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Weltweite Ansteckung: berechtigte Sorge oder grundlose Panik?


6.2.2008
Nach der Asienkrise 1997 griff der IWF ein, um die Krisenausbreitung auf die Weltwirtschaft zu verhindern. Im vorliegenden Beitrag wird gezeigt, dass die bekannten Mechanismen die befürchtete Ansteckung der Industriestaaten nicht bewirken können.

Einleitung



In den 1990er Jahren wurde die Welt von zwei großen regionalen Krisen in Südostasien und Lateinamerika erschüttert. Die Aufmerksamkeit, die diesen gewidmet wurde, ist nicht nur darauf zurückzuführen, dass zunächst oft behauptet wurde, diesen Krisen lägen keine fundamentalen Ursachen zugrunde. Für verschiedene Länder konnten diese Ursachen im Nachhinein aufgedeckt werden und wurden vereinzelt auch schon vor Krisenausbruch von Ökonomen angeprangert. Was die beiden genannten Krisen aber von jenen in Entwicklungsländern unterscheidet, war ihre schnelle und weitreichende regionale Ausbreitung - also die "Ansteckung" zunächst nicht direkt betroffener Länder. Die Asienkrise, die im Juli 1997 in Thailand begann, griff schnell auf andere asiatische Länder über. Auch die Finanzkrise in Lateinamerika 1998 wird oft als Folge der Asienkrise betrachtet.






Dies führt zu der Frage, inwiefern die internationalen Finanzmärkte in ihrer Gesamtheit und damit auch die Weltwirtschaft als Ganzes durch Ansteckungseffekte gefährdet sind. So war das ausgeprägte Interesse der westlichen Welt an der Asienkrise nicht nur durch die Sorge um das Wohlergehen der Betroffenen begründet. Das Eingreifen des Internationalen Währungsfonds (IWF) zur Stabilisierung der angeschlagenen Volkswirtschaften war keine reine Freundlichkeit, sondern die Institution kam -so glaubte man - ihrer Aufgabe nach, eine weltweite Ansteckung, also eine neue Weltwirtschaftskrise zu verhindern.[1] Diese Position wurde nicht nur von der Presse vertreten, sondern auch vom IWF selbst stark propagiert.[2]

Auch heute sind mögliche Ansteckungseffekte wieder ein Thema. Durch das Platzen der Blase auf dem amerikanischen Immobilienmarkt sind Banken und Fonds weltweit in die Bredouille geraten, so dass Zentralbanken stützend eingreifen mussten.

Im vorliegenden Beitrag werden zunächst die in der Literatur vorwiegend diskutierten Transmissionsmechanismen kurz dargestellt.[3] Anschließend wird gezeigt, dass diese Mechanismen kaum das Potential haben, um eine weltweite Übertragung von Krisen zu ermöglichen, die von Emerging Economies ausgehen. Vielmehr sind Krisen problemimmanent begrenzt. Darauf folgend werden die Unterschiede zur Weltwirtschaftskrise von 1929 verdeutlicht, um klar zu stellen, inwiefern die Bedingungen, die damals die weltweit verheerende Wirkung hatten, heute kaum mehr in dieser Form vorliegen. So soll gezeigt werden, dass selbst eine Ansteckung, die von den USA ausgeht, heute in einer solchen Ausprägung kaum zu erwarten ist.


Fußnoten

1.
Vgl. Detlef Radtke, Die zentralen Aufgaben des IWF - Leitlinien für ein Reformprogramm, in: DIE Analysen und Stellungnahmen, (2000) 5, S. 1 - 4.
2.
Vgl. IMF (Hrsg.), IMF Survey, 26 (1997) 18, 20 und 22 sowie 27 (1998) 7; IMF (Hrsg.), World Economic Outlook, Washington, D. C. 1997.
3.
Vgl. Karlhans Sauernheimer, Zur Theorie der internationalen Konjunkturtransmission: Standardansätze und neuere Entwicklungen, in: Makram El-Shagi/Gerhard Rübel (Hrsg.), Beiträge zur internationalen Arbeitsteilung, Wiesbaden 2005; Reuven Glick/Andrew K. Rose, Contagion and Trade: Why are Currency Crises Regional?, in NBER Working Paper, (1998) 6806.