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5.5.2008 | Von:
Hartmut Zwahr

Tagebuch 1968

Die Tagebuchnotizen eines Zeitzeugen schildern, wie der "Prager Frühling" in der DDR verfolgt wurde. Mit dem gewaltsamen Ende des Reformversuchs wurde die Selbstzerstörung der DDR erkennbar.

Einleitung

Wer Tagebuch schreibt, bleibt seinen Irrtümern verbunden. Kein noch so dünner Schleier erinnernden Abstandnehmens hängt zwischen dem Leser und ihm. Das Tagebuch zeigt das Räderwerk, in dem die Hoffnung des "Prager Frühlings" verschwand.[1]




Leipzig, 11. März: Beeindruckt von den Ereignissen in der CSSR, setze ich die Aufzeichnungen aus dem Jahre 1960 fort. Die Lage ist wenig verändert. Den Bau des "Schutzwalles" erlebte ich in Prag. Am Bußtag 1966 erfolgte meine Übernahme, als Kandidat, in die Partei. Es war der letzte Bußtag, der als offizieller Feiertag begangen wurde. Die Grundorganisation tagte von zehn Uhr bis spät am Nachmittag. An der Baufachschule fiel der Strauß Chrysanthemen noch am selben Abend in die stinkende Pleiße. Am Bußtag 1967 wurde ich Mitglied. (...)

Etwa 1958 war ich zum ersten Male geworben worden, dann wiederholt. Gerhard Bender erzwang ihn [den Eintritt] mit der offiziellen Mitteilung in der Parteigruppe, ich wolle nunmehr eintreten. Gereizte Anfragen der Gruppe um Walburga Parthey, weshalb ich noch immer außerhalb der Partei stehe, es werde immer von Gründen gesprochen, was seien denn das für Gründe, waren vorausgegangen. Wissend, dass von den Verhandlungen der Parteigruppe wenig geheim bleibt, hatte Bender abgedrückt. Das war Tells Geschoss kommentierte Karl. Ich ergab mich. Händeschütteln von allen Seiten, Chrysanthemen (...).

In der CSSR wurden in Kladno die Parteileitungen erstmals wieder in geheimer Wahl gewählt, bei uns werden die Gewerkschaftskandidaten von der Partei nominiert, von der AbteilungsGewerkschaftsLeitung beraten, von den Mitgliedern in bekannter Weise gewählt. Jeder darf einen Zettel mit allen Namen der von der Partei Nominierten in die Urne stecken. (...)

Ein ganzes, besser, ein halbes Volk sieht West, hört West. Die Partei konstatiert, dass sich die sozialistische Menschengemeinschaft in der Phase des entwickelten gesellschaftlichen Systems weiter gefestigt hat. (...) Die Ereignisse in der CSSR sind schon seit Wochen in rascher Bewegung. Gestern wurde bekannt gegeben, dass NovotnÝ[2] sich zur Kur begeben will. Vorspiel des Rücktritts? Die wenigen tschechischen und slowakischen Zeitungen, Rudé právo, Práce, Praca, Mláda fronta, sind auf dem Hauptbahnhof gegen elf Uhr verkauft. Haben Sie noch von gestern, alte? - Die werden nicht alt. Messetrubel. Ich lege im Messetrubel im Hauptbahnhof die "Geschichte der KPdSU" und das alte, dogmatische Lehrbuch "Grundlagen der Marxistisch-Leninistischen Philosophie" in einem Papierkorb ab.

Fußnoten

1.
Die hier zusammengestellten, unveränderten Tagebuchauszüge aus der Zeit vom 11. März 1968 bis zum 6. Dezember 1969 stammen aus: Hartmut Zwahr, Die erfrorenen Flügel der Schwalbe. DDR und "Prager Frühling". Tagebuch einer Krise 1968 bis 1970, Bonn 2007, 434 S.; unveränderte Taschenbuchausgabe (Verlag J.H.W. Dietz), Bonn 2008. Kursivierungen sind Ergänzungen der Originalniederschrift; Hinzufügungen in eckigen Klammern dienen dem Verständnis.
2.
Antonin NovotnÝ (1904 - 1975), von 1953 bis zum 4. 1. 1968 1. Sekretär der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei; abgelöst durch den Slowaken Alexander Dubcek (1921 - 1992). Von 1957 bis zum März 1968 war NovotnÝ Staatspräsident; Nachfolger wurde Ludvík Svoboda (1895 - 1979).

Dossier

Prag 1968

Vor 50 Jahren beendeten Kampftruppen aus der Sowjetunion, Bulgarien, Ungarn und Polen gewaltsam die reformkommunistische Bewegung des "Prager Frühlings" in der damaligen CSSR (den heutigen Ländern Tschechien und Slovakei). Damit machte die kommunistische Führung der Sowjetunion unmissverständlich deutlich, dass sie in ihren osteuropäischen Satellitenstaaten kein Abweichen von ihrem ideologischen und diktatorischen Kurs duldete. Ein neues Dossier, 50 Jahre danach.

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