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28.2.2008 | Von:
Michael Meyen

Auslandsmedien im 21. Jahrhundert

Auslandsmedien stehen unter Propagandaverdacht und konkurrieren mit Internet und Satelliten-TV. Der Text zeigt, warum und wo es Auslandsmedien auch künftig geben wird und wie sie Wirkung erzielen können.

Einleitung

Das Wort "Auslandsmedien" scheint in die Geschichtsbücher zu gehören. Radio Moskau und kurze Welle, die BBC und der Ost-West-Konflikt, Radio Free Europe und Propaganda: Die Assoziationen verweisen auf das 20. Jahrhundert und auf eine Welt, die spätestens 1989/90 untergegangen ist. In diesem Beitrag wird danach gefragt, ob staatlicher Auslandsrundfunk in das "Informationszeitalter"[1] passt - in eine Zeit, in der (fast) jede Information nur ein paar Mausklicks entfernt ist, in der Lebensgefühl und -rhythmus von transnationalen TV-Stationen wie CNN, MTV oder Al-Jazeera mitbestimmt werden[2] und in der "grenzüberschreitende Kommunikation" folgerichtig als "Kernphänomen der Globalisierung"[3] gilt.






Zugespitzt formuliert: Warum wendet der Steuerzahler nach wie vor viel Geld für einen Sender wie die Deutsche Welle/DW (2007 immerhin 269 Mio. Euro) auf, obwohl der Kalte Krieg längst gewonnen ist, obwohl es in jedem guten Hotelzimmer rund um das Mittelmeer deutsches Kommerzfernsehen gibt und obwohl deutsche Zeitungsverlage ebenso wie öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten im Internet omnipräsent sind? Diese Frage verschärft sich noch, wenn man Auslandsmedien an ihrem Anspruch misst und wissen möchte, ob es ihnen in der Vergangenheit gelungen ist, Menschen außerhalb des eigenen Landes mit Informationen zu versorgen. Welchen Anteil hatten zum Beispiel die "freien Stimmen der freien Welt" am Zusammenbruch des Ostblocks? Wer ist erreicht worden, und wie haben die Sendungen gewirkt?

Wenn in diesem Text auch historisch argumentiert wird, geht es folglich nicht darum, die Geschichte der Auslandsmedien neu zu schreiben, sondern um die Frage, welchen Sinn heute noch Medienangebote haben, "die sich primär an eine Zielgruppe in einem anderen Staat wenden".[4] Bevor dazu die Erfahrungen diskutiert werden, welche die beiden deutschen Teilstaaten vor 1989 mit solchen Angeboten gemacht haben, geht es auf einer allgemeineren Ebene um das Potenzial und die Grenzen von Auslandsmedien.

Ein Teil der Schlussfolgerungen ist allerdings bereits vorgegeben. Dass Auslandsmedien zumindest für Staaten wie Deutschland sinnvoll sind, wird hier nicht bezweifelt. Die Erfahrung lehrt, dass eine Rundfunkanstalt von den Dimensionen der DW (2007: rund 1500 Mitarbeiter aus über 60 Ländern) nicht von heute auf morgen geschlossen werden kann - und das keineswegs nur, weil Auslandssender "seit ihrem Bestehen ein klassisches Instrument der Außenpolitik" sind oder weil "Bestandsschutz" ganz unabhängig von den Kosten "offensichtlich zu den besonderen deutschen Tugenden" gehört, wie Beate Schneider schon vor zehn Jahren kritisiert hat. Sie vermutete damals, dass sich die Medienpolitik "gegen diese Form von PR in eigener Sache" entscheiden und den Haushalt der Deutschen Welle "privatisieren" würde (etwa "für die Selbstdarstellung deutscher Kultur im Ausland"), wenn "Akzeptanz und Publikumszuspruch ein ernsthaftes Entscheidungskriterium" wären.[5]

