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26.5.2008 | Von:
Sumit Ganguly

Der indisch-pakistanische Konflikt

Seit dem Ende der Kolonialzeit haben Indien und Pakistan bereits vier Mal Krieg um die Region Kaschmir und Jammu geführt, ohne aber zu einer substantiellen Lösung gelangt zu sein.

Einleitung

Nur wenige regionale Konflikte waren von so langer Dauer wie der indisch-pakistanische um das umstrittene Gebiet von Jammu und Kaschmir.[1] Die beiden Staaten zogen vier Mal gegeneinander in den Krieg (1947 - 48, 1965, 1971 und 1999). Drei dieser Konflikte entzündeten sich an derKaschmir-Frage (1947 - 48, 1965 und 1999). Zahllose weitere Krisen haben das Verhältnis zwischen Indien und Pakistan zusätzlich zerrüttet. In jüngerer Vergangenheit standen die beiden Staaten in den Jahren 1987, 1990 und 2001 - 2002 am Rande eines Krieges.[2]




Die Ursprünge dieses Konflikts sind vielschichtig und gehen auf den Prozess des Rückzugs der britischen Kolonialmacht von dem Subkontinent im Jahre 1947 zurück. Kurz nachdem sie unabhängig geworden waren, erhoben beide Nachfolgestaaten des Britisch-Indischen Empires, Indien und Pakistan, Anspruch auf den Fürstenstaat Jammu und Kaschmir.[3] Pakistan, das als mutmaßliches Mutterland der südasiatischen Muslime geschaffen worden war, begründete seine Ansprüche auf Kaschmir irredentistisch: Die pakistanischen Eliten behaupteten, ein mehrheitlich muslimisch bevölkerter Staat, der an Pakistan angrenzte, müsse zwangsläufig zu Pakistan gehören. Indien, das auf der Basis eines bürgerlichen Nationalismus gegründet worden war, argumentierte mit ebensolcher Vehemenz, dass ein Staat mit muslimischer Mehrheit gerade unter der Ägide eines säkularen politischen Systems aufblühen könne.

In der Hoffnung, sein Reich als unabhängigen Staat erhalten zu können, verweigerte der Monarch, Maharaja Hari Singh, schließlich sowohl einen Beitritt zu Indien als auch zu Pakistan. Die Dinge spitzten sich zu, als Ende Oktober 1947 im westlichen Teil des Landes eine Stammesrevolte ausbrach. Bald darauf erreichten die Rebellen, wesentlich unterstützt von Pakistan, Srinagar, den Sommersitz des Monarchen. Den drohenden Fall seiner Hauptstadt unmittelbar vor Augen, appellierte er an Indien mit der Bitte um militärische Hilfe. Der indische Premierminister Jawaharlal Nehru versprach seine Unterstützung nur unter zwei Bedingungen: In Ermangelung eines Referendums, in dem die Wünsche der Bevölkerung Kaschmirs ermittelt worden wären, müsse erstens Scheich Mohammed Abdullah, der an der Spitze der größten und populärsten, säkularen politischen Partei des Staates stand (Jammu and Kashmir National Conference), seine Einwilligung geben. Zweitens müsse der Maharadscha formell den Beitritt zu Indien erklären. Nachdem diese Bedingungen erfüllt worden waren, wurden indische Truppen nach Srinagar geflogen, um den Vorstoß der Stämme zu stoppen, allerdings erst, nachdem ein Drittel des Staates bereits in pakistanische Hände gefallen war.[4] Auf Rat Lord Mountbattens übertrug Indien die Lösung der Kaschmir-Frage am 1. Januar 1948 den Vereinten Nationen. Innerhalb der UNO geriet das Thema rasch in die Verstrickungen des Kalten Krieges und endete in einer politischen Sackgasse.[5] In den frühen 1960er Jahren hatten die Vereinten Nationen und die Großmächte ihr Interesse an der Kaschmir-Frage verloren.

Fußnoten

1.
Übersetzung aus dem Englischen: Doris Tempfer-Naar, Wien/Österreich.

Zu den Ursprüngen des indisch-pakastanischen Konflikts vgl. Sumit Ganguly, Conflict Unending. Indo-Pakistani Tensions Since 1947, New York 2001.
2.
Vgl. ders./Devin Hagerty, Fearful Symmetry. India and Pakistan in the Shadow of Nuclear Weapons, Seattle 2005.
3.
Die 562 Fürstenstaaten im Britisch-Indischen Empire waren nominell unabhängig, erkannten aber die Britische Krone als oberste Macht in Südasien an. Im Zuge der Unabhängigkeit und Teilung wurden sie von den Briten aufgerufen, sich, je nach Bevölkerungszusammensetzung und dem Vorhandensein gemeinsamer Grenzen, zwischen Indien und Pakistan zu entscheiden. Jammu und Kaschmir stellte eine spezielle Herausforderung dar, weil es sowohl an Indien als auch an Pakistan grenzte, sein Monarch ein Hindu war, seine Bevölkerung aber mehrheitlich muslimisch. Vgl. Ian Copland, The Princes of India in the Endgame of Empire. Cambridge 1997.
4.
Der Anschluss Kaschmirs an Indien wird kontrovers diskutiert. Sorgfältig erörtert und prägnant beurteilt wird dieses Thema von Shereen Illahi, The Radcliffe Boundary Commission and the Fate of Kashmir, in: India Review, 2 (2003), 1, S. 77 - 102.
5.
Vgl. Chandrasekhar Dasgupta, War and Diplomacy in Kashmir, 1947 - 48, New Delhi 2002.