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3.12.2009 | Von:
Matthias Jung
Yvonne Schroth
Andrea Wolf

Regierungswechsel ohne Wechselstimmung

Parteien und Sozialstruktur

Nachdem im Wahljahr 2002 die Union eher von Männern und die SPD eher von Frauen unterstützt worden war, spielte das Geschlecht 2005 beim Wahlverhalten kaum eine Rolle. Bei der Bundestagswahl 2009 gibt es die größten Unterschiede im Wahlverhalten von Männern und Frauen bei der Union, die bei Frauen mit 36 % besser abschneidet als bei Männern mit 31 %. Dies ist vor allem auf deutliche Gewinne bei den 30- bis 44-jährigen Frauen zurückzuführen. Auch die Grünen erhalten bei Frauen ein überdurchschnittliches Ergebnis, wohingegen die FDP und die Linke bei Männern besser abschneiden. Noch deutlicher sind jedoch die Unterschiede in den Altersgruppen und in Abhängigkeit vom formalen Bildungsgrad. Vor allem Letzteres stellt bezogen auf das Wahlverhalten ein stark diskriminierendes Merkmal dar.

Bei der CDU/CSU gibt es bekanntermaßen ein deutliches altersspezifisches Wählermuster. Die Union schneidet wie gewohnt sowohl gesamtdeutsch mit 42 % als auch in Ost (33 %) und West (44 %) bei den über 60-Jährigen am besten ab. Bei den unter 30-Jährigen erhält sie lediglich 27 % der Zweitstimmen. Bei den 30- bis 44-Jährigen kommt sie insgesamt auf 33 % und kann in dieser Alterskategorie vor allem im Osten zulegen (29 %, plus 7), im Westen bleibt sie unverändert auf 33 %. Bei den 45- bis 59-Jährigen erreicht die Union gesamtdeutsch 31 % (minus 3). In dieser mittleren Alterskategorie kann sie im Osten mit 30 % zulegen (plus 4), während sie im Westen nur noch auf 31 % kommt (minus 5). Betrachtet man zusätzlich zum Alter noch den formalen Bildungsgrad, so schneidet die Union bei den über 35-Jährigen mit Hauptschulabschluss mit 38 % am besten ab. Ihr schlechtestes Ergebnis hat die Union mit jeweils 27 % bei den unter 35-Jährigen mit formal niedrigem und höherem Bildungsabschluss.

Bei der SPD gab es 2005 kaum altersspezifische Unterschiede, was sich 2009 durch die erheblichen Verluste vor allem bei den unter 30-Jährigen deutlich verändert hat. Die starken Verluste bei jungen Wählerinnen und Wählern treten in Ost wie in West gleichermaßen auf. Bei den unter 30-Jährigen erreicht sie nur noch 16 %, das ist ein Verlust von 18 Prozentpunkten, und wird dort von der FDP (17 %) überholt. Die SPD erzielt wie die Union bei den über 60-Jährigen sowohl insgesamt mit 28 % (minus 6) als auch in Ost (26 %) und West (29 %) ihr bestes Ergebnis. Bei den 30- bis 44-Jährigen kommt die SPD auf 20 % (minus 13), bei den 45- bis 59-Jährigen mit nur durchschnittlichen Verlusten auf 24 % (minus 11). Bedeutende geschlechtsspezifische Unterschiede gibt es nicht. Wie auch die Union schneidet die SPD bei über 35-Jährigen mit Hauptschulabschluss mit 29 % am besten ab. Das schlechteste Ergebnis erreicht sie bei den unter 35-Jährigen mit mittlerem Bildungsabschluss (14 %), innerhalb dieser Gruppe verliert sie im Vergleich zur letzten Bundestagswahl 20 Prozentpunkte.

Wie auch schon 2005 wird die FDP von Männern (17 %) eher gewählt als von Frauen (13 %). Die FDP schneidet in beiden Landesteilen bei den unter 45-jährigen Wählerinnen und Wählern deutlich besser ab als in höheren Alterskategorien. Dies gilt vor allem im Westen für Männer unter 30 Jahren (20 %); in den neuen Bundesländern wird sie von jungen Männern wie Frauen gleichermaßen gewählt. Bei den unter 30-Jährigen kommt sie auf 17 % (plus 5); bei den 30- bis 44-Jährigen kann sie am meisten dazu gewinnen und kommt auf 16 % (plus 6). In der Altersgruppe von 45 bis 59 Jahren erhält sie 14 % der Stimmen, bei den Wählerinnen und Wählern ab 60 Jahren mit 12 % den niedrigsten Anteil. Bildungsunterschiede im Wahlverhalten zugunsten der FDP haben sich im Vergleich zu 2005 nivelliert, da sie vor allem bei jüngeren Wählerinnen und Wählern mit niedrigeren Bildungsabschlüssen zulegen konnte. So kommt die FDP bei den Wählerinnen und Wählern mit Hauptschulabschluss auf 13 % (plus 5) und bei denjenigen mit Mittlerer Reife auf 15 % (plus 5). Bei unter 35-jährigen Wählern mit mittlerem Bildungsabschluss kommt sie sogar auf 19 % (plus 7).

