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16.10.2009 | Von:
Oliver Schmidtke

Einwanderungsland Kanada - ein Vorbild für Deutschland?

Anerkennung von Bildungstiteln und Arbeitserfahrung

Bei der Frage nach den Eintrittsbarrieren in den Arbeitsmarkt, welche die marktgemäße Bewertung der Arbeit und Erfahrungen von Immigranten unterlaufen, spielt die Anerkennung von Bildungstiteln eine maßgebliche Rolle.[7] Deren mangelnde oder schwierige Übertragbarkeit ist ein Indiz dafür, wie reguliert der kanadische Arbeitsmarkt ist - dem deutschen weitgehend vergleichbar. Der Prozess der Anerkennung von Bildungstiteln wird von den Betroffenen als sehr schwierig beschrieben, unter anderem, weil eine Vielzahl von Institutionen beteiligt ist, deren jeweilige Kompetenzen oftmals nicht klar abgegrenzt sind.

Obgleich auf Provinzebene sogenannte credential assessment services eingerichtet wurden, bedarf es tatsächlich der Zusammenarbeit von staatlichen Stellen, Berufsverbänden, Ausbildungsinstitutionen und Arbeitgebern, um Qualifikationen und Bildungstitel zu prüfen und anzuerkennen. Wiederholt werden hierbei insbesondere von den Berufsverbänden - etwa für Ingenieure, Ärzte oder Architekten - Standards eingefordert, die von den Einwanderern selbst oftmals als willkürliche Eintrittsbarrieren bzw. Ausschlussverfahren wahrgenommen werden. Gegenwärtig arbeitet der kanadische Staat an einer einheitlichen Foreign Credentials Recognition Agency auf föderaler Ebene, welche die 13 Verwaltungsgerichtsbarkeiten, 15 Berufsverbände und über 400 mit der Bewertung von ausländischen Bildungstiteln befassten regulativen Institutionen in einem vereinfachten Verfahren zusammenführen soll.

Neben der Schließung des Arbeitsmarktes durch Verbände spielt das fehlende Wissen um Ausbildungswege und den Arbeitsmarkt insbesondere in den nicht-europäischen Entsendeländern eine große Rolle. So gilt es in manchen Berufsfeldern fast als Regel, dass Einwanderer einen Großteil, wenn nicht den gesamten Bildungsweg nochmals durchlaufen und einen kanadischen Abschluss erwerben müssen, um Zugang zum Arbeitsmarkt in ihrem Bereich zu finden. Entscheidend ist aber vor allem, dass fast ausschließlich in Kanada erworbene Arbeitserfahrungen für den Zugang zum Arbeitsmarkt als relevant anerkannt werden. Diese lassen sich jedoch häufig nur durch unbezahlte Praktikumsstellen sammeln. Hierbei besteht die Gefahr für Immigranten, in einen Kreislauf aus unterqualifizierter Arbeit und fehlender einschlägiger Arbeitserfahrung zu geraten (besonders Frauen sind hiervon betroffen). Das fehlende Wissen um den Prozess der Anerkennung von Bildungstiteln oder der Verfügbarkeit von Fort- und Sprachausbildung tragen weiter dazu bei, dass viele Einwanderer aus ihren erlernten Berufen zurückweichen und ihre professionellen Fähigkeiten ungenutzt lassen. Der eingewanderte taxifahrende Ingenieur oder Arzt ist nicht nur in Frankfurt oder Berlin, sondern eben auch in Toronto oder Vancouver anzutreffen.

Neben dem mangelnden Wissen um die im Ausland erworbenen Bildungstitel und Arbeitserfahrungen spielen auch kulturelle Vorbehalte gegen Einwanderer aus nicht-europäischen Ländern eine Rolle. Wie Shibao Guo und Per Andersson beschreiben,[8] werden die Erfahrungen dieser Immigranten als grundsätzlich "fremd" und gleichzeitig defizitär bewertet. Gesellschaftlich hätten sich Standards der Bewertung durchgesetzt, die sich fast ausschließlich an den westlichen Industrienationen orientierten. Das kulturelle Kapital von asiatischen Migranten werde durch Arbeitgeber systematisch niedriger bewertet, auch wenn dieses formal gleichwertig ist. Jenseits der rechtlichen Bedeutung sind Begriffe wie Immigrant, Bildung oder Arbeitserfahrung gesellschaftlich konstruiert und oftmals negativ konnotiert. Bildungsabschlüsse oder professionelle Erfahrungen aus nicht-westlichen Institutionen laufen so Gefahr, kulturell als zweitrangig und problematisch betrachtet zu werden.[9]

Fußnoten

7.
Vgl. Abdurrahman Aydemir/Mikal Skuterud, Explaining the Deteriorating Entry Earnings of Canada's Immigrant Cohorts, 1966 - 2000, in: Canadian Journal of Economics, 38 (2005) 2, S. 641 - 72.
8.
Vgl. Shibao Guo/Per Andersson, Non/Recognition of Foreign Credentials for Immigrant Professionals in Canada and Sweden, Prairie Centre of Excellence for Research on Immigration and Integration, Working Paper 04 - 05, Edmonton 2005.
9.
Vgl. dazu P. S. Li (Anm. 1).