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5.5.2008 | Von:
Martin Machovec

Tschechische Untergrundkultur

Das Jahr 1968 war in der ČSSR außergewöhnlich, auch aufgrund der kulturellen Freiheit. Damals entstanden Aktivitäten, die im Zeitraum der "Normalisierung" nur "im Untergrund" umgesetzt werden konnten.

Einleitung

Ohne Zweifel wäre es möglich, in der Kulturgeschichte allgemein und speziell in der Literaturgeschichte etliche Beispiele für jenes überraschende Phänomen der Asynchronität zu finden, das darin besteht, dass sich das schöpferische Hoch einzelner Künstler und Schriftsteller nicht mit den Zeiten deckt, in denen es mehr als sonst möglich wäre, die politische und schöpferische Freiheit zu nutzen. Insbesondere im 20. Jahrhundert, in dem viele Länder von langen, durch Diktaturen beziehungsweise totalitäre Regime geprägten Perioden heimgesucht wurden, abgelöst lediglich durch kurze Zeiten relativer Freiheit, wären für einen solchen Algorithmus zahlreiche Beispiele auszumachen.[1]




Aus dieser Feststellung pauschalisierende Schlussfolgerungen zu ziehen, wäre verfehlt. Gewiss könnten wir viele, vielleicht die meisten Künstler und Dichter nennen, die in Zeiten des Terrors, der Unterdrückung und der Unfreiheit verstummt waren, und zwar aus dem plausiblem Grund, dass sie es gewohnt waren, "im Auftrag" zu arbeiten, Akteure des künstlerischen oder literarischen "Betriebs" zu sein - und damit ihren Lebensunterhalt durch künstlerisches oder literarisches Schaffen mehr schlecht als recht zu verdienen. Unter veränderten Rahmenbedingungen bleibt solchen Autoren dann nichts anderes übrig als zu schweigen oder - im schlechteren Fall - einem "gesellschaftlichen Auftrag" anderer Art zu entsprechen und gegen das eigene Gewissen und die eigene Überzeugung anzufangen, für die ideologische Plattform solcher Regime akzeptable Werke zu schaffen und zu veröffentlichen.

Die Tschechoslowakei der Jahre 1948 bis 1989 scheint, bei oberflächlicher Betrachtung, ein Beispiel für ein totalitäres Regime sowjetischer Art zu sein. Sie erscheint als Staat, in dem im Grunde genommen alles der Kontrolle des staatlich-parteilichen Apparates unterworfen ist, wo die hybride Quasilinksdoktrin des so genannten Marxismus-Leninismus zur staatstragenden Lehre, zu einem neuen quasireligiösen Strengglauben, aufgewertet ist. Offenbar wurden in der Tschechoslowakei jener vier Dekaden grundlegende Voraussetzungen erfüllt, um das politische und gesellschaftliche System als "totalitär" bezeichnen zu können.[2]

Bei genauerer Betrachtung ist die Tatsache nicht zu bestreiten, dass es im Rahmen dieses "Totalitarismus" mal mehr und mal weniger freie Phasen gab und dass sogar ein kurzer Zeitraum (Januar 1968 bis April 1969) existierte, während dessen die Machtmechanismen des totalitären Regimes in der Praxis nicht funktionierten oder zumindest stark gelähmt waren, obwohl sie de nomine nie aufgehört haben zu existieren. Neben dieser bedeutsamsten sind auch weniger auffällige Zäsuren in Betracht zu ziehen, die für das Kulturleben nicht weniger folgenschwer waren, so der Tod Stalins 1953, der XX. Parteitag der KPdSU im Jahre 1956, die Freilassung der Mehrheit der politischen Häftlinge in der Tschechoslowakei 1960/61, die Gründung der Charta '77 Ende 1976/Anfang 1977 und der Machtantritt Michail Gorbatschows in der UdSSR im Jahr 1985.