Die Grünen werden traditionell häufiger von Frauen gewählt, dies ist auch 2009 der Fall. Bei den Wählerinnen schneiden die Grünen mit 13 % besser ab als bei Wählern mit 9 %. Auch die Altersunterschiede sind wieder stark ausgeprägt. So lässt sich eine klare Linie zwischen Wählerinnen und Wählern unter bzw. über 60 Jahren ziehen. Die Grünen schneiden bei den unter 30-Jährigen mit 14 % (plus 4) am besten ab, wobei es mit 18 % vor allem unter 30-jährige Frauen sind, die grün wählen, bei den gleichaltrigen Männern sind es lediglich 11 %. Bei den 30- bis 44-Jährigen kommen sie auf 12 % (plus 2), bei den 45- bis 59-Jährigen auf 13 % (plus 4) und bei den über 60-Jährigen lediglich auf 6 % (plus 1). Diese Altersgrenze lässt sich auch für die alten Bundesländer nachzeichnen; im Osten werden die Grünen häufiger von den unter 45-Jährigen gewählt. Bei den ostdeutschen 45- bis 59-Jährigen kommen die Grünen lediglich auf 6 %, während die Linke in dieser Altersgruppe 33 % erreicht; bei den über 60-Jährigen sind es nur 4 %. Bei den Grünen existieren die deutlichsten Bildungsunterschiede: So erreichen die Grünen bei den formal höher Gebildeten ihr bestes Ergebnis. Bei den Hochschulabsolventen kommen sie auf 18 % (plus 4), bei Wählerinnen und Wählern mit Hochschulreife auf einen Anteil von 16 % (plus 3). Bei Wählerinnen und Wählern mit mittlerem Bildungsgrad erzielen sie 9 % (plus 2) und in der Gruppe mit Hauptschulabschluss lediglich 5 %. Während die Grünen im Westen unabhängig vom Alter bei Hochschulabsolventen am besten abschneiden, ist dies im Osten lediglich bei den unter 35-Jährigen der Fall (22 %). Bei den ostdeutschen Wählerinnen und Wählern über 35 Jahre mit Studienabschluss kommen die Grünen nur auf 9 %, die Linke hingegen auf 31 %.

Bei der Partei Die Linke bestehen nur in den neuen Bundesländern nennenswerte Altersunterschiede. Lediglich bei den über 60-Jährigen schneidet sie gesamtdeutsch unterdurchschnittlich ab (10 %), was auch für den Westen zutrifft. Im Osten erreicht die Linke hingegen mit 23 % bei den unter 30-Jährigen ihren geringsten Anteil; bei den 45- bis 59-Jährigen hat sie ein überdurchschnittliches Ergebnis (33 %). Am wenigsten Unterstützung erfährt die Linke bei jungen ostdeutschen Wählerinnen und Wählern mit hohem Bildungsgrad, während es bei Wählern ab 35 Jahren kaum Bildungsunterschiede gibt. In den westlichen Bundesländern schneidet die Linke in denjenigen Gruppen am besten ab, in denen die SPD starke Verluste verbuchen muss, und zwar bei den unter 35-Jährigen mit niedrigem (15 %, plus 8) und mittlerem (12 %, plus 6) Bildungsabschluss. Auch bei jüngeren westdeutschen Wählerinnen und Wählern mit hohem Bildungsgrad erzielt sie ein weniger gutes Ergebnis (7 %). Bei den über 35-Jährigen gibt es auch hier kaum noch Bildungsunterschiede und durchschnittliche Resultate.

