APUZ Dossier Bild

18.1.2008 | Von:
Volker Berghahn

Ludwig Erhard und die Amerikanisierung der westdeutschen Industrie

Der Beitrag analysiert die Frage der "Amerikanisierung" der deutschen Wirtschaft vor und nach dem Zweiten Weltkrieg und die Reaktion Ludwig Erhards auf die Pläne der Amerikaner, das westdeutsche Industriesystem nach 1945 nicht nur wiederaufzubauen, sondern auch umzubauen.

Einleitung

Im Jahre 1902 veröffentlichte der britische Journalist William T. Stead ein Buch mit dem Titel The Americanization of the World or the Trend of the Twentieth Century, das seinerzeit viel Aufsehen erregte. Fast gleichzeitig erschien in der "New York Times" ein Artikel über die Hamburg-Amerika-Linie, in dem es hieß, dass Albert Ballins weltbekanntes Schifffahrtsunternehmen sich gegen eine "Americanization" schützen wolle.[1]




Hundert Jahre später ist die Debatte, die damals über die politische, wirtschaftliche und kulturelle Rolle der Vereinigten Staaten in der Welt begann und die in der Zwischenkriegszeit sowie nach 1945 in Europa, aber auch in anderen Teilen der Welt lebhaft fortgeführt wurde, weiterhin im Gange. Und wie vor 1914 gibt es bis heute Stimmen, die amerikanische Einflüsse auf die deutsche Gesellschaft strikt ablehnen, und andere, die sie begrüßen und aktiv unterstützen.

Aus Platzgründen können in diesem Beitrag lediglich die Entwicklungen in der Wirtschaft analysiert werden. Dies scheint gerade auch deshalb nützlich, weil die deutschen Wirtschaftswissenschaften selbst vor allem für die Nachkriegszeit immer wieder die größten Schwierigkeiten haben, die Präsenz der westlichen Hegemonialmacht USA in ihre Forschungen zu integrieren. Entweder dominiert eine reine Innensicht, und die Frage der "Amerikanisierung" kommt nicht einmal als Stichwort im Index vor; oder aber es werden die deutsch-amerikanischen Wirtschaftsbeziehungen zu einem "Kulturkampf" stilisiert oder mit Konvergenztheorien planiert.[2]

Unter diesen Umständen herrscht auch über die Einstellung Ludwig Erhards zum amerikanischen Wirtschaftssystem Unklarheit. War seine Konzeption - wie er es angesichts der damaligen Kritik an seiner Politik einmal ironisierend formulierte - ein "amerikanisches Pflänzchen, das er nach Deutschland bringen wolle" oder in erster Linie ein sehr deutsches Gewächs, das in der ordoliberalen "Freiburger Schule" seine Wurzeln hatte - wie es in zahllosen Stellungnahmen von Politikern und Unternehmern bis heute zu hören und in diversen volkswirtschaftlichen Textbüchern nachzulesen ist?[3]


Es wird sich zeigen, dass es zumindest viele Affinitäten zwischen Erhards Vorstellungen über die Organisation einer modernen Industriewirtschaft und denen der Amerikaner gab. Wie weit diese Affinitäten durch nachweislich amerikanische Einflüsse entstanden, ist die Frage, die hier angeschnitten wird, weil sich eine genauere Durchleuchtung lohnen dürfte. Allerdings kann ich mich hier nur auf zwei Aspekte konzentrieren, die für eine Beurteilung meiner Fragestellung gleichwohl fundamental sind: die Ordnung von Produktion und Markt sowie die Rolle der Konsumenten.

Fußnoten

1.
Vgl. New York Times vom 12. 11. 1901.
2.
Vgl. Rolf Walter, Wirtschaftsgeschichte, Köln 2003; Michael von Prollius, Deutsche Wirtschaftsgeschichte nach 1945, Göttingen 2006 (mit starker Betonung des Freiburger Ordoliberalismus); Werner Abelshauser, Kulturkampf, Berlin 2003; Barry Eichengreen, The European Economy since 1945, Princeton 2007 (mit Betonung der Konvergenzen).
3.
Vgl. Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 17.11. 1953.