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Kriegsbeginn 1939: Anfang vom Ende des Deutschen Reichs


24.8.2009
Vor 70 Jahren zeigte sich Hitlers Bereitschaft, Grenzen und Traditionen des Bismarck-Reiches zu sprengen. Im Verlauf "seines" Weltanschauungskrieges zerstörte er das Reich und das alte Europa.

Einleitung



Dass der ehemalige Gefreite des "Großen Krieges" sein Regierungsprogramm am 2. Februar 1933 zuerst in einer geheimen Ansprache vor der Reichswehrführung erläuterte, war bezeichnend.[1] Vieles blieb dabei undeutlich, aber wenn Adolf Hitler bereits hier von der Sicherung von "Lebensraum" sprach, dann kündigte sich ein dramatischer Kurswechsel an. Nach dem Ende der ersten deutschen Republik entwickelte sich die deutsche Politik zielstrebig auf die Auslösung eines neuen europäischen Krieges hin. Hitlers Machtantritt bedeutete, dass die von den konservativen Machteliten bislang angestrebte Revision der Ergebnisse des Weltkriegs nur eine Zwischenstufe bilden würde, um den Kampf um eine Weltmachtposition Deutschlands wiederaufnehmen zu können. Erst in der Weltherrschaft der "arischen Rasse" und der Beseitigung der "jüdisch-bolschewistischen" Gefahr sollte sich Hitlers Lebensraum-Programm vollenden: durch die Bildung eines "Großgermanischen Reiches deutscher Nation".






Aus dem Blickwinkel von 1933 mochten das noch irrlichternde Visionen sein. Weil Hitler der militärischen Führung aber die "Wehrhaftmachung" der Nation versprach und der Armee zusicherte, dass sie der einzige "Waffenträger" des Reiches bleiben werde, wurde die Reichswehr neben der NSDAP zur mächtigsten Stütze des Regimes und konnte ihre bis dahin geheimen Aufrüstungspläne nun zügig umsetzen. Trotz des deutschen Auszugs aus dem Völkerbund brachte man Hitler im Ausland ein gewisses Vertrauen entgegen, weil er sich als "Bollwerk gegen den Bolschewismus" propagandistisch in Szene zu setzen verstand. Der Abbruch der geheimen Kontakte seiner Militärs mit Moskau war unausweichlich.

Sogar eine überraschende Annäherung an Polen wurde nun möglich. In Europa kam die 1919 in Versailles konstruierte Nachkriegsordnung schneller als erwartet in Bewegung und erwies sich bald als hohle Fassade. Für ihre Aufrechterhaltung war selbst die bisherige Hegemonialmacht Frankreich nicht bereit, größere militärische Risiken einzugehen.[2] Doch der wichtigste Impuls zur Zerstörung des internationalen Systems ging von Deutschland aus. Zusammen mit Italien und Japan nutzte das "Dritte Reich" die erneute Einschränkung des globalen Engagements der USA als Folge der Weltwirtschaftskrise, um eine Neuverteilung der wichtigsten Rohstoffzentren und Absatzgebiete zu erreichen und auf diese Weise eigene, autarke "Großräume" zu schaffen. Die britische Regierung hielt einige Korrekturen des Versailler Vertrags für berechtigt. Sie folgte nur widerwillig dem von Deutschland ausgelösten Wettrüsten, was ihrer Bevölkerung nicht einfach zu vermitteln war. Zudem war Frankreich durch die Volksfrontregierung tief gespalten und außenpolitisch kaum handlungsfähig.

