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5.5.2008 | Von:
Dieter Segert

Der Riss durch die Partei

Vom "Prager Frühling" 1968 werden meist die Panzer im August erinnert, nicht aber die vorangegangenen Reformen. Wie wurden Stalinisten zu Antistalinisten, linientreue Exekutoren zu eigenständig Handelnden?

Einleitung

In Prag an der Moldau waren 1968 unerhörte Ereignisse zu verzeichnen: Eine kommunistische Partei machte sich daran, sich mit dem eigenen Volk über die Ziele der Politik zu verständigen. Alexander Dubcek war die Symbolfigur eines "Sozialismus mit menschlichen Antlitz"; das Volk reagierte mit Enthusiasmus.






Das Misstrauen der anderen Führer des sozialistischen Lagers wurde sofort geweckt. Es wurde ermahnt, gedroht, konspirativ verabredet. Das massivste Zeichen war, dass im Juni mehrtägige Manöver der Warschauer Vertragsstaaten unter der Bezeichnung "Sumava" (Böhmerwald) auf dem Territorium der CSSR stattfanden. Die Verbündeten behaupteten, es gehe darum, die Errungenschaften des Sozialismus vor einer Konterrevolution aus dem Westen zu schützen. Real wurde darin nur die Angst einer abgehobenen Kaste gespiegelt, die das eigene Herrschaftsmonopol bedroht sah. In der Nacht zum 21. August 1968 begann die Besetzung der CSSR durch Flugzeuge, Panzer, Hunderttausende Soldaten und Spezialkräfte der Geheimdienste. Fünf Staaten, auch die DDR, waren beteiligt. Der "Nachtfrost", schrieb einer der tschechoslowakischen Reformer später, der die Pflanze Hoffnung dieses Frühjahrs vernichtete, kam aus Moskau.[1]

Wenn man sich vierzig Jahre danach an den "Prager Frühling" erinnert, rückt fast nur noch der Einmarsch ins Blickfeld, nicht die Zeit davor. Bilder, die man im Internet findet, zeigen vorwiegend Panzer und empörte Tschechen und Slowaken, die sich ihnen mit ihrem bloßen Körper entgegenstellen.[2] Allenfalls der Name Dubcek bleibt. Aber wofür steht er? Diese einseitige Erinnerung scheint insofern gerechtfertigt, als die Ergebnisse der Reformen nach dem August weitgehend ausgelöscht wurden.

Warum sollten wir uns an die Ereignisse vor dem Einmarsch erinnern? Im Sommer 1998, als ich an der Prager Karlsuniversität arbeitete und die Gedenkveranstaltungen zum 30. Jahrestag erlebte, wurden nur die Gegenargumente benannt: Der "Frühling" sei nichts weiter als ein Kampf zwischen zwei Gruppen von Kommunisten, die beide aus Moskau kamen, um die Macht gewesen. Schließlich sei das Ganze den Siegern des Kampfes aus dem Ruder gelaufen. Dubcek-zrádce![3] las ich in jenen Tagen auf einer Mauer um die Prager Metrostation Kleinseite. Der Held ein Verräter?

Dieser Text nennt Argumente zugunsten einer alternativen Erinnerung. Der "Prager Frühling" war das Ergebnis eines langen Lernprozesses zweier Generationen von Kommunisten. Geschichte sollte nicht nur aus einer Perspektive erzählt werden, nicht nur vom Ende her, sondern aus dem Moment des Geschehens heraus. Sie ist immer ein Raum verschiedener Möglichkeiten. Es gibt viele Geschichten, die es wert sind, erzählt zu werden. Nur so kann ein gültiges Bild der Ereignisse entstehen, das im Übrigen ohnehin von jeder neuen Generation neu geschrieben werden wird.

Der Lernprozess der Reformer sagt etwas aus über die Art von Macht- und Gesellschaftsordnung, die 1989 gescheitert ist, aber doch das 20. Jahrhundert mitgeprägt hat. Sich mit ihm zu beschäftigen ist sinnvoll, einerseits, um den Staatssozialismus sowjetischer Prägung, andererseits, um die Offenheit der neuesten Geschichte insgesamt besser verstehen zu können. Insofern ist der "Prager Frühling" auch ein Lehrstück über die Gestaltbarkeit von Herrschaft durch die Initiativen von sich verändernden Menschen, nicht nur über die Grenzen des Machbaren in diesem Typ Diktatur.

Fußnoten

1.
Vgl. Zdenek Mlynar, Nachtfrost. Erfahrungen auf dem Weg vom realen zum menschlichen Sozialismus, Köln 1978.
2.
Vgl. u.a. die vom Prager Institut für Zeitgeschichte gestaltete Website Prazské Jaro 1968: www.68.usd. cas.cz/content/view/38/58/lang.cz (4.3. 2008).
3.
zrádce heißt "Verräter".

Dossier

Prag 1968

Vor 50 Jahren beendeten Kampftruppen aus der Sowjetunion, Bulgarien, Ungarn und Polen gewaltsam die reformkommunistische Bewegung des "Prager Frühlings" in der damaligen CSSR (den heutigen Ländern Tschechien und Slovakei). Damit machte die kommunistische Führung der Sowjetunion unmissverständlich deutlich, dass sie in ihren osteuropäischen Satellitenstaaten kein Abweichen von ihrem ideologischen und diktatorischen Kurs duldete. Ein neues Dossier, 50 Jahre danach.

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