APUZ Dossier Bild

28.2.2008 | Von:
Oliver Hahn

Arabische Öffentlichkeit und Satellitenrundfunk

Öffentliche Diplomatie und Mediendiplomatie

Arabische und westliche Satelliten-Nachrichtenfernsehsender halten sich oft gegenseitig vor, sich von ihren jeweiligen Regierungen bei der Programmgestaltung instrumentalisieren und manipulieren zu lassen. Sowohl demokratische als auch nichtdemokratische Systeme sind weltweit in der Lage, Desinformation zu produzieren und zu verbreiten. Politisch motivierte Kommunikation zielt auf die Steuerung von Informationen, Nachrichten oder Sichtweisen. Strategien politisch motivierter Kommunikation werden durch das Konzept der politischen Diplomatie beschrieben, die seit ihrer Einführung in den USA Mitte der 1960er Jahre mehrere Washingtoner Regierungen eingesetzt haben, um zu unterstreichen, was nach ihrem Dafürhalten die vermeintliche Überlegenheit des westlichen Kapitalismus über den östlichen Kommunismus ausmachte.

Nach den Anschlägen vom 11. September wurde das Konzept der öffentlichen Diplomatie reformiert. Verfügbare Mittel wurden aufgestockt, neue Institutionen gegründet und besser ausgebildetes Fachpersonal eingestellt. Der 2002 von der US-Regierung vorgelegten nationalen Sicherheitsstrategie zufolge galt öffentliche Diplomatie als Massenkommunikationswaffe gegen den internationalen Terrorismus, die auf einen Antiamerikanismus abzielte, der in der arabischen Welt weit verbreitet sei. Auf der Grundlage ihrer Annahmen, es herrsche ein Mangel an präzisen und ausgewogenen Informationen über die USA und ihre Werte der Freiheit und Demokratie, haben politische Institutionen in Washington ungeheure Summen in die in ihren Augen nötige "Eroberung der Herzen und Köpfe der Menschen in der arabischen und muslimischen Welt" investiert. Ein entscheidendes Medium war dabei der internationale Satellitenrundfunk.[27]

Zwischen 2002 und 2004 gründete das Broadcasting Board of Governors (BBG) der USA drei auf arabische und muslimische Zielgruppen ausgerichtete spezielle Medien. So wurde 2002 eine vormalige Abteilung von Voice of America (VOA) ausgegliedert, um Radio Sawa aufzubauen, das auf Arabischsprechende unter 30 Jahren zielt und eine Mischung aus englischsprachiger und arabischer Popmusik sowie Nachrichten im westlichen Format sendet. Das BBG verwendete die Formel der Pop-Propaganda im selben Jahr erneut und rief Radio Farda ins Leben, um junge Hörer in der persischsprachigen Welt zu erreichen. Im Jahr 2004 hob das BBG mit vom Kongress genehmigten Mitteln einen Satelliten-Fernsehsender namens Al-Hurra aus der Taufe, der hauptsächlich Nachrichten, jedoch auch Diskussionssendungen und Unterhaltung bietet. Präsident George W. Bush forderte, Al-Hurra solle als Gegengewicht zu Al-Jazeera dienen.[28] Allerdings betrachten nur wenige arabische Zuschauer und Journalisten Al-Hurra als zuverlässige Informationsquelle.

