APUZ Dossier Bild

10.1.2008 | Von:
Tobias Plieninger
Oliver Bens

Biologische Vielfalt und globale Schutzgebietsnetze

Modernes Schutzgebietsmanagement umfasst u.a. den Aufbau repräsentativer Schutzgebietsnetze, die Einführung partizipativer Governanceformen und eine vollständige Erfassung der durch Schutzgebiete erbrachten Ökosystemleistungen.

Einleitung

Im Spätsommer des Jahres 1870 kampierte eine Gruppe abenteuerlustiger Naturforscher am Zufluss des Firehole und Gibbon River in den Madison River im heutigen US-Bundesstaat Wyoming. Tief berührt von den erhabenen Naturlandschaften der Umgebung - den Geysiren, spektakulären Wasserfällen und tief eingeschnittenen Canyons - versammelten sich die Teilnehmer der Washburn-Doane-Expedition um ein Lagerfeuer. Schließlich entsprang der Gedanke, dass die Naturwunder der Gegend, die von der indigenen Bevölkerung abgesehen noch kaum ein Mensch erblickt hatte, dauerhaft der Menschheit erhalten bleiben sollten. Die Mitglieder der Expedition führten ihre Idee in hohe politische Kreise der Hauptstadt Washington ein, und am 1. März 1872 beschloss der amerikanische Kongress die Gründung des Yellowstone Nationalparks, des ersten Nationalparks der Welt. In einer Zeit, die von der raschen Erschließung der natürlichen Ressourcen des amerikanischen Westens geprägt war, wurde eine Landschaft nur aufgrund ihrer Schönheit für die gesamte Menschheit unter Schutz gestellt. Damit wurde der Madison River zur Geburtsstätte des Nationalparkgedankens, der im Volksmund als die "beste Idee, die Amerika jemals hatte" bezeichnet wird.[1]








Historiker haben diese vermeintliche Sternstunde längst als Mythos entlarvt.[2] Nicht nur reiner Altruismus, sondern auch Gewinnstreben führte zur Einrichtung des Yellowstone Nationalparks. Insbesondere die private Eisenbahngesellschaft Northern Pacific Railroad Company hatte sich längst vor der - von ihr nicht ohne Hintergedanken mit finanzierten - Washburn-Doane-Expedition für die Einrichtung des Parks eingesetzt. Beweggrund für die Gesellschaft war die Vorstelung, das Gebiet für den Eisenbahntourismus zu monopolisieren und durch einen streng reglementierten Nationalpark die Konkurrenz von Kleinunternehmern fernzuhalten. So war die Einrichtung des Nationalparks, die auch zum Ausschluss der indianischen Bevölkerung aus dem Park führte, von gewaltigen Interessenskonflikten geprägt.[3] Um unerwünschte Nutzungen wie Jagd und Weidewirtschaft zu unterbinden, stationierte man 1886 sogar Einheiten der US-Armee im Park. Damit spiegeln sich in der Geschichte des Yellowstone Nationalparks gleichermaßen die Faszination, die die globalen Schutzgebiete heute ausüben, aber auch die kontroversen Auseinandersetzungen um deren Einrichtung und Management wider.

Von Nordamerika ausgehend, hat sich der Schutzgebietsgedanke in alle Welt ausgebreitet. Dennoch ist die Idee, Gebiete dem Schutz der Natur zu widmen, kein rein westliches Konzept. Vielmehr haben die Menschen in fast allen Gegenden der Welt seit Urzeiten bestimmte Naturräume von der Nutzung ausgenommen, ob aus religiösen Gründen (so z.B. die "heiligen Haine" Westafrikas) oder zur Erhaltung bestimmter Ressourcen oder Arten (z.B. die Wald-, Elephanten-, Fisch- und Wildtier-Reservate des altindischen Maurya-Reichs im 2. und 3. Jahrhundert vor Christus).[4] In den vergangenen Jahrzehnten wurde die Nationalparkidee mehrfach weiter entwickelt. Parallel dazu sind - auf Initiative von Regierungen, Nichtregierungsorganisationen oder der Bevölkerung - zahlreiche weitere Formen von Schutzgebieten etabliert worden, die zusammen ein weltweites Netz bilden.

