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6.11.2009 | Von:
Mike S. Schäfer
Andreas Schmidt
Teresa Zeckau

Transnationale soziale Ungleichheit in den Medien

Überall wird nach "Drüben" geschaut: Anhand der Berichterstattung der Regionalpresse in drei deutschen Grenzregionen wird untersucht, inwiefern soziale Ungleichheiten länderübergreifend wahrgenommen werden.

Einleitung

Die Europäische Union (EU) ist in den vergangenen Jahren enger zusammengewachsen. Politische Regelungen wurden homogenisiert und die Mitgliedstaaten zunehmend wirtschaftlich integriert. Zudem zeichnet sich - sichtbar etwa an der Intensivierung grenzüberschreitenden Austauschs und steigender beruflicher Mobilität - auch eine Vertiefung der sozialen Integration ab.[1] Angesichts dieser Vernetzung ist denkbar, dass EU-Bürgerinnen und -Bürger auch zunehmend die Angehörigen anderer Mitgliedstaaten wahrnehmen und sich mit ihnen vergleichen. Politisch von besonderer Brisanz ist diesbezüglich die Frage, ob auch die Lebensverhältnisse in anderen Ländern zunehmend grenzüberschreitend wahrgenommen werden. Denn die Bürger verschiedener EU-Länder haben durchaus unterschiedliche Lebenschancen; die europäischen Länder unterscheiden sich beispielsweise in Bildung, Arbeitsplatzsicherheit, Vermögen und Einkommen zum Teil deutlich.[2]












Bislang aber verglichen sich, so zumindest die gängige Annahme der soziologischen Ungleichheitsforschung, die Menschen vornehmlich mit ihren Landsleuten und fühlten sich auf dieser Basis gegebenenfalls besser- oder schlechtergestellt.[3] Mit der vertieften EU-Integration könnte es nun aber sein, dass sich dies ändert und die Menschen beginnen, sich auch mit Personen(gruppen) jenseits ihrer Landesgrenzen zu vergleichen - es könnte zu einer Transnationalisierung sozialer Ungleichheit(swahrnehmung) kommen. Wäre dies der Fall, dann könnten die Folgen schwerwiegend sein: Eine Wahrnehmung der nach wie vor recht unterschiedlichen Lebensverhältnisse innerhalb der EU könnte sich auf die Lebenszufriedenheit von Bürgern auswirken, sie könnte Forderungen nach politischem Handeln, etwa nach einer EU-weiten Homogenisierung der Sozialpolitik nach sich ziehen und letztlich den sozialen Frieden innerhalb der EU gefährden.

Bisher wurden von Sozialwissenschaftlern jedoch vor allem "objektiv" bestehende Unterschiede vermessen. Die Frage, ob diese von den Menschen auch als bedeutsame Ungleichheiten angesehen und für die Bewertung der eigenen Lebenssituation für relevant gehalten werden, ist dagegen kaum aufgegriffen worden.[4] Wir haben uns daher eine Analyse dieser grenzüberschreitenden Wahrnehmung vorgenommen. Dabei haben wir uns auf die Wahrnehmung der Einkommenssituation anderer Länder beschränkt (inkl. aus Arbeitsverhältnissen erzieltes Erwerbseinkommen, Besitzeinkommen wie Zinsen oder Dividenden und Transfereinkommen wie Kindergeld oder Sozialhilfe), weil diese als wichtigste materielle Voraussetzung gesellschaftlicher Teilhabe und als guter Indikator für andere Dimensionen sozialer Ungleichheit gilt.[5] Die Wahrnehmung der Einkommenssituation in den Nachbarländern rekonstruieren wir auf der Basis von Medienberichterstattung und gehen dabei den folgenden Leitfragen nach:

1. Wie intensiv wird die Einkommenssituation im Nachbarland (in der Presse) wahrgenommen und mit der Situation im eigenen Land verglichen?

2. Werden Unterschiede expliziert und (z.B. durch die Beschreibung positiver oder negativer Folgen dieser Unterschiede) für die Situation im eigenen Land relevant gemacht?