Insbesondere in Zeiten akuter Krisen sind arabische und westliche Satelliten-Nachrichtenfernsehsender bereit, ihre Programme für staatliche PR zu öffnen, die sie offenbar als valide journalistische Quelle betrachten. Mohammed el-Nawawy und Leo A. Gher empfehlen hochrangigen Politikern, solche Möglichkeiten der öffentlichen Diplomatie zu nutzen, um in Fernsehprogrammen der anderen Konfliktpartei aufzutreten, und bezeichnen diese Kommunikationsstrategie als "Mediendiplomatie".[29] Dabei handelt es sich um eine Paraphrasierung von Eytan Gilboas Begriff der "Telediplomatie", die die Nutzung von "Massenmedien als Mittel zur Kommunikation mit staatlichen und nicht staatlichen Akteuren (vorsieht), um Vertrauen zu bilden und Verhandlungen voranzutreiben sowie um öffentliche Unterstützung für Vereinbarungen zu mobilisieren".[30] Eine solche Strategie kann allerdings auch kontraproduktiv wirken, denn vor allem in akuten Krisen sind arabische und westliche Satelliten-Nachrichtenfernsehsender eher anfällig für vorauseilenden Gehorsam gegenüber politischen Entscheidungen ihrer Regierungen. In solchem Fall spielen die Medien nach Kai Hafez die Rolle einer "Co-Konfliktpartei" bzw. einer "Dritt-Konfliktpartei", wobei Letzteres lediglich das kommerzielle Interesse an der Konfliktberichterstattung widerspiegelt.[31] In solchen Momenten scheint die Selbstzensur der Medien oft wirksamer als staatliche Zensur.

Dieses Phänomen wird durch beiderseitige Verständnisschwierigkeiten von Begriffen wie "öffentlich" und "öffentliche Meinung" verstärkt. Im Rahmen der Diskussion interkultureller Missverständnisse bei der Übersetzung solcher Wörter oder Wendungen argumentiert Mohamed Zayani, dass selbst das Wort "Zensur" im Arabischen andere Konnotationen hat als in westlichen Sprachen, da in der arabischen Gesellschaft "Zensur aus einem Gefühl entspringt, (...) Informationen seien gefährlich und müssten überwacht und kontrolliert werden".[32] Nach Auffassung von Zayani könne die Rolle der Medien in der arabischen Welt nicht primär als "öffentlich" beschrieben werden, weil selbst existenzfähige Kanäle, die in den vergangenen Jahren entstanden sind, kein Bottom-up-Phänomen, sondern eine Top-down-Entwicklung seien, die staatlich geschaffen und finanziert werden.[33] Darüber hinaus führt er an, dass "Diskussionen über Politik und Alltagsleben zwar ein wesentlicher Bestandteil des Lebens der Menschen im Mittleren Osten sind, aber man erwartet, dass diese unverfänglich sind, wenn sie in den Massenmedien erscheinen - unter diesen informellen Restriktionen arbeiten die Massenmedien in der arabischen Welt."[34] Zayani geht sogar davon aus, dass "das ganze Konzept der öffentlichen Meinung der Region fremd ist. Sowohl kulturell als auch linguistisch ist das Wort öffentliche Meinung' eine Fehlbezeichnung; gebräuchlicher ist der Begriff arabische Massen' bzw. wortwörtlich übersetzt die arabische Straße'."[35]

Fußnoten

27.
Vgl. Thomas Rid, Die Öffentlichkeitsarbeit der USA im Mittleren Osten. Amerikanische "Public Diplomacy" als Waffe in Kriegszeiten?, in: Stiftung Wissenschaft and Politik-Aktuell, 16 (2003) April, in: www4.swp-berlin.org/common/get_document.php?id =121 (30.1. 2004).
28.
Vgl. R. S. Zaharna, Al Jazeera and American public diplomacy. A dance of intercultural (mis-)communication, in: Mohamed Zayani (ed.), The Al Jazeera Phenomenon. Critical Perspectives on New Arab Media, London 2005, S. 183 - 202.
29.
M. el-Nawawy/L. A. Gher (Anm. 3).
30.
Eytan Gilboa, Mass communication and diplomacy. A theoretical framework, in: Communication Theory, 10 (2000) 3, S. 295.
31.
Kai Hafez, Die politische Dimension der Auslandsberichterstattung. Theoretische Grundlagen (Bd.I), Baden-Baden 2002, S. 157 - 163.
32.
M. Zayani (Anm. 3), S. 24.
33.
Vgl. ebd., S. 24, S. 27.
34.
Ebd., S. 38.
35.
Ebd., S. 25.