Ein wesentliches, wenn nicht das bedeutendste Motiv für die Ausweisung von Schutzgebieten ist das Bestreben, den anhaltenden weltweiten Verlust der biologischen Vielfalt aufzuhalten. Eine groß angelegte Bilanzierung des Zustands der globalen Ökosysteme - das durch die Vereinten Nationen in Auftrag gegebene Millenium Ecosystem Assessment - kam zu dem Schluss, dass menschliche Einflüsse in den vergangenen 50 Jahren die Vielfalt der Arten und Lebensräume so stark geschädigt haben wie niemals zuvor in der Geschichte der Menschheit.[5] Zu den bedeutendsten Ursachen des weltweiten Biodiversitätsverlustes gehören die Zerstörung, Fragmentierung und Schädigung von Lebensräumen, Klimaveränderungen, die Ausbreitung eingeführter oder eingeschleppter Arten und Krankheiten sowie die Übernutzung von Tier- und Pflanzenpopulationen. Insgesamt sind heute über 50Prozent der eisfreien Landmasse der Erde mittleren bis starken menschlichen Einflüssen ausgesetzt.[6] In der Folge haben die Populationsgrößen und die Verbreitungsgebiete der meisten Arten - über verschiedenste taxonomische Gruppen hinweg - abgenommen. Es wird geschätzt, dass die Gesamtheit menschlicher Einwirkungen in den vergangenen 100 Jahren zu Aussterberaten von Arten führte, die um den Faktor 1 000 über den natürlichen Aussterberaten liegen. Heute gelten nach den Kriterien der Weltnaturschutzunion IUCN 12 Prozent der Vogelarten, 23 Prozent der Säugetierarten, 25 Prozent der Koniferenarten und 32 Prozent der Amphibienarten als vom Aussterben bedroht. Die biologische Diversität trägt auf vielfältige direkte und indirekte Weise zum Lebensunterhalt und zur Deckung materieller Bedürfnisse des Menschen bei. Infolge dessen sind Biodiversitätsverlust,die Beeinträchtigungen der Leistungen von Ökosystemen und die Ausbreitung von Armut im internationalen Kontext eng miteinander verbunden. Um den Rückgang der biologischen Vielfalt deutlich zu verlangsamen, verabschiedete der UN-Weltgipfel für nachhaltige Entwicklung 2002 in Johannesburg die so genannten 2010-Ziele, die u.a. vorsehen, bis zum Jahr 2010 zehn Prozent der Fläche aller ökologischen Teilräume der Welt unter effektiven Schutz zu stellen. Mittlerweile wurden die 2010-Biodiversitätsziele als Teil des Hauptziels "Ökologische Nachhaltigkeit" in die Milleniums-Entwicklungsziele der Vereinten Nationen aufgenommen.[7] Auch das UN-Übereinkommen über die biologische Vielfalt (Biodiversitätskonvention) würdigt Schutzgebiete als grundlegenden Beitrag zur Erhaltung der natürlichen und kulturellen Ressourcen der Welt.[8]

Fußnoten

1.
Tobias Plieninger, Wildnisschutz in Kalifornien, in: Nationalpark, 109 (2000) (Sonderheft World National Park Convention), S. 44 - 47.
2.
Vgl. Richard West Sellars, Preserving Nature in the National Parks, New Haven-London 1997, S. 7 - 27.
3.
Vgl. Mark David Spence, Dispossessing the Wilderness: Indian Removal and the Making of the National Parks, Oxford-New York 1999, S. 41 - 54.
4.
Vgl. Stuart Chape u.a., Measuring the extent and effectiveness of protected areas as an indicator for meeting global biodiversity targets, in: Philosophical Transactions of the Royal Society B, 360 (2005) 1454, S. 443 - 455.
5.
Vgl. Millenium Ecosystem Assessment, Ecosystems and Human Well-Being: Biodiversity Synthesis, Washington, D. C. 2005, S. 42 - 59.
6.
Vgl. Peter M. Vitousek, Human domination of earth's ecosystems, in: Science, 277 (1997) 5325, S. 494 - 499.
7.
Vgl. United Nations Environment Programme, Global Environment Outlook GEO-4, Nairobi 2007, S. 166.
8.
Vgl. Convention on Biological Diversity, Protected Areas, in: www.cbd.int/protected (27. 11. 2007).