3. Welche Forderungen werden daraus abgeleitet und an wen sind diese adressiert?

Für die Beantwortung dieser Fragen haben wir die führenden Regionalzeitungen in drei deutschen Grenzregionen untersucht,[6] da anzunehmen ist, dass die grenzübergreifende Wahrnehmung dort besonders ausgeprägt ist (Abbildung). Da Regionen verglichen wurden, in denen "objektive" Einkommensunterschiede zum jeweiligen Nachbarland und unterschiedliche Traditionen grenzüberschreitenden Austauschs bestehen, dürfte sich eine instruktive Vielfalt unterschiedlicher Wahrnehmungen zeigen.

Erstens haben wir die Ostgrenze Bayerns zwischen den deutschen Landkreisen Freyung-Grafenau und Regen und den tschechischen Verwaltungsbezirken Plze?skÝ kraj und JihoceskÝ kraj anhand der Berichterstattung der "Passauer Neuen Presse" untersucht.[7] Hier finden sich massive Einkommensunterschiede: Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf liegt auf der deutschen Seite bei 25 921 Euro, auf der tschechischen Seite dagegen nur bei 7147 Euro.[8] Diese Grenze war zudem lange geschlossen; sie stellte bis zum Ende des Kalten Krieges für beide Seiten "das Ende der eigenen Lebenswelt" dar.[9] Und trotz Tschechiens EU-Beitritt finden sich in dieser Region nach wie vor weniger grenzüberschreitende Kontakte als in anderen deutschen Grenzregionen.[10]

Zweitens analysieren wir anhand der "Lausitzer Rundschau" die sächsisch-brandenburgische Ostgrenze zwischen den deutschen Landkreisen Spree-Neiße, Bautzen bzw. dem Niederschlesischen Oberlausitzkreis sowie den polnischen Verwaltungsbezirken Zielonogórski und Jeleniogórski. Hier ähneln die "objektiven" Unterschiede zwischen beiden Seiten in ihrer Relation denen zwischen Bayern und Tschechien, sie liegen jedoch auf einem niedrigeren absoluten Niveau. Das deutsche BIP liegt in dieser Region bei 18 273 Euro, das polnische bei 4700 Euro. Der Grenzverkehr dieser Region war und ist dagegen intensiver als an der bayerisch-tschechischen Grenze. Schließlich war die deutsche Seite der Grenze vor 1990 Teil der DDR und gehörte damit wie auch Polen zum Ostblock. Entsprechend gab es schon vor 1989 einen Austausch zwischen beiden Seiten, der sich seitdem noch etwas intensiviert zu haben scheint.[11]

Drittens betrachten wir die westdeutsche Westgrenze, genauer: die Landkreise Merzig-Wadern, Saarlouis, Saarbrücken, Trier-Saarburg, den Saarpfalz-Kreis, den Eifelkreis Bitburg-Prüm und die kreisfreie Stadt Trier, die an die luxemburgischen Distrikte Grevenmacher und Diekirch sowie das französische Département Moselle grenzen. Hier untersuchen wir sowohl die "Saarbrücker Zeitung" als auch den "Trierischen Volksfreund". In dieser Region liegen die "objektiven" Unterschiede anders - das deutsche und das französische BIP pro Kopf unterscheiden sich kaum (22 985 bzw. 20 400 Euro), während es auf der luxemburgischen Seite der Grenze mit 53 800 Euro deutlich höher liegt. Zudem findet sich an dieser Grenze schon seit Jahrzehnten ein intensiver grenzüberschreitender Verkehr und Austausch, der sich mit dem Inkrafttreten des Schengener Abkommens und durch die Öffnung des EU-Binnenmarktes noch einmal deutlich verstärkte.[12]

