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16.10.2009 | Von:
Oliver Schmidtke

Einwanderungsland Kanada - ein Vorbild für Deutschland?

Herausforderungen und Probleme

Nach der sehr erfolgreichen Arbeitsmarktintegration von Migranten bis in die 1990er Jahre hinein sieht sich die kanadische Immigrations- und Integrationspolitik seit einem Jahrzehnt vor einer Reihe ernster Herausforderungen. Im Kern geht es um eine wachsende und in ihren Konsequenzen zunehmend schwieriger zu rechtfertigende Diskrepanz zwischen der beabsichtigten bedarfsorientierten Auswahl und reibungslosen Eingliederung von Einwanderern einerseits und einer sozialen Realität, in der sich insbesondere der Übergang in den Arbeitsmarkt als schwierig erweist, andererseits. Auf den ersten Blick erscheint die Situation paradox: Kanada wählt seine Einwanderer sorgfältig mit Blick auf Bildungstitel und Arbeitserfahrungen aus, doch dann gelingt es nur unzureichend, diesen Neuankömmlingen berufliche Positionen zu eröffnen, die ihrer Qualifikation entsprechen.

Ein Indiz für dieses Problem ist die im vergangenen Jahrzehnt wachsende Kluft zwischen dem Einkommensniveau der im Land geborenen und der zugewanderten Bevölkerung. Diese Einkommensschere öffnet sich seit den frühen 1990er Jahren zunehmend: Während beispielsweise der 1980 in Kanada eingewanderte economic immigrant zunächst ein Einkommen bezog, das 23 Prozent über dem kanadischen Durchschnitt lag, so verschwand dieser Vorteil bis Mitte der 1990er Jahre und wandelte sich in einen 20 Prozent niedrigeren Verdienst. Aktuell liegt das Durchschnittseinkommen der in den zurückliegenden zehn Jahren zugewanderten Migranten um 35 Prozent unter der vergleichbaren Gruppe der in Kanada Geborenen. Die für klassische Einwanderungsnationen so entscheidende Annahme, dass es nur einer geringen Übergangsfrist bedürfe, um als Immigrant gleichberechtigt an den beruflichen Möglichkeiten und dem Wohlstand der neuen Heimatgesellschaft teilhaben zu können, lässt sich immer weniger aufrechterhalten.[4] Gelang es den in den 1970er Jahren Zugewanderten noch, die Einkommensnachteile innerhalb von 10 bis 15 Jahren auszugleichen und sogar die im Land geborene Bevölkerung zu überflügeln, so hat die in den 1990er Jahren zugewanderte Migrantengeneration kaum Aussicht, die Einkommensschere in absehbarer Zeit zu schließen. Ähnlich verhält es sich bei den Arbeitslosenzahlen: Insbesondere die Zuwanderer der vergangenen zehn Jahre leiden unter einer doppelt so hohen Arbeitslosenquote wie die im Land Geborenen.

Ein anderer, hiermit verbundener Aspekt der Arbeitsmarktintegration von Einwanderern ist deren Beschäftigung in minderqualifizierten beruflichen Positionen. Die kanadische Öffentlichkeit hat überrascht zur Kenntnis genommen, dass jüngste Migrantengruppen geringeren Erfolg auf dem Arbeitsmarkt haben, obwohl sich das Bildungsniveau der Einwanderer in den vergangenen Jahrzehnten immer weiter erhöht hat und sie über größere Arbeitserfahrungen aus ihren Heimatländern verfügen. Durch die mangelnde Nutzung der Qualifikationen und der Arbeitserfahrung von Immigranten entstünde, so Jeffrey Reitz, ein volkswirtschaftlicher Schaden von über zwei Milliarden Dollar im Jahr.[5] Medial spektakulär aufbereitete Fälle von Einwanderern aus Indien, die in Toronto keine faire Chance auf dem Arbeitsmarkt erhalten hätten und unter öffentlicher Anteilnahme die Rückreise in ihr Herkunftsland antraten, haben die kanadische Öffentlichkeit mit einer Realität konfrontiert, die so gar nicht in das Selbstbild des Landes als Einwanderungsnation passen will. Dieser Befund verweist auch auf die verschärfte internationale Konkurrenz um gut ausgebildete Migranten. Die gewachsene Mobilität und das Wissen um national unterschiedliche Lebens- und Arbeitsbedingungen haben dazu beigetragen, dass die kanadische Immigrations- und Integrationspolitik auf die Gefahren eines brain drain reagieren muss. Schätzungen von Statistics Canada zufolge verlässt ein Drittel der 25 bis 45 Jahre alten männlichen Einwanderer Kanada innerhalb von 20 Jahren wieder; die Hälfte derjenigen, die Kanada den Rücken kehrten, taten dies im ersten Jahr nach ihrer Ankunft.

Wie lässt sich dieses Paradox erklären, dass die "besten Köpfe" angeworben werden, doch nur mangelhaft Zugang zu den beruflichen Positionen finden, für die sie qualifiziert sind und durch die sie im Auswahlverfahren erfolgreich waren? Dieser Befund ist umso irritierender, als die als permanent residents angeworbenen Migranten der kanadischen Bevölkerung rechtlich gleichgestellt sind und nicht unter den institutionellen Formen der Exklusion vom Arbeitsmarkt zu leiden haben, denen sich viele Zuwanderer in Deutschland ausgesetzt sehen.[6] Auch hat es die kanadische Öffentlichkeit überrascht, dass vor allem die hochqualifizierten Migranten bei ihrer Suche nach qualifikationsgerechten Positionen auf beträchtliche Barrieren stoßen. Bei dieser Gruppe wurde schlicht unterstellt, dass deren "kulturelles Kapital" (Pierre Bourdieu) bruchlos im kanadischen Arbeitsmarkt genutzt werden könne.

Ökonomen verweisen vor allem auf die Veränderungen des kanadischen Bildungssystems und des Arbeitsmarktes selbst, deren Erwartungen mit den Fähigkeiten der Zugewanderten immer weniger in Einklang zu bringen seien: So seien dort spezifische Qualifikationen und Standards gefordert, die insbesondere durch die primären aktuellen Entsendeländer nur unzureichend bereitgestellt würden. Darüber hinaus beklagen Arbeitgeber mangelnde soziale Kompetenzen (soft skills), derer es bedürfe, um sich in einer zunehmend kommunikativ vernetzten Wirtschaft durchzusetzen. Der kanadische Staat hat hierauf mit einer Vielzahl von Programmen reagiert, die hochqualifizierte Migranten mit Blick auf ihre jeweiligen Berufsfelder fortbilden und sie auf Vorstellungsverfahren vorbereiten.

Fußnoten

4.
Vgl. Marc Frenette/René Morissette, Will They Ever Converge? Earnings of Immigrant and Canadian-born Workers Over the Last Two Decades, in: International Migration Review, 39 (2005) 1, S. 228-58; Ana Ferrer/Craig Riddell, Education, Credentials, and Immigrant Earnings, in: Canadian Journal of Economics, 41 (2008) 1, S. 186-216.
5.
Vgl. Jeffrey Reitz, Immigration Skill Utilization in the Canadian Labour Market: Implications of Human Capital Research, in: Journal of International Migration and Integration, 2 (2001) 3, S. 347 - 378.
6.
Siehe den Beitrag von Arnd-Michael Nohl/Anja Weiß in dieser Ausgabe.