APUZ Dossier Bild

11.12.2009 | Von:
Golz, Hans-Georg

Editorial

Angesichts der Erschütterungen des globalisierten Kapitalismus und seiner Notrettung mit ungeheuren Summen öffentlicher Kredite droht eine Krise des Sozialen, vielleicht auch der Demokratie.

Das zu Ende gehende Jahr stand ganz im Zeichen der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise. Die konjunkturellen Indikatoren für Deutschland deuten an, dass nun das Schlimmste vorüber sein könnte. Für das kommende Jahr wird wieder mit - wenn auch bescheidenem - Wachstum gerechnet. Der Arbeitsmarkt hat sich trotz düsterer Vorhersagen bislang als erfreulich robust erwiesen. Und doch dürfte 2009 als "Krisenjahr" in Erinnerung bleiben.

"Krise" im griechischen Wortsinn bezeichnet eine entscheidende Wendung: Abschied vom Gewohnten, Beginn von Unbekanntem - Abschluss und Chance für Neues zugleich. Bislang ist in Deutschland ein besonnener Umgang mit den Krisenfolgen zu konstatieren. Die Bürgerinnen und Bürger reagieren gelassen - als Verbraucher wie als Wähler; Extremisten hatten bei den diesjährigen Wahlen keinen Zulauf. Doch angesichts der Erschütterungen des globalisierten Kapitalismus und seiner Notrettung mit ungeheuren Summen öffentlicher Kredite droht eine Krise des Sozialen, vielleicht auch der Demokratie und ihrer Institutionen überhaupt.

Zu den unmittelbaren Folgen von Globalisierung und Individualisierung gehören gesellschaftliche Desintegrationsprozesse. Ein immer größerer Teil der Gesellschaft fühlt sich politisch ohnmächtig und wirtschaftlich abgehängt. Klassische Partizipationsangebote wie die Beteiligung an Wahlen oder die Mitwirkung in politischen Parteien werden immer weniger wahrgenommen. Sollte die Finanzkrise nicht sozialverträglich und vor allem nachhaltig bewältigt werden, wird das Vertrauen in die Problemlösungskompetenz der Politik und in das Verantwortungsbewusstsein der Eliten weiter schwinden. Jenseits der Milliardendefizite in den öffentlichen Haushalten sind die tatsächlichen Kosten des "Krisenjahrs 2009" noch nicht absehbar.


Krise der Weltwirtschaft
Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 20/2009)

Krise der Weltwirtschaft

Seit September 2008 hat die globale Finanz- und Wirtschaftskrise Deutschland fest im Griff. In dem Heft werden Ursachen und Verlauf der Krise aus verschiedenen Blickwinkeln diskutiert.

Mehr lesen

Finanzmärkte

Globale Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/2009

Die globale Finanzkrise, die 2007 als Immobilienkrise in den USA begann, hat fast überall auf der Welt zu einem deutlich abgeschwächten Wirtschaftswachstum oder zur Rezession geführt. Zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg schrumpfte das reale Bruttoinlandsprodukt (BIP) der ökonomisch entwickelten Staaten.

Mehr lesen