Fußnoten

1.
Vgl. Steffen Mau, Transnationale Vergesellschaftung, Frankfurt/M.-New York 2007; Jochen Roose, Vergesellschaftung an Europas Binnengrenzen, Wiesbaden 2009 (i.E.); Roland Verwiebe, Mobilität innerhalb Europas, Berlin 2004; als Überblick: Stefan Immerfall, Europa - politisches Einigungswerk und gesellschaftliche Entwicklung, Wiesbaden 2006.
2.
Vgl. Stefan Hradil/Stefan Immerfall (Hrsg.), Die westeuropäischen Gesellschaften im Vergleich, Opladen 2007; Steffen Mau/Roland Verwiebe, Die Sozialstruktur Europas, Konstanz 2009.
3.
Vgl. Martin Heidenreich (Hrsg.), Die Europäisierung sozialer Ungleichheit, Frankfurt/M.-New York 2006.
4.
Es gibt allerdings eine nennenswerte Ausnahme: Jan Delhey und Ulrich Kohler konnten auf Basis einer repräsentativen Umfrage zeigen, dass viele Bürgerinnen und Bürger die Lebenssituation in anderen Ländern nicht nur einschätzen können, sondern dass dies - wenn sie es können - auch die Bewertung ihrer eigenen Lebenssituation beeinflusst. Allerdings lagen ihnen nur Daten für Deutschland, Ungarn und die Türkei vor, die zwischen 1999 und 2002 erhoben wurden. Vgl. Jan Delhey/Ulrich Kohler, From Nationally Bounded to Pan-European Inequalities? On the Importance of Foreign Countries as Reference Groups, in: European Sociological Review, (2005) 22, S. 125-140.
5.
Vgl. Carsten G. Ullrich, Soziologie des Wohlfahrtsstaates, Frankfurt/M. 2005, S. 161; Ute Volkmann, Legitime Ungleichheiten, Wiesbaden 2006, S. 20.
6.
Für jede der vier untersuchten Zeitungen wurden nach umfassenden Schlagwortsuchen in der Medien-Datenbank WISO alle Artikel des Zeitraums 1998-2007 entnommen, die sich mit Erwerbseinkommen, Besitzeinkommen oder Transfereinkommen beschäftigten. Insgesamt handelte es sich um 1231 Artikel. Von diesen wurden auf Basis der "Grounded Theory" 373 qualitativ untersucht.
7.
Die PNP ist, wie die anderen untersuchten Zeitungen auch, die auflagenstärkste Zeitung in den untersuchten Landkreisen.
8.
Die Daten beziehen sich auf die jeweilige Region, nicht den gesamten Staat. Erhoben wurde das BIP für das Jahr 2002, die Unterschiede sind in anderen Jahren des Untersuchungszeitraums ähnlich. Vgl. Eurostat, Strukturindikatoren 2009, online: http://epp.eurostat.ec.eu ropa.eu/portal/page/portal/structural_indicators/indica tors/economical_context (15. 4. 2009).
9.
Michael Weigl/Michaela Zöhrer, Regionale Selbstverständnisse und gegenseitige Wahrnehmung von Deutschen und Tschechen, CAP-Analyse 3/2005, S. 4.
10.
Vgl. Jochen Roose, Vergesellschaftung an Europas Binnengrenzen, Wiesbaden 2009 (i.E.).
11.
Vgl. Maria Rutowska, Die regionale Zusammenarbeit in der deutsch-polnischen Grenzregion in den Jahren 1945-1989, in: Helga Schultz/Alan Nothnagle (Hrsg.), Grenze der Hoffnung, Potsdam 1996, S. 42-48.
12.
Vgl. Akademie für Raumforschung und Landesplanung, Grenz-Lagen. Der deutsch-französisch-luxemburgische Grenzraum zwischen Eifel und Rhein, Hannover 1999; Peter Moll, Stand und Probleme der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit im Raum Saarland/Lothringen/Luxemburg/westliches Rheinland-Pfalz, in: Akademie für Raumforschung und Landesplanung (Hrsg.), Grenzübergreifende Raumplanung, Hannover 1992, S. 101-121; Daniela Scherhag, Europäische Grenzraumforschung, Hannover 2008.

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