Neben Alter, Geschlecht und Bildungsabschluss spielen weitere sozialstrukturelle Merkmale wie die berufliche Stellung eine bedeutende Rolle für die Erklärung von Wahlverhalten. Die Zugehörigkeit zu sozialen Gruppen in ähnlichen sozialen Lagen fördert das Durchlaufen spezifischer politischer Sozialisationsprozesse, welche Auswirkungen auf die Wahrnehmung und Deutung sozialer Wirklichkeiten sowie auf soziales und politisches Verhalten haben. Das Parteiensystem der Bundesrepublik und die interessenpolitischen Ausrichtungen selbst der beiden Volksparteien brachten bis in die 1980er Jahre klare Allianzen zwischen "gesinnungsmäßig" homogenen Stammwählern und den Volksparteien hervor. Die Bindungen zwischen kirchlich gebundenen Katholiken und der Union sowie gewerkschaftlich organisierten Arbeitern und der SPD waren in der alten Bundesrepublik jahrzehntelang von großer Bedeutung. Intensität und Ausmaß dieser langfristigen Bindungen sozialer Gruppen an Parteien nehmen jedoch immer weiter ab. Auch scheinen die Parteien diesen Gruppen keine klare symbolische Repräsentanz mehr bieten zu können.

Die SPD muss seit der Bundestagswahl 2002 bei ihren traditionellen Stammwählern, Arbeiter und Gewerkschaftsmitglieder, kontinuierlich Verluste hinnehmen. Noch Ende der 1990er Jahre erzielten die Sozialdemokraten in diesen Wählergruppen mehr als die Hälfte der Stimmen. Nachdem die SPD 2002 und 2005 innerhalb der verschiedenen Berufsgruppen unter den Arbeitern noch ihr bestes Ergebnis erzielen konnte (44 % und 37 %), wird sie im Jahr 2009 nur noch von einem Viertel der Arbeiter (25 %, minus 12) gewählt. Die Union erfährt in der Berufsgruppe der Arbeiter mit 31 % erstmals mehr Unterstützung als die SPD. Auch die Linke kann wiederholt innerhalb der Arbeiterschaft zulegen. Nachdem sie bereits im Jahr 2005 von 12 % der Arbeiter gewählt wurde, erreicht sie bei dieser Wahl 16 %. Die Verluste der SPD innerhalb der Arbeiterschaft kommen aber auch der FDP (13 %, plus 6) und den Grünen (7 %, plus 2) zugute, die in der Vergangenheit hier deutlich weniger präferiert worden waren.

In den neuen Bundesländern ist die Linke bei den Arbeitern mit 32 % (plus 3) stärkste Partei, die Union kann sich auf 28 % (plus 4) verbessern, und die SPD, die unter den Arbeitern in Ostdeutschland bereits 2005 ihre Vorrangstellung eingebüßt hatte, kommt lediglich auf 17 % (minus 12). Bei westdeutschen Arbeitern können vor allem die FDP und die Linke Stimmen gewinnen und erreichen 14 % (plus 6) bzw. 11 % (plus 5). Auch hier wird die SPD mit 27 % hinter der Union (32 %) nur zweitstärkste Partei. Betrachtet man zusätzlich zur beruflichen Stellung noch die Mitgliedschaft in einer Gewerkschaft, so wird die SPD unter Gewerkschaftsmitgliedern im Westen mit 36 % zwar noch stärkste Partei, sie muss jedoch im Vergleich zu den Wahlen 2002 (52 %) und 2005 (50 %) in ihrer Stammwählerschaft herbe Verluste hinnehmen. Selbst unter gewerkschaftlich organisierten Arbeitern im Westen kommt die SPD nur noch auf 37 %, in den Jahren 2002 (56 %) und 2005 (54 %) wurde sie dort noch mehrheitlich unterstützt. Die Linke kann bei westdeutschen Gewerkschaftsmitgliedern mit 14 % (plus 6) ein überdurchschnittliches Ergebnis erzielen, und selbst die FDP kommt in dieser Gruppe auf 10 % (plus 4).

In den beiden großen Gruppen der Angestellten und Beamten erhalten die Parteien auch bei dieser Wahl nur wenig vom Gesamtergebnis abweichende Resultate. Bei den Selbstständigen bekommt zwar die Union die meisten Stimmen (36 %), doch muss sie im Vergleich zu 2005 in dieser Berufsgruppe überdurchschnittliche Verluste hinnehmen (minus 5), wovon die FDP erneut profitierte. Diese liegt bei den Selbstständigen bei überdurchschnittlichen 24 % (plus 4), die Grünen erreichen 13 % (plus 3), die Linke 8 % (plus 3) und die SPD 15 % (minus 8). Bereits vor vier Jahren wurde die Linke stark überdurchschnittlich von Arbeitsuchenden unterstützt, und sowohl die Union als auch die SPD mussten in dieser Wählergruppe Einbußen hinnehmen. Dieser Trend setzt sich fort: Die Linke kommt jetzt unter Arbeitslosen auf ein Rekordergebnis von 32 % (plus 7), die SPD rutscht auf 19 % (minus 14) und die Union auf 16 % (minus 4) ab. Bei Auszubildenden und Studierenden kam die SPD bei der Wahl 2005 noch auf 37 %, die Union lag in dieser Gruppe deutlich dahinter. Bei dieser relativ jungen Wählergruppe verliert die SPD massiv an Unterstützung und kommt nur noch auf 18 %. Die Union schneidet mit 24 % (minus 2) besser ab als die SPD, und vor allem die Grünen können in dieser jungen Wählerschaft mit 19 % (plus 5) ein überdurchschnittliches Ergebnis erzielen. Aber auch die FDP und die Linke können bei den Auszubildenden von der Schwäche der Sozialdemokraten profitieren und kommen auf 14 % (plus 4) bzw. 12 % (plus 5).

