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11.12.2009 | Von:
Klaus F. Zimmermann

Wirtschaftswunderjahr 2009

Wo steht die deutsche Wirtschaft?

Im Vergleich zum Vorjahr wird die Wirtschaftsleistung 2009 preisbereinigt um deutlich weniger als fünf Prozent geringer ausfallen. Mit Ausnahme Japans verzeichnet keines der großen Industrieländer einen solch starken Rückgang. Tatsächlich hatten die Befürchtungen einer Schrumpfung bis zur Jahresmitte zeitweise schon bei mehr als sechs Prozent gelegen.

Im Verlauf der weltweit heftigsten Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg wuchs die Angst um die Arbeitsplätze. Tatsächlich brach in vielen Ländern die Beschäftigung ein. Neben den USA sind in Europa beispielsweise Spanien, Irland und Großbritannien zu nennen. Auch in Deutschland war von vielen Beobachtern seit längerer Zeit ein großer Einbruch am Arbeitsmarkt erwartet worden. Spätestens seit dem Jahreswechsel 2008/2009 verdichteten sich die Befürchtungen heftig steigender Arbeitslosenzahlen. Allerdings war die Arbeitslosigkeit in Deutschland, über das Ende des Wirtschaftsbooms hinaus, das ganze Jahr über bis zum Dezember 2008 gefallen. Trotz eines Anstiegs in den ersten Monaten des Jahres 2009 ging die Arbeitslosigkeit im Frühjahr wieder zurück.

Dennoch verstärkten sich auch im Sommer die öffentlichen Einschätzungen, nach denen die Arbeitslosigkeit im Jahresverlauf weiter anziehen und bald schon vier Millionen in diesem Jahr und fünf Millionen im Jahr 2010 überschreiten werde. Dies stützte sich auf die erheblichen Arbeitskräftereserven in vielen Firmen, ihre massiven wirtschaftlichen Belastungen und den hohen Bestand an Kurzarbeitern. Die Arbeitsproduktivität fiel, ein ganz außergewöhnlicher Vorgang, und bot einen Beleg dafür, dass die Unternehmen Arbeitskräfte in gewaltigem Umfang horteten und wohl immer noch horten. Und wenn den Unternehmen die Puste ausgehe, müssten sie sich über kurz oder lang von überflüssigem Personal trennen.

Gemessen an diesen Vorhersagen erscheint es tatsächlich als Wunder, dass es am Arbeitsmarkt in diesem Sommer ruhig blieb und es auch im Herbst nicht schlechter wurde. Allerdings hatte ich genau dies bereits im Frühsommer prognostiziert.[2] Und ein weiteres Wunder war, dass der freie Fall der Wirtschaft bereits im 2. Quartal gestoppt werden konnte und sich eine Phase des sanften Auftriebs abzeichnete. Im 3. Quartal wuchs die deutsche Wirtschaft wieder kräftig. Auch im 4. Quartal 2009 wird mit einer Fortsetzung des positiven Trends gerechnet. Dadurch wirkte sich die Krise weit weniger markant aus als lange gedacht, und für 2010 kann auf kräftiges Wachstum gehofft werden. Vier Millionen Arbeitslose im Jahr 2009 wurden deshalb schon bald auch rechnerisch unmöglich, fünf Millionen im kommenden Jahr erscheinen inzwischen ausgeschlossen. Heute liegen die Prognosen für 2009 bei 3,4 Millionen und für 2010 bei knapp vier Millionen Arbeitslosen.[3]

Von Wundern kann indes nur so lange gesprochen werden, bis die Ursachen transparent sind. Das Ganze sei ein Erfolg der Konjunkturpakete, wird wohlfeil spekuliert. Dabei wird geflissentlich übersehen, dass die meisten staatlichen Fördermaßnahmen erst zur Jahresmitte zu wesentlichen Mittelabflüssen führten und sich die Wirkungen, wenn überhaupt, weitgehend erst 2010 einstellen werden. Außer der Kurzarbeit war nur die umstrittene Abwrackprämie an wesentlichen Instrumenten frühzeitig in Kraft, sie kann aber schon vom Volumen her kaum die rasche Erholung bewirkt haben. Die sich abzeichnende Erholung sollte zum Anlass für Überlegungen genommen werden, wie die beschlossenen konjunkturellen Belebungsmaßnahmen auf den Bildungs- und Infrastrukturbereich konzentriert werden können, wo die Mittel am sinnvollsten und nachhaltigsten investiert wären.

