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Gefühlte (Un)Gerechtigkeit

6.11.2009

Gefühlte Ungerechtigkeit der Einkommens- und Vermögensverteilung



Was die Gründe für eine Beurteilung der wirtschaftlichen Verhältnisse als ungerecht betrifft, brachten frühere Untersuchungen keine Überraschungen. Die soziale Ungleichheit sowie die Unterschiede zwischen Arm und Reich stehen bei der Beurteilung der Ungerechtigkeit der Einkommens- und Vermögensverteilung im Vordergrund. Ungleichheit und Ungerechtigkeit sind allem Anschein nach eng miteinander verbunden und stellen dementsprechend am häufigsten den Bezugsrahmen für die Thematisierung von Ungerechtigkeit dar:[13] Die subjektiven Befunde aus den vergangenen Jahrzehnten in Deutschland bringen zum Ausdruck, dass die Einkommens- und Vermögensverteilung überwiegend als ungerecht wahrgenommen wird. Allerdings gibt es beträchtliche Unterschiede - je nachdem, ob es pauschal um die Einkommensverteilung geht, oder differenziert um einzelne Erwerbseinkommen.[14]

Der Anteil "gerechter" und "ungerechter" Einstellungen schwankt im Laufe der Jahrzehnte erheblich, wobei langfristig ein Anstieg der Ungerechtigkeitsempfindungen zu verzeichnen ist. Während Allensbacher Umfragen zufolge 1964 bis 1979 die Menschen in der Mehrheit waren, welche die wirtschaflichen Verhältnisse in Deutschland als gerecht beurteilten, sank ab den 1980er Jahren der Anteil der "Gerechtigkeitsurteile" deutlich unter den der "Ungerechtigkeitsurteile". Diese Entwicklung erfuhr 2008 eine dramatische Zuspitzung: Im ersten Krisenjahr finden sich viermal so viele "Ungerechtigkeitsurteile" wie "Gerechtigkeitsurteile". Eine Expansion des Ungerechtigkeitsgefühls zeichnet sich ab, und es stellt sich die Frage, ob dieser Trend zum Stillstand kommt oder ob er von der Gesellschaft mehr oder weniger ausgehalten wird.[15]

Thematisch verwandte Fragen führen zu ähnlichen Ergebnissen. Gefragt nach der Wohlstandsverteilung beurteilten 79 Prozent der Westdeutschen im Jahr 2008 diese als ungerecht, unter den Ostdeutschen lag dieser Anteil sogar bei 85 Prozent (Abbildung 3 der PDF-Version). Auch die Einkommensunterschiede werden überwiegend als zu groß empfunden. Die kritische Beurteilung der Einkommens- und Vermögensverteilung durch die Bevölkerung ist nach den vorliegenden Befunden in Deutschland weit verbreitet und seit langem vorhanden. Entsprechend findet auch die Gleichheitsidee eine erstaunlich positive Resonanz - wobei auch hier Ostdeutschland, wo die Idee der sozialen Gleichheit lange Zeit starke ideologische Unterstützung fand, höhere Werte verzeichnet.


Fußnoten

13.
Vgl. die Beiträge in APuZ, (2005) 37 ("Ungleichheit-Ungerechtigkeit").
14.
Vgl. Stefan Liebig/Jürgen Schupp, Leistungs- oder Bedarfsgerechtigkeit, in: Soziale Welt, 59 (2008) 1, S. 7 - 30.
15.
So fragen M. Hüther/T. Straubhaar (Anm. 1) von einem liberalen Standpunkt aus: "Warum wir Ungleichheit aushalten müssen, wenn wir Freiheit wollen."

 
Ungleichheit - UngerechtigkeitAus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 37/2005)

Ungleichheit - Ungerechtigkeit

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