Weniger die Konfessionsunterschiede als die Stärke der Kirchenbindung spielen beim Wahlverhalten weiterhin eine große Rolle. Bei einer zwar in beiden Konfessionen abnehmenden Kirchenbindung zeigt sich weiterhin eine klare Tendenz der kirchlich gebundenen Katholiken zugunsten der CDU/CSU: So erreicht die Union bei westdeutschen Katholiken, wenn auch mit Verlusten, ein weit überdurchschnittliches Ergebnis von 44 % (minus 4). Bei Katholiken mit Kirchenbindung kommt sie sogar auf 67 % (minus 5). Die SPD schafft in dieser Gruppe lediglich 12 %. Diese treue Anhängerschaft der Union verliert jedoch immer mehr an Bedeutung, da der Anteil der Katholiken mit starker Kirchenbindung inzwischen auf 8 % an der Gesamtheit der Wahlberechtigten zurückgegangen ist. Die SPD büßt 2009 ihren Vorsprung bei den Protestanten mit 27 % (minus 13) ein, und die Union wird mit 32 % (minus 2) stärkste Partei. Lediglich bei den westdeutschen Konfessionslosen bleibt die SPD mit 24 % (minus 13) noch vor der Union mit 20 % (minus 2) und der FDP mit 18 % (plus 7). In den ostdeutschen Bundesländern ist die Linke unter den Konfessionslosen erstmals mit 33 % (plus 3) stärkste Partei. Damit löst sie die SPD ab, die 2002 deutlich und auch noch 2005 knapp besser abschnitt.

Die traditionellen Bindungen an die Parteien haben sich seit den 1980er Jahren stark gelockert. Die berufliche Stellung hat bei dieser Wahl weiter an Erklärungskraft verloren. So kann man zusammenfassend feststellen, dass der SPD nach elf Jahren Regierungsbeteiligung ihre Stammwähler, die Arbeiter und Gewerkschaftsmitglieder, davongelaufen sind. Die jahrelange symbolische Repräsentanz wurde von dieser Wählergruppe seit 2002 immer weniger wahrgenommen. Die Linke scheint diese Lücke der Interessenvertretung partiell ausfüllen zu können. Lediglich Katholiken mit Kirchenbindung weisen nach wie vor starke Affinität zur Union auf. Beide traditionellen Wählergruppen schrumpfen schon seit längerer Zeit und spielen daher anteilsmäßig innerhalb des Elektorats eine immer geringere Rolle.

So wird das Abschneiden der Parteien seit geraumer Zeit und in zunehmendem Maße von einer Mehrheit von Wählern bestimmt, die entweder über keine oder lediglich über eine schwache Parteiidentifikation verfügen und ein hohes Maß an instrumentell-pragmatischen Einstellungen gegenüber politischen Prozessen aufweisen. Trotz dieses zunehmenden dealignment bleiben Ungleichheitsmuster bestehen, denn nach wie vor sind beim Wahlverhalten Alters- und vor allem Bildungsunterschiede deutlich ausgeprägt. Die SPD muss vor allem bei Jungwählern starke Verluste hinnehmen und ist nun, wie die Union schon längere Zeit, eine von über 60-Jährigen überdurchschnittlich häufig präferierte Partei, während die drei kleinen Parteien bei den Jüngeren punkten können, die FDP eher bei jungen Männern, die Grünen eher bei jungen Frauen. Ost-West-Unterschiede im Wahlverhalten sind immer noch bei der Linken auszumachen, wobei die Linke in beiden Teilen Deutschlands sowohl von unterschiedlichen Wählergruppen als auch in nicht vergleichbarem Ausmaß Unterstützung findet.


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