In welchen dieser abgrenzbaren Zeiträume sind künstlerische und literarische "Untergrundbestrebungen" auszumachen, die im Tschechischen je nach ihrer speziellen Ausrichtung mit podzemní oder aber mit dem in einer bestimmten Zeit ins Tschechische übernommenen englischen Begriff undergroundové charakterisiert werden?[3] Zunächst muss erläutert werden, was diese Differenzierung im tschechischen beziehungsweise im tschechoslowakischen kulturellen Kontext bedeutet.

Mit podzemí werden kulturelle Untergrundbestrebungen beschrieben, die inoffiziell, also nicht amtlich erlaubt, vonstatten gingen, und, obgleich es sich nicht unbedingt um Aktivitäten "subversiver", "staatsfeindlicher" oder "gesellschaftsfeindlicher" Art handelte, gleichwohl eo ipso, also unter Berücksichtigung des Selbstverständnisses eines totalitären Systems, de facto für eben dies gehalten wurden, d.h. für illegal. In der Literatur verfügen diese Aktivitäten über keine andere Möglichkeit als das spontane Verbreiten von Texten ohne amtliche Erlaubnis, für das sich die tschechische Sprache spätestens seit Anfang der 1970er Jahre des russischen Begriffs "Samisdat" bedient.[4]

Mit underground wird ein Ausschnitt der Untergrundaktivitäten charakterisiert, und zwar derjenige der 1970er und 1980er Jahre. Zum Symbol derartig spezifizierten Untergrundkulturgeschehens in der Tschechoslowakei wurde insbesondere die Rockband The Plastic People of the Universe und die sich um diese während der 1970er Jahre herum orientierende Gruppierung. Die Bezeichnung entstand infolge ihrer Ausrichtung insbesondere auf die amerikanische "Undergroundszene" der zweiten Hälfte der 1960er Jahre, d.h. auf einen bestimmten Teil der amerikanischen "Gegenkultur". Kennzeichnend waren antikommerzielle, oft experimentelle Ambitionen in der Massenkultur, vor allem der Rockmusik. In den verbalen Äußerungen ging es vorwiegend um sozialkritische, enttabuisierende, ironische, literarisch stets relevante Bemühungen (man denke an den Einfluss von Frank Zappa mit seiner Band The Mothers of Invention, an Lou Reed mit The Velvet Underground, an Jim Morrison mit The Doors, an Ed Sanders und Tuli Kupferberg mit ihrer Band The Fugs). Die Undergroundbewegung in der Tschechoslowakei war im Vergleich zu den anderen analogen zeitgenössischen Untergrundaktivitäten vermutlich die radikalste, und somit wird eigentlich nur sie für wahrhaft "untergrundartig" gehalten, während andere nichtoffizielle Bestrebungen als "dissident", "parallel" oder "alternativ" qualifiziert werden.

Fußnoten

1.
Übersetzung aus dem Tschechischen: Jana Vá?ová, Prag/Tschechische Republik.
2.
Diesen Begriff, so wie er von "Totalitarismustheoretikern" wie Raymond Aron, Hannah Arendt oder Carl Friedrich verstanden wurde, reflektierte kritisch vermutlich als erster der tschechoslowakischen Dissidentenautoren Václav Havel; vgl. Moc bezmocnÝch, in: ders., Spisy 4, Praha 1999; dt.: Versuch, in der Wahrheit zu leben. Von der Macht der Ohnmächtigen, Reinbek 1980. Havel führt zwar für das tschechoslowakische Regime in den 1970er Jahren den Terminus "Posttotalitarismus" ein, versteht diesen jedoch nicht als etwas qualitativ grundsätzlich Verschiedenes im Vergleich zum Stalinismus der 1950er Jahre.
3.
Anm. d. Übersetzerin: Das Original podzemí wurde mit "Untergrund" und, soweit es der Autor als Attribut podzemní gebraucht hat, als "Untergrund-" übersetzt; underground bzw. undergroundové entsprechend mit "Underground" bzw. "Underground-".
4.
Vgl. z.B. Wolfgang Eichwede (Hrsg.), Samizdat. Alternative Kultur in Zentral- und Osteuropa: Die 60er bis 80er Jahre, Bremen 2000.

Dossier

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