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6.3.2008 | Von:
Michael Buestrich
Norbert Wohlfahrt

Die Ökonomisierung der Sozialen Arbeit

Ausblick

Aus den geschilderten Entwicklungen ergibt sich eine einheitliche Tendenz der "Ökonomisierung" sozialer Dienste und Einrichtungen, die sich als "Vermarktlichung" ihrer Erbringungskontexte zeigt. Diese Situation des Übergangs ("halbierte Modernisierung") wird daran deutlich, dass derartige Vorhaben insgesamt noch nicht abgeschlossen und zugleich in den verschiedenen Bereichen des sozialen Dienstleistungssektors unterschiedlich weit fortgeschritten sind. Die Bandbreite reicht dabei von "staatlich gelenkten Märkten", über "Semi-Markt-Systeme", in denen Bereiche staatlicher Steuerung mit Elementen einer überwiegenden bis vollständigen Marktsteuerung kombiniert sind, bis hin zu - mit Ausnahme des Gesundheitswesens - aktuell (noch) eher randständigen Bereichen einer ausschließlichen Marktsteuerung, in denen es um Marktanteile, das heißt die Konkurrenz um die privat zahlungsfähige Nachfrage von Kunden geht. Gerade bezüglich der letzten beiden Optionen übernimmt der volkswirtschaftlich bedeutende Gesundheitssektor eine Trendsetterfunktion. Diese betrifft sowohl die Steuerungsmodalitäten (z.B. das Fallpauschalensystem in den Krankenhäusern und der mit dem SGB XI etablierte "Pflegemarkt") als auch die im Zuge der Umsetzung zwischenzeitlich eingetretenen Folgen für die betroffenen Klienten/Patienten sowie die in diesen Bereichen Beschäftigten.[40]

Für die freigemeinnützigen Träger sozialer Dienste zeichnet sich eine rasante Fahrt in eine immer ungewissere Zukunft ab, und die Planungsrisiken für Träger wie für Beschäftigte werden - insbesondere im Zusammenhang mit vermehrten, europaweiten Ausschreibungsverfahren - noch deutlich zunehmen. Freie Träger verlieren auf dem Weg in die Sozialwirtschaft ihre ursprüngliche Identität und tragen dabei ein erhöhtes wirtschaftliche Risiko - bis zur Insolvenz. Die Kommunen als Gewährleister sozialer Dienste und Hilfen vor Ort könnten sich deshalb - gerade durch den Vollzug ihrer Spar- und Effizienzprogrammatik - künftig mit höheren Kosten für die Dienstleistungserstellung konfrontiert sehen, wenn die ehemaligen Sozialpartner "vom Markt verschwinden" und durch transnationale Sozialkonzerne ersetzt werden.

Für die Beschäftigten zeichnet sich der "Weg in die Dienstleistungsgesellschaft" damit recht deutlich ab: Der international zu beobachtende Trend von stetig steigenden professionellen Anforderungen an die soziale Dienstleistungserbringung - ablesbar etwa an einer fortschreitenden Akademisierung sozialer Berufe - bei gleichzeitig sinkenden Einkommen, kennzeichnet auch den deutschen Entwicklungspfad in die Sozialwirtschaft.

Fußnoten

40.
Vgl. z.B. Deutsche Krankenhausgesellschaft, Krankenhausbarometer, Berlin 2007 sowie Medizinischer Dienst der Spitzenverbände der Krankenkassen (MDS), Zweiter Bericht des MDS zur Qualität in der ambulanten und stationären Pflege, Essen 2007.