APUZ Dossier Bild
1 | 2 | 3 | 4 | 5 Pfeil rechts

1968 als transnationales Ereignis


18.3.2008
Trotz nationaler Unterschiede verband die 68er-Aktivisten weltweit eine transnationale Protestkultur, die eine entscheidende Rolle als Wegbereiter soziokultureller Veränderungen in den verschiedenen Ländern spielte.

Einleitung



Das magische Jahr "1968" gilt gemeinhin als globales Ereignis, als "Mythos, Chiffre und Zäsur" auch auf internationaler Ebene.[1] In zahlreichen Ländern assoziiert man heute mit den historischen Ereignissen der 1960er Jahre jugendlichen Protest, generationelle Revolte, gegenkulturelle Ausgelassenheit, sexuelle Befreiung sowie zum Teil harsche Reaktionen seitens offizieller Stellen. So erinnert sich der damalige Aktivist und heutige EU-Parlamentarier Daniel Cohn-Bendit: "Paris, Berlin, Frankfurt, New York, Berkeley, Rom, Prag, Rio, Mexico City, Warschau - das waren die Stätten einer Revolte, die um den gesamten Erdball ging, und Herzen und Träume einer ganzen Generation eroberte. Das Jahr 1968 war, im wahrsten Sinne des Wortes, internationalistisch."[2]




Dabei variiert die kollektive Erinnerung an dieses Jahrzehnt auf nationaler Ebene erheblich. Was heute im deutschsprachigen Raum unter der Chiffre "1968" zusammengefasst wird, vereinigt in internationaler Perspektive die unterschiedlichsten politischen und sozialen Transformationsprozesse von den 1950er bis 1970er Jahren. Denn die internen Umwälzungen erschütterten nicht nur die westliche, kapitalistische Welt, sondern auch die Warschauer-Pakt-Staaten sowie die Dritte Welt in Lateinamerika, Afrika und Asien.[3] Als Erinnerungskonstrukt wird "1968" daher heute unter dem oftmals beschworenen "Zeitgeist" jener Dekade als globales Ereignis zelebriert, das in der Lage gewesen sei, die ideologischen Fronten des Kalten Krieges zu transzendieren. Die Forschung hat sich in den vergangenen Jahren verstärkt der Frage angenommen, wie sich die weltumspannenden Protestbewegungen dieses Jahrzehnts beschreiben und erklären lassen. "1968" gilt entweder als "Revolution im Weltsystem", als erste globale revolutionäre Bewegung oder als Konglomerat nationaler Bewegungen mit lokalen Spezifika, die durch gemeinsame Merkmale verbunden sind.[4] Fest steht bei all diesen Interpretationen, dass die transnationale Dimension der Rebellion der 1960er Jahre eines ihrer entscheidenden Antriebsmomente war.[5]


Fußnoten

1.
Vgl. Wolfgang Kraushaar, 1968 als Mythos, Chiffre und ZÄsur, Hamburg 2000.
2.
Daniel Cohn-Bendit, Wir haben sie so geliebt, die Revolution, Frankfurt/M. 1987, S. 15.
3.
Vgl. Etienne Francois (Hrsg.), 1968: Ein europäisches Jahr?, Leipzig 1997; Carole Fink u.a. (Hrsg.), 1968: A World Transformed, New York 1998; Ingrid Gilcher-Holtey, Die 68er-Bewegung: Deutschland, Westeuropa, USA, München 2001; Axel Schildt/Detlef Siegfried (Hrsg.), Between Marx and Coca-Cola: Youth Cultures in Changing European Societies, 1960-1980, New York 2006; Gerd-Rainer Horn, The Spirit of '68: Rebellion in Western Europe and North America, 1956-1976, Oxford 2007; Martin Klimke, The "Other" Alliance: Global Protest and Student Unrest in West Germany and the U.S., 1962-1972, Princeton, N.J. (i.E.).
4.
Vgl. Immanuel Wallerstein, 1968: Revolution im Weltsystem, in: E. François, ebd., S. 19 - 33; Hans Günter Hockerts, ,1968` als weltweite Bewegung, in: Venanz Schubert (Hrsg.), 1968: 30 Jahre danach, St. Ottilien 1999, S. 13 - 34; Beate Fietze, ,A spirit of unrest`. Die Achtundsechziger-Generation als globales Schwellenphänomen, in: Rainer Rosenberg (Hrsg.), Der Geist der Unruhe: 1968 im Vergleich. Wissenschaft-Literatur-Medien, Berlin 2000, S. 2 - 25.
5.
Vgl. Joscha Schmierer, Der Zauber des großen Augenblicks. 1968 und der internationale Traum, in: Lothar Baier (Hrsg.), Die Früchte der Revolte. Über die Veränderung der politischen Kultur durch die Studentenbewegung, Berlin 1988, S. 107 - 126.