus nicht geschlossen werden, dass sich dies in Zukunft wiederholen wird. Vielmehr gilt es daher, die organisatorischen Strukturen, die bis dato als Motor und Erfolgsgarant galten, perspektivisch auszuleuchten und deren Zusammenspiel sowie etwaige Probleme zu bewerten, um diese aus dem Bereich der Bedrohungswahrnehmungen ausschließen zu können.

Fußnoten

1.
Dieses "Zweiparteiensystem" kann grundsätzlich durch zwei sich gegenüberstehende Koalitionen beschrieben werden, die jeweils von einer der beiden großen nationalen Parteien geführt werden (National Democratic Alliance/NDA - Bharatiya Janata Party/BJP; United Progressive Alliance/UPA - Indian National Congress/INC). Neben diesen beiden führenden politischen Akteuren besteht das ständige Bestreben linker Strömungen eine "dritte Kraft" zu etablieren.