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11.12.2009 | Von:
Klaus F. Zimmermann

Wirtschaftswunderjahr 2009

Konjunkturprognosen in der Krise

Alle uns nach und über die Klippe? In Zeiten großer Unsicherheiten folgen Menschen ihrem Herdentrieb, anstatt sich selber eine Meinung zu bilden. Das gilt auch für Investoren und Prognostiker. Wie Erdbeben sind auch existenzielle Wirtschaftskrisen unprognostizierbar. Schon zu normalen Zeiten sind Konjunkturprognosen auf mittlere Sicht sehr unsicher.[4] Gerade deshalb ist das öffentliche Interesse an ihnen riesengroß. In einer so zuvor nie dagewesenen Krise gilt das umso mehr. Prognosen sind deshalb gefährliche Unterhaltung, nicht unschuldige Wissenschaft, denn ihr Zweck ist Orientierung, und sie beeinflussen wirtschaftliches Verhalten.

Wer die Krise prognostiziert, braucht sich in Zeiten großer Unsicherheiten nicht zu wundern, wenn Aktienmärkte kollabieren und Investitionen angesichts der unklaren Zukunft unterbleiben. Der damit einsetzende Wirtschaftseinbruch bestätigt die Prognose und kann zum Systemzusammenbruch führen. Der Philosoph Karl Popper spricht vom Ödipus-Effekt, und das Phänomen, das auch in biologischen Systemen auftritt, wird nach dem Soziologen Robert K. Merton selbsterfüllende Prophezeiung genannt. Tatsächlich begann die Wirtschaftskrise prognostiziert, aber nicht voll verstanden, schon lange vor den kollabierenden Finanzmärkten im vorvergangenen Herbst. Die damit aufgetretene massive globale Unsicherheit erzeugte auch unter den Prognostikern Herdenverhalten - und massive systematische Revisionen mit immer negativeren Wachstumsprognosen. Unvermeidbar trug dies zu weltweit einbrechenden Absatzerwartungen der Investoren bei. Manche Prognosen wären deshalb besser unterblieben.[5]

Im April dieses Jahres verzichtete das DIW Berlin auf eine Prognose für 2010, legte sich aber für das laufende Jahr auf minus 4,9 % fest.[6] Es sei immer noch zu komplex, das Folgejahr zu diesem Zeitpunkt abzubilden. Die Gemeinschaftsdiagnose der Wirtschaftsforschungsinstitute, die kurz darauf vorgestellt wurde, kam dagegen zu minus 6 % für 2009 und zu minus 0,5 % für 2010. Beide Angaben der Gemeinschaftsdiagnose werden sich wohl als vorschnell erweisen. Die Schrumpfung 2009 wird wohl unter 5 % bleiben. Und 2010 wird aller Voraussicht nach viel besser als zuvor gedacht: Das DIW Berlin und die Gemeinschaftsdiagnose haben sich im Oktober auf ein Plus von 1,3 % bzw. 1,2 % festgelegt. Der Sachverständigenrat hat in seinem Jahresgutachten ein Plus von 1,6 % genannt. Einige Bankenvolkswirte haben bereits Prognosen mit bis zu 2,5 % Wachstum vorgelegt. Damit kann sich das DIW Berlin mit seiner eher zurückhaltenden Prognosestrategie bestätigt sehen.

Sollte damit ein Argument geliefert worden sein, Prognosen künftig generell zu unterlassen? Wohl kaum. Zwar können Prognosen in besonders kritischen Konjunkturphasen gefährlich, weil Krisen verstärkend, wirken. Und sie sollten unterbleiben, wenn ihre Prognosefähigkeit nicht minimalen Ansprüchen genügt. Beides trifft für den konjunkturellen Normalbetrieb nicht zu, wenn es um Vorhersagen von bis zu einem Jahr geht.

Fußnoten

4.
Vgl. Konstantin A. Kholodilin/Boriss Siliverstovs, Geben Konjunkturprognosen eine gute Orientierung?, in: Wochenbericht des DIW Berlin, 76 (2009) 13, S. 207 - 213.
5.
Vgl. Klaus F. Zimmermann, Schadensbegrenzung oder Kapriolen wie im Finanzsektor?, in: Wirtschaftsdienst, 88 (2008) 12, S. 18 - 20.
6.
Vgl. Christian Dreger et al., Nach dem Sturm: Schwache und langsame Erholung - Frühjahrsgrundlinien 2009, in: Wochenbericht des DIW Berlin, 76 (2009) 15 - 16, S. 238 - 270.

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