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6.3.2008 | Von:
Hermann Strasser
Michael Stricker

Bürgerinnen und Bürger als Helfer der Nation?

Mit der Krise des Wohlfahrtsstaates wird der Ruf nach gesellschaftlicher Selbsthilfe immer lauter. Die Bürgerinnen und Bürger sind bereit, soziale Dienstleistungen zu erbringen, wenn professionelle Anbieter Unterstützung leisten und Spielräume für die Selbstorganisation bestehen.

Einleitung

Mit dem Leitbild der Bürgergesellschaft verbindet man die aktive Selbstorganisation der Bürgerinnen und Bürger, die sich an demokratischen Prinzipien orientiert sowie unabhängig vom Staat und außerhalb des Marktes erfolgt. Die Schlüsselbegriffe in diesem Konzept lauten Bürgersinn und freiwilliges Engagement, Zivilcourage und Solidarität. Diese Vorstellungen von einer Gesellschaft schlagen sich in sozialem Kapital nieder, das bei den Individuen als persönliche Ressourcen in Erscheinung tritt, in der "Stärke schwacher Beziehungen"[1] zum Ausdruck kommt und sich in der Gesellschaft als Vertrauensgerüst entpuppt. Nicht zuletzt wirkt sich diese gesellschaftliche Einbettung positiv auf das Wohlbefinden der Menschen aus, wie beispielsweise eine Befragung in fünf österreichischen Städten im Zuge der OECD-Sozialkapital-Initiative unlängst ergeben hat.[2]








Einer so verstandenen Bürger- oder Zivilgesellschaft steht das Modell des Wohlfahrtsstaates gegenüber. Hier greift der Staat durch die Gesetzgebung in wesentliche Lebensbereiche der Bürger ein, um sie gegen Risiken wie Krankheit, Invalidität und Arbeitslosigkeit abzusichern. Zwischen dem Staat und dem Einzelnen stehen Organisationen, die einerseits eine Plattform darstellen, auf der Interessen und Wertvorstellungen des Einzelnen artikuliert und gebündelt werden. Andererseits überträgt der Staat gleichzeitig ausgewählten Organisationen - dem Subsidiaritätsprinzip folgend - die aus Rechtsansprüchen abgeleiteten sozialen Dienstleistungen und entlohnt sie dafür. Durch die in den vergangenen Jahrzehnten ausgebauten Ansprüche auf Sozialleistungen haben Anbieter sozialer Dienstleistungen (von den Wohlfahrtsverbänden und internationalen Hilfsorganisationen bis hin zu privaten Anbietern von ambulanten und stationären Altenhilfeeinrichtungen) an wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Bedeutung gewonnen. Aus dieser Nähe und teilweisen Abhängigkeit der intermediären Organisationen zu den staatlichen Institutionen ist, gemessen am Modell der Bürgergesellschaft, ein zwiespältiges Verhältnis entstanden.[3]

In diesem Spannungsfeld bewegt sich auch die Diskussion über die Frage in den deutschsprachigen Ländern, wie eine fruchtbare Balance zwischen staatlich organisierter Solidarität und privat gestalteter Eigenverantwortung geschaffen werden könne. Kritiker wie Befürworter des Neoliberalismus in Europa stimmen darin überein, dass unsere Wirtschaft in den letzten Jahren eine Richtung eingeschlagen hat, in der mehr Eigenverantwortung weniger soziale Sicherheit und mehr unternehmerische Freiheit weniger Arbeitnehmerrechten gegenüber stünden. Als Folge dieser Entwicklung wird auf den Niedergang der Parteien und die zunehmende Politikverdrossenheit verwiesen. Gleichzeitig wird der Abschied von den sozialen Klassen bei gleichzeitiger Zunahme sozialer Ungleichheit dafür herangezogen, dass es kaum mehr soziale Gruppen gebe, auf denen Organisationen dauerhaft aufbauen könnten. Viele Menschen seien gesellschaftlich heimatlos geworden und reagierten zunehmend auf Situationen und Stimmungen: Sie orientierten sich an kurzfristigen Optionen und nicht so sehr an langfristigen Sinngehalten.[4] Es reicht daher nicht, den Bürgersinn nur als Pflaster für die Wunden des Marktes zu verstehen, und es reicht auch nicht, die Folgen der Individualisierung und der Bevölkerungsentwicklung beschwichtigend mit Wandel zu beschreiben.

