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Dimensionen sozialer Gerechtigkeit


6.11.2009
Das Verständnis von sozialer Gerechtigkeit hat sich gewandelt: In den globalisierten "Dienstleistungsgesellschaften" wird weniger auf die Ergebnisse der Verteilung (Gleich- vs.Ungleichverteilung) als vielmehr auf die Zugangsmöglichkeiten fokussiert.

Einleitung



In den vergangenen Jahren ist in Deutschland ein deutlicher Anstieg der Einkommens- und Vermögensungleichheiten zu verzeichnen. Einerseits müssen die unteren zehn Prozent der Einkommensbezieher stagnierende oder gar rückläufige Reallöhne hinnehmen und es wächst der Anteil derer, die trotz Erwerbstätigkeit nicht in der Lage sind, ihren Lebensunterhalt selbst zu decken.[1] Andererseits verdienen die oberen zehn Prozent der Einkommensbezieher zunehmend besser und verfügen mittlerweile über fast zwei Drittel des Gesamtvermögens. Für Viele spiegelt sich in dieser Entwicklung nicht nur eine "soziale Schieflage" wider, sondern sehen in ihr einen Ausdruck zunehmender sozialer Ungerechtigkeiten: Ungleichheiten im Steuersystem, ungleiche Bildungschancen, Ungleichheiten in der medizinischen Versorgung etc. Handelt es sich in all diesen Fällen tatsächlich um Beispiele sozialer Ungerechtigkeit?










Nicht notwendigerweise! Denn es gibt zum einen unterschiedliche Vorstellungen darüber, was als gerecht oder ungerecht zu bezeichnen ist. So sind hohe Einkommensungleichheiten nur dann ungerecht, wenn man soziale Gerechtigkeit als Ergebnisgleichheit versteht, also jeder das Gleiche bekommen sollte. Einkommensungleichheiten können aber auch sozial gerecht sein, wenn man der Ansicht ist, dass die Einkommensverteilung in einer Gesellschaft die individuelle Leistungsfähigkeit widerspiegeln sollte. In beiden Fällen beruft man sich auf Gerechtigkeit, kommt aber jeweils zu einem anderen Urteil.

Zum anderen kann der Standpunkt vertreten werden, dass bestimmte Ungleichheiten überhaupt nicht Gegenstand von Gerechtigkeitserwägungen sein können. Dies gilt etwa für die Verteilung von Einkommen und Vermögen in einer Marktwirtschaft. Da hier Preise das Ergebnis von Markttransaktionen sind, die sich jeweils aus den Bedingungen von Angebot und Nachfrage ergeben, werden sie weder durch eine zentrale Instanz festgelegt noch kann man Ansprüche auf ein bestimmtes Preisniveau geltend machen. Beides, die Möglichkeit Verantwortung zuschreiben und Ansprüche geltend machen zu können, sind jedoch Voraussetzungen für eine Anwendung des Maßstabs der Gerechtigkeit. Wenn dies nicht möglich ist, können die resultierenden Verteilungen weder gerecht noch ungerecht sein, es ist dann allenfalls Unglück, wenn man auf den Märkten nicht die erhofften Gewinne erzielt.

Ungleichheiten sind somit nicht per se ungerecht und auch nicht immer im Namen der sozialen Gerechtigkeit zu korrigieren. Wer herausfinden will, wann etwas gerecht oder ungerecht ist, kann grundsätzlich zwei Wege gehen: einen normativen und einen empirischen. Wählt man den normativen Weg, so sucht man Antworten darauf, was wir tun sollen, was die Gerechtigkeit fordert und was von einem moralischen Standpunkt aus gerecht oder ungerecht ist. Dies ist Gegenstand der Philosophie und der politischen Theorie. Wählt man hingegen den empirischen Weg, will man wissen, was tatsächlich in einer Gesellschaft als gerecht oder ungerecht gilt, warum Menschen bestimmte Gerechtigkeitsvorstellungen haben und was daraus in ihrem Verhalten folgt. Dies ist Gegenstand der empirischen Gerechtigkeitsforschung.

Dieser Beitrag stellt aus Sicht der empirischen Gerechtigkeitsforschung dar, welche Vorstellungen sich mit dem Begriff der sozialen Gerechtigkeit verbinden. Dazu werden einige zentrale begriffliche Unterscheidungen und empirische Befunde vorgestellt. Abschließend wird auf mögliche gesellschaftliche Ursachen für einen Wandel des Verständnisses sozialer Gerechtigkeit hingewiesen.


Fußnoten

1.
Vgl. Olaf Groh-Samberg, Armut in Deutschland verfestigt sich, in: DIW Wochenbericht, (2007) 12, S. 177-182.

 
Ungleichheit - UngerechtigkeitAus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 37/2005)

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