Die Entwicklung geht inzwischen in die entgegengesetzte Richtung. Nachdem die Anzahl der Fremdsprachen im Hörfunkangebot der DW von 38 auf 30 reduziert worden war (eingestellt wurden vor allem Programme für westliche Industriestaaten und osteuropäische Reformländer) und der Bundeszuschuss schrittweise mitschrumpfte (von 312 Mio. Euro 1998 auf 261 Mio. Euro 2005), gibt es seit 2006 zumindest beim Etat wieder leichte Zuwächse. Das Deutsche-Welle-Gesetz, das den Programmauftrag neu formulierte und der Anstalt nicht nur jeweils vier Jahre Planungssicherheit garantiert, sondern ihr auch erlaubt, neben Hörfunk und Fernsehen einen Internetauftritt zu betreuen, der eigene redaktionelle Inhalte bietet, wurde 2004 vom Bundestag einstimmig verabschiedet. Kulturstaatsminister Bernd Neumann sprach Ende 2006 von "Deutschlands Stimme in der Welt". Deutschland brauche einen Auslandsrundfunk, der "unsere 1000-jährige Kulturgeschichte" darstelle, der dabei helfe, "unseren Stand als Exportweltmeister" abzusichern, und der "für unsere Werte" werbe. In Afghanistan zum Beispiel sei ein deutscher Auslandssender "unverzichtbar für die Selbstfindung dieses Landes".[6]

Dieser (politische) Rückenwind liegt im internationalen Trend. Die DW kann auch damit argumentieren, dass Frankreich im vergangenen Jahr 128 Millionen Euro in einen neuen englischsprachigen Auslandssender investiert hat (France 24) und dass die Etats des BBC World Service (2007: 382 Mio. Euro) und der US-amerikanischen Auslandssender (2005: 370 Mio. Euro) seit dem 11. September 2001 stark gewachsen sind.[7] "Wiener Verhältnisse" jedenfalls sind hierzulande vorerst kaum zu befürchten: Radio Österreich International wurde zum 1. Juli 2003 vom Netz genommen - ein Auslandsdienst, der auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges rund 20 Journalisten beschäftigte, 1999 noch umgerechnet zwölf Mio. Euro aus der Staatskasse erhielt und dafür reguläre Angebote in sechs Sprachen produzierte. Über die Kurzwellenfrequenzen wird jetzt Radio Österreich 1 ausgestrahlt.[8] Wer Auftraggeber und Aufwand mit Deutschland, den USA oder Großbritannien vergleicht, hat bereits eine erste Antwort auf die Frage, welche Rolle Auslandsmedien in einer globalisierten Welt spielen werden.

Fußnoten

1.
Manuel Castells, Das Informationszeitalter. 3 Bde., Opladen 2001.
2.
Vgl. Jean K. Chalaby, Television for a New Global Order, in: Gazette, 65 (2003) 2, S. 457 - 472.
3.
Kai Hafez, Mythos Globalisierung. Warum die Medien nicht grenzenlos sind, Wiesbaden 2005, S. 10.
4.
Harald Kuhl, Internationaler Auslandsrundfunk, in: Hans-Bredow-Institut (Hrsg.), Internationales Handbuch für Hörfunk und Fernsehen 2002/03, Baden-Baden 2002, S. 149.
5.
Beate Schneider, Informationsgesellschaft und Auslandsrundfunk, in: Walter A. Mahle (Hrsg.), Kultur in der Informationsgesellschaft, Konstanz 1998, S. 141 - 148.
6.
Bernd Neumann, Überzeugend für unsere Werte werben, www.dw-world.de/dw/article/0,2144,192898 8,00.html (28.12. 2007).
7.
Vgl. Deutsche Welle, Aufgabenplanung 2007 - 2010. 1. Fortschreibung vom 21.9. 2007, Bonn 2007.
8.
Vgl. Hartmut W. Böse, Das Kurzwellen-Radio in Österreich, in: Medien & Zeit, 19 (2004) 3, S. 41 - 48.