30 Jahre Mauerfall Mehr erfahren
APUZ Dossier Bild

11.12.2009 | Von:
Klaus F. Zimmermann

Wirtschaftswunderjahr 2009

Ursachen der Wirtschaftskrise

Grundsätzlich hätte die internationale Finanz- und Wirtschaftskrise Deutschland über drei Kanäle erreichen können: (1) über die internationale Verflechtung des Finanzsektors, welche die Kreditvergabe bedroht; (2) über die deutschen Exporte in die USA, aber auch in alle anderen Länder, die mit den USA in engen Wirtschaftsbeziehungen stehen; (3) durch die Zukunftserwartungen von Unternehmern und privaten Haushalten, die über die Risikobereitschaft die Investitionen und über das Konsumklima die Kauflust beeinflussen. Tatsächlich hatte der deutsche Konjunktureinbruch fast ausschließlich mit dem Einbruch der Exporte und mit der Investitionsgüterindustrie zu tun. Dies bestätigt ein weiteres Mal die übergroße Weltmarktabhängigkeit der deutschen Wirtschaft. Neu war diesmal, dass ein Einbruch in den Zukunftserwartungen der Investoren zu einem gleichzeitigen Einbruch der Nachfrage nach deutschen Investitionsgütern auf allen Weltmärkten geführt hat, wie er zuvor noch nie beobachtet wurde.

Der seit Sommer 2008 spürbare Rückgang der Weltkonjunktur bedrohte in vielen Staaten Beschäftigung und Wohlstand. Ausgegangen war der Rückgang von den USA, die bereits seit Jahresbeginn 2008 mit massiven Rezessionsängsten zu kämpfen hatten. Dazu kam eine langjährige, aber nun eskalierende Krise in der Automobilindustrie, in der die Unternehmen mit falschen Kostenstrukturen und verfehlten Produktpolitiken am Markt vorbei agierten. Das massive Konjunkturprogramm der USA im Sommer 2008 war bereits nach zwei Quartalen verpufft. Seine überwiegend über Steuerschecks ausgegebenen Mittel flossen letztlich nur zu einem Teil in den Konsum. Das Programm hat den weiteren Konjunkturabschwung und die danach vom Schritt ins Galoppieren geratene Finanzkrise in den USA nicht verhindern können.

Im Gegenteil hätte sich ohne die einsetzende Wirtschaftskrise der Zerfall der traditionellen Wall Street kaum so vollzogen. Die Vorstellung, ein paar "verantwortungslose Zocker" an der Wall Street hätten die Welt über Nacht zum Einsturz gebracht, ist falsch. Zwar sind im Finanzsektor schwere Fehler gemacht worden; zu glauben, dass der Kollaps dieses Sektors im Herbst 2008 die Ursache für die dann einsetzende Wirtschaftskrise darstellt, ist aber vorschnell. Denn längst hatte die Krise schleichend begonnen. Die vermeintlich "schnelle" Übertragung der Probleme von der finanz- auf die realwirtschaftliche Ebene ist zunächst einmal das Ergebnis eines Wahrnehmungsproblems und einer Verwechslung von Ursache und Wirkung. Dazu trägt natürlich bei, dass sich Stimmungen und Erwartungen von Konsumenten und Investoren heute wegen der unmittelbaren internationalen Kommunikation direkt anpassen. Dazu gehört aber auch, dass medial eine Dramatik inszeniert wird, indem Negativmeldungen überzeichnet und Positivmeldungen ignoriert werden. Letztlich gab es keine schnelle Übertragung der Probleme auf den Arbeitsmarkt, auf die Konsumstimmung und auf die Steuereinnahmen. Dies wurde in der öffentlichen Diskussion lange nicht ausreichend gewürdigt.

Die Finanzkrise hatte ihren Auslöser in einem dreifachen Staatsversagen in den USA: eine jahrelange Niedrigzinspolitik der Notenbank, die sogar negative Realzinsen zuließ und so die Häuserspekulationsblase erst ermöglichte, die Verweigerung einer frühzeitigen Regulierung der Finanzmärkte und der Verzicht auf die Rettung von Lehman Brothers, einer systemisch wichtigen Bank. Der Fall Lehman Brothers hatte eine wichtige symbolische Bedeutung, da die weltweite Vernetzung dieser Bank die Krise in die Finanzzentren der Welt transportierte.