Der deutsche Arbeitsmarkt ist in der Krise gut aufgestellt gewesen: Dazu haben die Arbeitsmarktreformen der vielgescholtenen Agenda 2010, die langjährige Lohnzurückhaltung der Gewerkschaften und die Anpassungsmaßnahmen in den Unternehmen beigetragen. Seit langem sind die Lohn- hinter den Kapitaleinkommen zurückgeblieben, was zu einer robusten Konstitution der Firmen beigetragen hat. Ferner hat die Krise in Deutschland vor allem die Leistungsträger in den exportorientierten Investitionsgüterindustrien getroffen. Die Folgen waren deshalb auf einige Sektoren begrenzt, vor allem auf die Exportindustrie und damit verbundene Wirtschaftszweige wie den Außenhandel. Kaum tangiert wurden dagegen Wirtschaftszweige, die auf den privaten Konsum ausgerichtet sind. Baden-Württemberg steht folglich mit seiner stark exportorientierten mittelständischen Wirtschaft an der Spitze bei der Zunahme der Arbeitslosigkeit, Mecklenburg-Vorpommern infolge mangelnder Exportorientierung und einer geringen Wirtschaftskraft am Ende.

Die betroffenen Fachkräfte setzt man nicht so leicht auf die Straße. Zu sehr ist der sich langfristig verstärkende Fachkräftemangel auch in der Krise sichtbar. Lieber hält man auch angesichts einer Million offener Stellen diese Fachkräfte jetzt um (fast) jeden Preis in den Unternehmen. Sicher war und ist dabei unterstützend die Kurzarbeit der effektivste Teil des deutschen Konjunkturprogramms. Die Möglichkeiten für Kurzarbeit, bei der die Arbeitsagentur Arbeitszeitverkürzungen in den Unternehmen auf Staatskosten mitfinanziert, waren von der Bundesregierung in diesem Jahr in mehreren Schritten deutlich ausgeweitet worden. Dabei wurden die Bezugszeiten von ursprünglich sechs auf zuletzt 24 Monate erhöht. Flexiblere Arbeitszeitregelungen, der Abbau von Zeitarbeit und das Abschmelzen von Arbeitszeitkonten erfüllten ihre Pufferfunktion.

Hinzu kommt, dass soziale, arbeitsmarktpolitische und steuerspezifische Stabilisatoren gegriffen haben. Bei diesen automatischen Konjunkturmaßnahmen, für die keinerlei politische Entscheidungen nötig sind, erhöhen sich die Defizite der Budgets der öffentlichen Hand und der sozialen Sicherungssysteme durch krisenbedingte Steuerausfälle und vermehrter Sozialhilfe und Arbeitslosenunterstützung. Hohe Beschäftigung und niedrige Energiepreise stabilisieren den Konsum und damit die Wirtschaft. Tatsächlich hat die Krise die privaten Haushalte in Deutschland gar nicht erreicht, sondern primär die Unternehmens- und Vermögenseinkommen getroffen. Sie egalisiert also und korrigiert langfristige Trends in der Umverteilung.

Fußnoten

2.
Vgl. Nikos Askitas/Klaus F. Zimmermann, Prognosen aus dem Internet: weitere Erholung am Arbeitsmarkt erwartet, in: Wochenbericht des DIW Berlin, 76 (2009) 25, S. 402 - 408; dies., Sommerpause bei der Arbeitslosigkeit: Google-gestützte Prognose signalisiert Entspannung, in: Wochenbericht des DIW Berlin, 76 (2009) 33, S. 561 - 566.
3.
Vgl. Sachverständigenrat, Die Zukunft nicht aufs Spiel setzen. Jahresgutachten 2009/2010, Wiesbaden 2009.

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