Zu den Turbulenzen des Spanischen Bürgerkrieges kam 1937 Japans neuer Krieg in China. Auch hier griffen die Westmächte nicht ein. Hitler beschleunigte nun seinen auf Krieg zielenden Kurs. Der "Anschluss" Österreichs gelang ihm 1938 ebenso wie die "Zerschlagung" der Tschechoslowakei durch eine Mischung aus Gewaltandrohung, innerer Zersetzung und geschickten diplomatischen Schachzügen. Im Falle der Tschechoslowakei war er bereits zum "Schlagen" entschlossen, als ihn der italienische Diktator Benito Mussolini zur Übereinkunft mit den Westmächten drängte, die im Münchener Abkommen zunächst zur Abtretung des Sudetenlandes an das Reich führte. "Frieden für unsere Zeit" glaubte der britische Premierminister Neville Chamberlain mit Hitlers Unterschrift erreicht zu haben. Doch dieser erpresste im März 1939 die Unterwerfung der sog. Rest-Tschechei, ermutigte die Slowakei, sich als Satellitenstaat mit dem Reich zu verbünden, und hatte zunächst auch die Hoffnung, Polen auf seine Seite zu ziehen, indem er sich mit einigen Grenzkorrekturen zufrieden geben wollte und Warschau an der tschechischen Beute beteiligte.

Mit der Garantieerklärung für Polen und der Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht gab Großbritannien schließlich im März 1939 ein deutliches Signal, dass von nun an jede weitere deutsche Aggression in einen neuen großen Krieg führen würde. Der polnische Widerstand verstärkte Hitlers Entschlossenheit zur kriegerischen Unterwerfung des Landes. Er war davon überzeugt, dass die Westmächte letztlich vor dem Krieg zurückschrecken würden. Deren Anstrengungen, die Sowjetunion für eine Militärallianz zur Eindämmung Deutschlands zu gewinnen, scheiterten an Stalins Forderungen, die faktisch auf eine sowjetische Einflussnahme im Baltikum sowie in Polen hinausliefen. Hitler erkannte seine Chance, die sich bildende Front seiner Gegner zu spalten. Dafür war er bereit, seinem Todfeind Stalin, der gerade in der Mongolei eine japanische Expeditionsarmee geschlagen hatte, Ostmitteleuropa zu überlassen.

Das "weltpolitische Dreieck Berlin-Rom-Tokio", das der deutsche Diktator seit Ende 1937 anstrebte, reduzierte sich am 22. Mai 1939 auf den sog. Stahlpakt mit Italien, was zunächst militärisch ohne Bedeutung blieb, weil Mussolini erst ab 1942 mit der Kriegsbereitschaft seines Landes rechnete. Durch den überraschenden Abschluss eines Nichtangriffsvertrages mit der UdSSR am 23. August 1939 sorgte Hitler dafür, dass im Kriegsfall nicht wieder eine Zweifrontensituation entstand, was er in seiner programmatischen Schrift "Mein Kampf" als den größten Fehler des Kaiserreichs bezeichnet hatte. Damit überzeugte er die zögernde Generalität, die zwar ein Vorgehen gegen Polen befürwortete, aber Deutschland für noch nicht ausreichend gerüstet hielt, um einen Weltkrieg wagen zu können.

Zwei Tage nach dem spektakulären Hitler-Stalin-Pakt schlossen Großbritannien und Frankreich einen Beistandspakt mit Polen. Ihre demonstrative Entschlossenheit beeindruckte Hitler für einen Moment, so dass er den Angriffsbefehl zurückzog und durch hektische diplomatische Aktivitäten Großbritannien zur Zurückhaltung drängen wollte. Polen ließ sich nicht auf direkte Verhandlungen ein, mit denen es sich gegenüber seinen Verbündeten isoliert hätte. So erteilte Hitler erneut den Angriffsbefehl, jetzt zum 1. September 1939, in der Erwartung, dass sich Risikobereitschaft und Nervenstärke wieder einmal auszahlen würden. Doch Paris und London stellten am 3. September ultimativ die Forderung nach einem deutschen Rückzug und erklärten nach Fristablauf dem Deutschen Reich den Krieg. Hitler zeigte sich entschlossen, den Krieg unter allen Umständen weiterzuführen, auch um den Preis eines möglichen neuen Weltkriegs.[3]


Fußnoten

1.
Der Beitrag beruht auf Rolf-Dieter Müller, Militärgeschichte (UTB), Köln u.a. 2009.
2.
Vgl. Rainer F. Schmidt, Die Außenpolitik des Dritten Reiches 1933 - 1939, Stuttgart 2002.
3.
Vgl. Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg. 10 Bde., Stuttgart 1979/München 2008.

 

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