Denn die Regulierungsmechanismen des Wohlfahrtsstaatsmodells greifen in einer vitalen Bürgergesellschaft nicht, da sich Menschen in ihrem Engagement nicht an den Rechtsansprüchen einer sich wandelnden Sozialgesetzgebung ausrichten. Durch die Kraft der Selbststeuerung müssen sich soziale Systeme anpassen und weniger Menschen mehr Leistung erbringen, wie Karl Otto Hondrich sogar im Geburtenrückgang die Glücksspuren für unsere Gesellschaft gelesen hat.[5] Da öffentliche Dienstleistungen aber im Wesentlichen durch bezahlte Kräfte erbracht werden, dürften in einer individualisierten und alternden Gesellschaft dazu auf lange Sicht nicht ausreichend Mittel zur Verfügung stehen. Angesicht der Zahl der pflegebedürftigen Menschen von rund 2,1 Millionen Personen in Deutschland hat sich auch in der Politik in den letzten Jahren der Gedanke breit gemacht, freiwillig Engagierte in die Betreuung von Demenzkranken zur Entlastung von staatlicher und familiärer Pflege zu integrieren. Besonders mit dem seit 2002 geltenden Pflegeleistungs-Ergänzungsgesetz hat die Bundesregierung niedrigschwellige Betreuungsangebote wie Helferkreise und Tagesbetreuungsgruppen gefördert. Freiwillige sind in diesen Angeboten eine wesentliche Unterstützung.[6]

In jedem Falle fordert uns diese Situation heraus, über neue alte, aber auch neue andere Wege der Organisation von Solidarität nachzudenken - mit dem Ziel, Gemeinschaft auch unter diesen Umständen als gelebte Verbundenheit zu ermöglichen, die sich in guter Nachbarschaft und bürgerschaftlichem Engagement äußert.

Fußnoten

1.
Die "Stärke schwacher Beziehungen" bezieht sich auf eine Formulierung des amerikanischen Sozialforschers Mark Granovetter, the Strength of Weak Ties, in: American Journal of Sociology, 78 (1973) 6, S.1360-1380. Im Gegensatz zu den starken Beziehungen familiärer, verwandtschaftlicher und freundschaftlicher Art soll mit der "Stärke der schwachen Beziehungen" auf Beziehungen verwiesen werden, die freiwillig aus beruflichem Interesse, Mildtätigkeit oder einfach Gemeinwohlorientierung zustande kommen. Die "schwachen Beziehungen" haben nicht den starken, universalistisch ausgerichteten Verpflichtungsrahmen auf emotionaler Grundlage, sondern sind partikularistisch auf den jeweiligen Zweck ausgerichtet. Die darauf aufbauenden "Beziehungen" schlagen sich als soziales Kapital bei Individuen nieder, das wiederum in Organisationen als Allianzen und Geschäftsverbindungen und auf der Ebene der Gesellschaft als moralischer Kitt zum Tragen kommt. Es ermöglicht erst das Zusammenleben und die Kooperation zum gegenseitigen Nutzen von Individuen und Institutionen.
2.
Vgl. Ernst Gehmacher et al. (Hrsg.), Sozialkapital: Neue Zugänge zu gesellschaftlichen Kräften, Wien 2006.
3.
Vgl. Michael Stricker, Ehrenamt als soziales Kapital: Partizipation und Professionalität in der Bürgergesellschaft, Berlin 2007.
4.
Vgl. z.B. Richard Sennett, Der flexible Mensch. Die Kultur des neuen Kapitalismus, New York 2000; Peter Gross, Die Multioptionsgesellschaft, Frankfurt/M. 1999.
5.
Vgl. Karl Otto Hondrich, Weniger sind mehr. Warum der Geburtenrückgang ein Glücksfall für unsere Gesellschaft ist, Frankfurt/M. 2007, S. 28ff.
6.
Vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Vierter Bericht zur Lage der älteren Generation: Risiken, Lebensqualität und Versorgung Hochaltriger - unter besonderer Berücksichtigung demenzieller Erkrankungen, Berlin 2002.