Der deutsche Staatssektor hat in dieser Krise weder durch seine tief verstrickten Staatsbanken noch durch eine besonders effektive Bankenaufsicht überzeugt. Managerschelte ist verständlich, aber sie führt nicht weiter, denn hier geht es um die systemischen Risiken einer gesamten Branche. Die langfristige Stabilisierung des Wirtschaftssystems nur vom Staat zu erhoffen, hieße auf Sand zu bauen. Die Lehrbuchantwort einer angemessene Reaktion auf eine solche Finanzkrise war und ist eine international koordinierte Flutung der Geldversorgung, niedrige Zinsen, die Garantie der Interbankenkredite und der Spareinlagen, die Ablösung unfähiger Manager, die Bereitstellung von öffentlichem Eigenkapital durch eine temporäre Teilverstaatlichung verbunden mit einer simultanen Herauslösung der Problemaktiva in eine "Bad Bank" und die Etablierung einer reformierten internationalen Finanzordnung.

Leider ist eine solche Reaktion nur graduell erfolgt. Mängel gab es insbesondere bei der internationalen Koordination, bei der Lösung des Problems der toxischen Assets und damit der Sicherstellung des Kreditgewährungspotenzials durch die Zuführung frischen Kapitals sowie bei der Umsetzung einer neuen, global funktionierenden Finanzmarktkontrolle. Es war kontraproduktiv, die Banken zum Kotau zwingen zu wollen, wie dies das deutsche Rettungspaket vorsah. Dies verzögerte wegen der Stigma-Effekte die Gesundung. Hilfen wurden so nur unzureichend angenommen. Das Bad-Bank-Modell der Bundesregierung bleibt praktisch ungenutzt, weil es auf Freiwilligkeit setzt und staatliches Engagement im Bankensektor scheut. So bleibt bis heute die Gefahr, dass eine anspringende Konjunktur durch mangelnde Kreditbereitschaft der Banken und durch den konkurrierenden, krisenbedingt hohen Kreditbedarf der öffentlichen Hand behindert wird. Dann käme es tatsächlich zu dem, was populär "Kreditklemme" genannt wird.

Der Kern der Finanzkrise liegt aber im massiven Vertrauensverlust des Finanzsektors in sich selbst. Ruhe kehrt erst mit einer neuen internationalen Finanzarchitektur ein. Der Internationale Währungsfonds (IWF) und die Zentralbanken sind potenzielle Akteure auch einer künftigen Krisenbewältigung und sollten deshalb als Kontrollinstitute ausscheiden.[7] Nationale und supranationale (auf regionaler Ebene), international kooperierende Kontrollinstitute müssen mit schärferen Kontrollrechten für den gesamten Bankensektor unter Einschluss von Banken, Hedgefonds und Ratingagenturen ausgestattet werden. Die Kontrolle und Zertifizierung von Finanzprodukten muss um die Kontrollmöglichkeit ganzer Geschäftsstrategien erweitert werden. Es müssen Honorierungsgrundsätze für das Management gelten, die sich am langfristigen Unternehmenserfolg orientieren und die Verantwortung für unternehmerisches Handeln auch monetär fassen. Die Finanzkrise wird erst dann zum Verstärker einer allgemeinen Wirtschaftskrise, wenn der Bankensektor, die Zentralbanken und der massiv intervenierende Staat ihre Aufgaben nicht wahrgenommen haben.

Fußnoten

7.
Dem widerspricht, dass die Bundesregierung der Deutschen Bundesbank die Aufsicht über den Finanzsektor übertragen will. Tatsächlich hat die Bundesbank in der Krise eine respektable Rolle gespielt. Es ist aber ein grundsätzliches Problem, wenn in einer möglichen neuen Krise in der Zukunft der gescheiterte Aufseher auch der letzte Retter in größter Not sein soll.

Krise der Weltwirtschaft
Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 20/2009)

Krise der Weltwirtschaft

Seit September 2008 hat die globale Finanz- und Wirtschaftskrise Deutschland fest im Griff. In dem Heft werden Ursachen und Verlauf der Krise aus verschiedenen Blickwinkeln diskutiert.

Mehr lesen

Finanzmärkte

Globale Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/2009

Die globale Finanzkrise, die 2007 als Immobilienkrise in den USA begann, hat fast überall auf der Welt zu einem deutlich abgeschwächten Wirtschaftswachstum oder zur Rezession geführt. Zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg schrumpfte das reale Bruttoinlandsprodukt (BIP) der ökonomisch entwickelten Staaten.

Mehr lesen